Kommentar

Bayern muss sich neu erfinden - aber kann Hoeneß das?

Das bisherige Geschäftsmodell ermöglicht international keine Erfolge mehr. Aber die alten Anführer sind wohl nicht fähig zum disruptiven Prozess.

Uli Hoeneß hat den Umbruch beim FC Bayern verpasst

Uli Hoeneß hat den Umbruch beim FC Bayern verpasst

Foto: Alexandra Beier / Getty Images

Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu sorgen. „Hoeneß fordert: Englische Klubs sollen nach dem Brexit nicht mehr an der Champions League teilnehmen“, witzelten Satiriker vom „Postillon“. Wenn es doch nur so einfach wäre.

Nach Bayerns K.o. gegen Liverpool steht erstmals seit 13 Jahren kein Bundesligist im Viertelfinale der Champions League, dafür vier englische Klubs. „Ich hoffe, dass es am Ende keine Landesmeisterschaft wird“, sagt selbst Liverpools Coach Jürgen Klopp. Denn es hat zwar lange gedauert, aber nun scheint sich die überlegene Finanzkraft der Premier League auch in der Königsklasse breitflächig durchzusetzen. Die Bilanz der Bundesligaklubs fiel mit fünf Niederlagen mit einem Torverhältnis von 3:17 Toren (durch zwei Elfmeter und ein Eigentor übrigens) sowie einer Nullnummer im Direktduell des Achtelfinals jedenfalls verheerend aus.

Individualisten, die auf höchstem Niveau ein Spiel entscheiden wie der blitzschnelle Sadio Mané oder der felsengleiche Virgil van Dijk hatte München nicht (genug). Interne Kritik an der Taktik ist daher als Nebelkerze anzusehen: Niko Kovac hat nur gecoacht, was sein Personal hergibt. Das kann fünf Tage vorher zwar Wolfsburg mit 6:0 wegputzen, für Gegner auf Weltniveau reicht es eben nicht. „Ich sage nur einen Satz“, begann Hoeneß seine Stellungnahme nach dem 15-minütigen Kabinenbesuch am Mittwoch: „Liverpool hat einfach besser gespielt und verdient gewonnen.“ Das sagt eigentlich alles.

Die Theorie der Disruption ist in Zeiten der Digitalisierung allgegenwärtig, nun scheint sie offenbar auch den deutschen Fußball zu erreichen, für den sich das immer größere Ungleichgewicht bei den Finanzen zur existenzberaubenden Revolution auswächst. Um nicht unterzugehen, müsste man sich neu erfinden. Ob Bayern allerdings in der Lage sein wird, sein Geschäftsmodell von Grund auf zu verändern, muss sich erst noch zeigen. Nur die Besten der Bundesliga-Konkurrenz (und ein, zwei Auslandsstars) zu kaufen, das funktioniert als Geschäftsmodell für internationale Erfolge jedenfalls nicht mehr.

Empfohlen wird bei Disruption die (angenommene) Nullstellung. Bundestrainer Löw hat sie offenbar vorgenommen, als er Boateng und Co. aussortierte. Und dass der von ihm angezählte Bayern-Torwart Neuer den entscheidenden ersten Fehler gegen Liverpool verursacht, ist dabei keine Ironie. Aber was macht Bayern? Sie versuchen, Löw zu bremsen. Dabei sollten sie beim Neuanfang auf allen Ebenen bis hin zu völlig neuen Konzepten mithelfen – aber dass die Münchener Bosse („Wenn Sie wüssten...“) mit ihren bekannten Denkmustern zum disruptiven Prozess in der Lage sind, ist leider zu bezweifeln. Das sind keine guten Aussichten für die Bundesliga. Es ist so nämlich zu befürchten, dass sie künftig noch viel öfter belächelt wird.