Andrea Henkel

„Mich hat das damals völlig umgehauen“

Andrea Henkel über die Biathlon-WM, ihre drei Titel von Östersund und den Ärger über Verdächtigungen in der Wiener Blutbankaffäre.

Von wegen schwedisches Winterparadies: Die Freude über zwei Goldmedaillen beim WM-Auftakt 2008 verflog bei Andrea Henkel schnell, weil sie des Blutdopings verdächtigt wurde.

Von wegen schwedisches Winterparadies: Die Freude über zwei Goldmedaillen beim WM-Auftakt 2008 verflog bei Andrea Henkel schnell, weil sie des Blutdopings verdächtigt wurde.

Foto: Martin Schutt / picture-alliance/ dpa

Östersund. Andrea Henkel gehört zu den erfolgreichsten Biathletinnen der Sportgeschichte. Sie gewann zwischen 2000 und 2013 vier Medaillen bei Olympischen Spielen und 16 Mal WM-Edelmetall. In Östersund 2008 avancierte sie mit drei Goldmedaillen zur ersten Skijägerin, die Weltmeisterin in den vier Invididual-Disziplinen wurde (Einzel, Sprint, Verfolgung, Massenstart). Ein besonderes Kunststück, das nach ihr nur noch der Französin Marie Dorin-Habert gelang. Im März 2014 beendete die Thüringerin ihre Karriere und ließ sich zur Personaltrainerin ausbilden. Derzeit ist die 41-Jährige in der Spielshow „Ewige Helden“ im TV zu sehen. Natürlich verfolgt Andrea Henkel, die inzwischen mit Nachnamen Burke heißt und mit ihrem Ehemann Tim in Lake Placid (USA) lebt, auch die an diesem Donnerstag mit der Mixedstaffel beginnende Weltmeisterschaft in Schweden (16.15 Uhr, ARD und Eurosport) ganz genau.

Frau Burke, welche Gefühle beschleichen Sie, wenn ab diesem Donnerstag in Östersund um WM-Titel gekämpft wird?

Andrea Henkel: Ich freue mich drauf, weil es bestimmt schöne und spannende Wettkämpfe werden. Wir haben zwar keinen Fernseher, aber im Internet werde ich die Rennen auf jeden Fall verfolgen.

Mit etwas Wehmut?

Ach, Quatsch. Dafür bin ich zu lange raus. Aber es werden natürlich Erinnerungen an 2008 wach; an den Super-Auftakt mit den Goldmedaillen im Sprint und in der Verfolgung sowie dem Super-Ende mit dem Staffelsieg – aber auch an den Sturm zwischendurch mit einer Absage und diese Frechheit mit der Liste. Die hat mir nicht nur den Massenstart kaputt gemacht.

Sie standen damals auf einer anonym veröffentlichten Dopingliste von 30 Sportlern („Wiener Blutbank“), die bei der WM für Aufruhr sorgte und sich später als frei erfunden herausstellte.

Nachdem es schon zuvor beim Weltcup in Antholz unhaltbare Anschuldigungen gegeben hatte, war gerade alles wieder ruhiger geworden – bis zum Abend vor dem Massenstart… Mich hat das völlig umgehauen, dass einige Namen von uns auf dieser Liste standen. Ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen. Noch heute empfinde ich es als eine Frechheit, dass uns damals einige Medien öffentlich an den Pranger stellen konnten, ohne die Sache überprüft zu haben. Als feststand, dass es Blödsinn war, wurden sie weder sanktioniert, noch haben sie sich bei uns entschuldigt. Echt traurig.

Überlagert die Wut darüber die Freude über Ihre damaligen großen Erfolge?

Nein, die lasse ich mir nicht verderben. Nur, weil einigen die Schlagzeile mehr wert war als der Mensch dahinter. Sportlich waren es tolle Erlebnisse; vor allem, weil ich als Erste alle WM-Einzeltitel gewinnen konnte. Damals war mir die Bedeutung gar nicht so bewusst, doch im Nachhinein muss ich sagen: Das ist schon etwas Besonderes.

