Biathlon-WM

Wolfgang Pichler: Der Königsmacher von Schweden

Wie eine kleine Stadt im Jämtland dank bayerischer Hilfe zu großen sportlichen Erfolgen kam

Schwedens Biathletin Hanna Öberg krönte sich im Einzel über 15 Kilometer zur Weltmeisterin.

Schwedens Biathletin Hanna Öberg krönte sich im Einzel über 15 Kilometer zur Weltmeisterin.

Foto: PETTER ARVIDSONvia www.imago-images.de / imago images / Bildbyran

Östersund. Artillerigatan, Kadettstigen, Regementsgatan; die militärische Vergangenheit Östersunds ist nicht zu übersehen. Zahlreiche Straßenschilder künden von der Geschichte als Garnisonsstadt. König Gustaf III. war es, der Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Festungen errichten ließ.

Nicht zuletzt zum Schutz vor den Norwegern, deren Grenze nur 170 Kilometer östlich verläuft. In jene Zeit reichen auch die Anfänge des modernen Biathlons zurück, das heute Zehntausende ins Stadion und Millionen an die Fernseher lockt.

Im Umkreis von weniger als einem Kilometer tummeln sich mehrere Sportstätten

An der schwedisch-norwegischen Grenze maßen sich damals Soldaten beider Länder in Wettkämpfen, bei denen während eines Skirennens mit dem Gewehr auf Ziele geschossen wurde. Daraus entwickelte sich später der Militärpatrouillenlauf; ein Mannschaftswettbewerb, ähnlich der heutigen Staffel.

Doch mit dem steten Abbau der Streitkräfte bis zur gänzlichen Abschaffung der Wehrpflicht in Schweden musste sich Östersund praktisch neu erfinden. Der einstige Kasernenkomplex beheimatet längst den Campus der „Mittuniversitetet“, einer über die Landesgrenzen hinaus bedeutenden Universität. Auf dem früheren Truppenübungsgelände im Norden der Stadt stehen mittlerweile die Fußball-Arena, die Eishalle und das Skistadion – im Umkreis von nicht einmal einem Kilometer.

Östersund hat sich zur Sportstadt entwickelt

„Wir sind eine Verwaltungs- und Sportstadt geworden“, sagt Putte Eby, Marketing-Stratege der Kommune. Er erzählt von den erfolgreichen Kickern (die in der Europa League Hertha BSC besiegten), den aufstrebenden Basketballern, einem ambitionierten Eishockey-Team, Curling-Meisterschaften, dem Alpinhang und dem angesagten Golfplatz auf der Insel Frösön.

„Vor Kurzem sind wir bei der Wahl zu Schwedens sportlichster Stadt hinter Stockholm und Göteborg auf Platz drei gelandet“, verrät er stolz. Dabei liegt Östersund im Größenvergleich abgeschlagen auf Rang 36; weit hinter Malmö, Uppsala, Västeräs oder Linköping.

Zum dritten Mal findet die Biathlon-WM in Östersund statt

Den gesellschaftlichen Aufstieg hat der 60.000-Einwohner-Ort in der Mitte des Landes neben den Skilangläufern hauptsächlich den Biathleten zu verdanken, die nach 1970 und 2008 nunmehr zum dritten Mal ihre Weltmeister hier ermitteln. Das nationale Trainingszentrum ist hier angesiedelt; die Universität begleitet den Leistungssport sowohl wissenschaftlich als auch technologisch.

Weil Are als Pilgerort der Alpinskifahrer nur knapp hundert Kilometer entfernt liegt, wohnen nahezu alle schwedischen Top-Wintersportler in der Region.

Der Coach formt die weltbeste Biathletin

Ein Deutscher besitzt einen riesigen Anteil an dieser modernen Erfolgsgeschichte. Auch wenn es im liberalen Skandinavien kein Denkmal sein muss; zum Ehrenbürger von Östersund könnten sie ihn schon ernennen, den Wolfgang Pichler. Der Bayer war 1995 ausgezogen, um die schwedischen Skijäger an die Spitze zu führen. „Für mich war es ein perfekter Spielplatz und die Schweden ein Glücksfall“, sagte der 64-Jährige: „Hier hast du nicht diese harten Strukturen, ich konnte immer machen, was ich wollte – das hat mir einfach getaugt.“

Ein Abenteuer, für das er anfangs belächelt, dafür aber später umso mehr bewundert wurde. Unter Pichlers Regie avancierte Magdalena Forsberg zur weltbesten Biathletin um die Jahrtausendwende. Sechs Mal in Folge sicherte sie sich den Gesamtweltcup, wurde sechs Mal Weltmeisterin und spricht als heutige Eurosport-Expertin noch immer voller Hochachtung von ihrem einstigen Entdecker.

Seine Athleten gewannen 43 Medaillen bei Großevents

Doch sie war keinesfalls ein One-Hit-Wonder, mit dem der kauzige Ruhpoldinger die Chartspitze seines Sports stürmte. Nach ihr folgten noch Anna Carin Olofsson und Helena Ekholm (Jonsson), die er zu Olympiasieg und WM-Titel führte. Bei den Winterspielen in Pyeongchang 2018 holten Hanna Öberg und die Männer-Staffel sensationell Gold.

Und als Krönung gab es am Dienstag Öbergs beeindruckenden Triumphzug vor heimischer Kulisse, der „ohne Pichler so nicht möglich gewesen wäre“, wie Öberg weinend kundtat. „Wolfgang ist einer der besten Trainer, den ich hatte. Er holt das Beste aus uns raus“, sagte auch Sebastian Samuelsson, der mit Schwedens Staffel im Vorjahr sensationell Olympiagold holte.

Der Bayer war schon zum Geburtstag der Kronprinzessin eingeladen

Dank nunmehr 43 Medaillen bei internationalen Großereignissen liegen die Schweden Pichler nun endgültig zu Füßen. Wäre der Thron nicht mit einem gewissen Carl Gustaf auf Lebenszeit besetzt; der Chiemgauer hätte durchaus gute Chancen, zum König von Schweden ernannt zu werden. Immerhin war er schon zum Geburtstag von Kronprinzessin Victoria eingeladen.

Trainerstation in Russland kostet ihn fast die Olympia-Akkreditierung

Allerdings sind auch Monarchen nicht unfehlbar. Pichlers dreijähriges Intermezzo in Russland darf getrost als Fauxpas bezeichnet werden. Der kompromisslose Antidoping-Kämpfer, der aufgrund seiner Haltung und deutlicher Äußerungen sogar Morddrohungen aus Russland erhalten hatte, geriet so mitten hinein in den größten Dopingskandal der olympischen Geschichte.

Das kostete den Bayern aus Ruhpolding viel Reputation und beinahe die Akkreditierung für die Spiele in Pyeongchang. Nicht auszudenken, hätte er die Erfolge seiner Schützlinge lediglich aus der Ferne verfolgen können.

Pichler lebt Biathlon, steht selbst noch regelmäßig auf Skiern, muss den Schnee riechen, die Sportler packen können.

Schwer vorstellbar, dass er sich nach dieser Weltmeisterschaft als Trainer zurückzieht. Sollte er jedoch tatsächlich aufhören, wird es wohl nicht lange dauern, bis eine Straße hinauf zum Skistadion in Pichlergatan umbenannt wird. Es wäre das Mindeste.