Kolumne

Auf eine Zigarre mit Rudi Assauer

Wie der Schalke-Manager mir einst den Fußball erklären wollte. Begegnungen und Begebenheiten in 23 Jahren Sport-Journalismus als Frau.

Rudi Assauer trägt 1997 den Uefa-Pokal durch das Parkstadion.

Rudi Assauer trägt 1997 den Uefa-Pokal durch das Parkstadion.

Foto: ddp images/BM

Berlin. 1999. Drei Jahre schon war ich als freie Mitarbeiterin auf den Sportplätzen und in den Hallen der Hauptstadt unterwegs. Lehrjahre nach dem Lehramtsstudium. Das nächste Ziel: Ausbildung zur Redakteurin. Beim Vorstellungsgespräch sieht mich der Leiter der Medien-Akademie herablassend an. „In den Sport wollen Sie also?“, fragt er und schiebt nach, ich solle mir das doch noch einmal gründlich überlegen. „Gehen Sie lieber nach Hause und kochen Ihrem Mann was Schönes.“ Nun, kochen kann ich in der Tat ganz gut, mein Boeuf Bourguignon ist exzellent und in der Familie sehr nachgefragt. Aber das mit dem Sportjournalismus konnte mir der gute Herr seinerzeit nicht austreiben. 23 Jahre arbeite ich nunmehr in dieser von Männern dominierten Branche. Ein paar Erinnerungen.

Erstes Interview mit BVB-Star Rosicky geführt

Als Volontärin war ich drei Monate in Essen stationiert, fuhr jeden Morgen abwechselnd nach Gelsenkirchen und Dortmund zum Trainingsgelände. Park- und Westfalenstadion hießen die Heimspielstätten damals. Die Älteren erinnern sich. Weil die Böden im Januar 2001 gefroren waren, fuhr der BVB ein zweites Mal ins Wintertrainingslager, hatte gerade erst mit dem Tschechen Tomas Rosicky den Transferrekord der Bundesliga pulverisiert. Ein veritabler Weltstar, der in Jerez de la Frontera aber leider ein Interview-Verbot von den Verantwortlichen verpasst bekommen hatte. Ich war damals für die „Bild“ mit in Südspanien. Und nach jedem Training begleitete ich Rosicky die paar Meter vom Platz ins Hotel, stellte immer nur eine Frage, die war ja erlaubt. Am Ende der Woche war das Interview im Block – das erste mit ihm in Deutschland. Die gestandenen Kollegen haben große Augen gemacht.

In bleibender Erinnerung ist mir auch die erste Begegnung mit Rudi Assauer, legendärer Manager von Schalke 04, der Anfang Februar gestorben ist. „Kommse rein, junge Frau!“ Natürlich mit Zigarre im Mund. Er dann hinter dem großen Schreibtisch mit ausgebreiteten Armen ganz jovial: „Jetzt erklär ich Ihnen mal den Fußball und wie das hier auf Schalke so läuft.“ Die Abseitsregel kannte ich. Das fand er gut. Wir kamen ins Gespräch. Voller Respekt. Das fand ich gut. Ein Erlebnis.

Angeberwissen mit der abkippenden Doppelsechs

Spätsommer 2002. Ich lebte in Hamburg. Der HSV war gerade mal wieder in unruhigen Gewässern unterwegs, holte Ex-Profi Dietmar Beiersdorfer als Sportvorstand an Bord. Guter Anlass für ein Interview. Mein Sportchef damals: „So, dann führen Sie mal ein schönes Gespräch, so von Frau zu Mann.“ Was auch sonst? Ich Frau, er Mann. Aber gut, dass wir mal darüber gesprochen haben.

Die abkippende Doppelsechs hat mir mein geschätzter Kollege Uwe Bremer nahe gebracht. Oder wie wär’s mit der Falschen Neun? Angeberwissen für die Eckkneipe. Da habe ich immer mein Späßchen. Auswärtstorregel im Europapokal, WM-Modus im Handball, Fehlschuss-Regelung im Biathlon. „Hey, Alexandra, du kennst dich da doch aus?“

Australian Open in Melbourne, Schwimm-WM in Montreal, Olympische Spiele in London. Überragende Ereignisse – viel Arbeit, wenig Schlaf, große Emotionen. Wenn du dann aber beim finalen Wettkampf der Vierschanzentournee acht Stunden lang im Schneeregen von Bischofshofen stehst, dann auch noch das Internet zusammenbricht, obwohl du den Text gerade in die Redaktion schicken willst, stellst du dir schon mal die Frage, warum es nicht auch ein normaler Job mit geregelten Arbeitszeiten hätte sein können. Antwort: Alles eine Frage der Leidenschaft. Und der Bereitschaft, die Komfortzone zu verlassen.

Dank des Sportteils die große Liebe gefunden

Zum Schluss noch etwas fürs Herz, denn über den Sport-Journalismus habe ich auch meine große Liebe gefunden. 2001: Die Bar im City Night Line von Hamburg nach Zürich. Er war fasziniert, wie lange ich den Sportteil las. Er fragte, ob er ihn lesen dürfe. Sechs Stunden haben wir uns dann unterhalten. Über die Bayern und Uli Hoeneß, Schalke und Assauer, Hertha und Co. Der Mann hatte richtig Ahnung. Wenig später waren wir verheiratet. Und ich verrate Ihnen etwas: Er liebt auch mein Boeuf Bourguignon.