Aktuell schockt der Doping-Skandal um den Erfurter Arzt Mark Schmidt den kompletten Wintersport. Sie auch?

Ja, natürlich. Wenn sich das alles bestätigt, ist das kriminell – und er sollte so hart wie möglich bestraft werden; genauso wie die Sportler, die gedopt haben.

Im Biathlon-Weltverband ist ein Erneuerungsprozess im Gange. Haben Sie Hoffnung auf Aufklärung in der Affäre um Ex-Präsident Anders Besseberg?

Ich fand es erschreckend, dass Doping vertuscht und durch korrupte Verantwortliche gedeckt worden sein soll. Verantwortliche, die eine Verantwortung gegenüber dem Sport und seinen Sportlern haben. Das ist unfassbar. Ich hoffe, dass diese Leute mit aller Härte zur Rechenschaft gezogen werden, wenn ihre Schuld bewiesen ist.

Sogar ein Internetportal für „Whistleblower“, also anonyme Informanten, soll dabei helfen. Finden Sie das richtig?

Wenn es dort bei der Wahrheit bleibt und nichts erfunden wird, wie bei uns damals, natürlich. Alles was hilft, den Sport sauberer zu machen und wieder für mehr Glaubwürdigkeit zu sorgen, kann nur gut sein. Schade ist aber, dass es überhaupt gemacht werden muss.

Gehörte Östersund einst zu Ihren Lieblingsorten?

Ja, doch. Die Schweden dekorieren alles so schön. Die Stadt ist gemütlich, und man ist vom Stadion schnell dort, um beim Bummeln etwas Ablenkung zu finden. Damals waren die Wärmeröcke ganz neu; die fanden wir toll. Auch die Strecke hat mir gefallen – bis auf eine Kurve nach der steilen Abfahrt. Da musste ich vor allem bei schwierigen Bedingungen immer kämpfen.

2008 klappte das ja – und Sie durften zur Belohnung einen Elchgarten besuchen. Wie nah kamen Sie den Tieren?

Ziemlich nahe. Die waren echt beeindruckend. Elche sieht man ja auch nicht alle Tage, so dass das etwas Besonderes war.

Damals wie heute zählen die Schweden zu den Top-Nationen. Macht Sie der Heimvorteil automatisch zu den Favoriten?

Sie gehören dazu. Den Trubel, den eine Heim-WM immer mit sich bringt, kennen sie ja von den Weltcups. Außerdem sind sie noch jung. Da verkraften sie das schon. Doch für eine WM-Medaille muss immer alles passen.

Trägt Laura Dahlmeier die größten deutschen Hoffnungen?

Sie versteht es wie keine andere, sich zu fokussieren - wenn es darauf ankommt. Deshalb muss man sie trotz der schwierigen Saison auf dem Zettel haben, ganz klar. Aber wie gerade die letzten Weltcups gezeigt haben, können es auch die anderen deutschen Frauen aufs Podest schaffen. Bei den Männern ist es genauso: Erik Lesser ist in Schwung gekommen, Arnd Peiffer so konstant wie noch nie – und auch die Jüngeren standen ja schon auf dem Treppchen.

Wie häufig ist das Biathlon noch Thema im Hause Burke?

Schon noch regelmäßig – wenn auch anders als früher; als wir aktiv waren. Wir sind dem Sport ja noch verbunden. Tim ist Nachwuchskoordinator im US-Verband, ich trainiere die Kinder bei uns im Ort. Wir gehen auch regelmäßig gemeinsam Skilaufen, nur Schießen muss er allein. Auf der Jagd war ich nur einmal mit, um zu sehen, wie sich unsere „Heidi“ so anstellt.

Heidi?

Ja, wir haben seit ein paar Monaten einen Deutsch Kurzhaar, einen Jagdhund. Sie ist noch jung, macht uns aber viel Freude.

Sie sind also angekommen in Ihrem neuen Leben im Nordosten der USA?

Absolut. Wir sind glücklich. Und in Östersund damals hat übrigens alles begonnen. Auf der WM-Abschlussparty haben wir uns zum ersten Mal etwas länger unterhalten. Auch das vergisst man nicht.