Superbike-WM

BMW und die Kampfansage aus Spandau

| Lesedauer: 6 Minuten
Matthias Brzezinski
Der Bayer Markus Reiterberger fährt eines der beiden BMW-Superbike-Motorräder aus Berlin

Der Bayer Markus Reiterberger fährt eines der beiden BMW-Superbike-Motorräder aus Berlin

Foto: Matteo CAVADINI / BMW

BWM kehrt zurück in die Superbike-WM – die Motorräder aus Berlin sollen das Markenimage weltweit stärken und fahren bis zu 320 km/h

Berlin. Der Mann auf dem Schwarz-Weiß-Foto steht vor einem Holzschuppen, an dessen Frontseite eine Art Tapetentisch aufgebaut ist. Auf dem Behelfsmöbel liegen ein Motorradhelm, Werkzeuge der eher rustikalen Art und diverse Teile für ein Motorrad. Präzise: Für die neben dem Schuppen platzierte BMW R 32, Baujahr 1923/24, dem ersten Rennmotorrad der weiß-blauen Marke.

Die Szene spielt sich am Rand der Avus ab. Bemerkenswert: Der Mann, Rudolf Reich, trägt ein weißes Hemd und eine Krawatte. Er ist schließlich BMW-Werksfahrer! Kurz darauf wird er mit dem 15 PS starken Zweirad auf der Berliner Rennstrecke mit 137,4 km/h eine bemerkenswerte Höchstgeschwindigkeit erreichen.

Der Auftakt in Australien lässt eine gute Saison erhoffen

Knapp 95 Jahre später gehört das weiße Hemd wieder zur Kleiderordnung, die Krawatte ist freigestellt. Diesmal ist Mailand der Schauplatz. Auf der wichtigsten Motorradausstellung Europas (EICMA) gibt BMW-Motorrad-Geschäftsführer Dr. Markus Schramm (55) offiziell nach fünf Jahren Abstinenz die werksseitige Rückkehr in die Motorrad-Superbike-WM bekannt und stellt gleichzeitig die Fahrerpaarung für die Saison 2019 vor.

Europameister Markus Reiterberger und Ex-Weltmeister Tom Sykes. Aus der R 32 ist eine S 1000 RR geworden. Statt 15 Pferdestärken müssen der 24 Jahre alte Bayer und der 33-jährige Brite 230 bis 240 bändigen, genug für 320 km/h. Erstmals beim WM-Auftakt auf Phillip Island (Australien), wo Sykes am Sonnabend Siebter und Reiterberger 13. wurde, ein vielversprechendes Comeback. „Wir waren konstant vorn mit dabei. Nach nur sechs Testtagen so konkurrenzfähig zu sein, ist schon etwas Besonderes“, freute sich Sykes. Noch stärker war das Ducati-Debüt, das dem Spanier Alvaro Bautista einen überlegenen Sieg ermöglichte.

Der Preis für das Gerät beträgt 80.000 Euro

Wurde die R 32 noch in München gebaut und in Berlin getestet, entsteht die S 1000 RR komplett in Berlin – in Handarbeit! Helle, lichtdurchflutete Räume, bewegliche Regale und Ständer, teilweise mit Computer-Bildschirmen ausgestattet, die über die präzise Verwendung von Teilen und gleichzeitig deren Verbrauch wachen, ein Fußboden, von dem man fast essen könnte.

Der „Geburtsort“ der S 1000 RR hat etwas von einem Kreißsaal. Weiße Hemden gehören dort für die Ingenieure, Techniker und Mechaniker zwar nicht zur Kleiderordnung, weiße Handschuhe finden dagegen Verwendung. Neben den momentan fünf WM-Motorrädern entstehen 750 Rennmaschinen mit der internen Bezeichnung HP4, die weltweit an interessierte Fahrer und Teams verkauft werden. Standardstückpreis: 80.000 Euro.

Die Chassisnummer 001 soll sich der Brite Peter Hickman, Rekordsieger beim berühmt-berüchtigten Rennen auf der Isle of Man, gesichert haben. Die Arbeitsgeräte von Reiterberger und Sykes dürften etwa den doppelten Wert repräsentieren. Die Rückkehr in den Sport war für Schramm eine Herzensangelegenheit, seit er im Mai 2018 den Geschäftsführer-Posten übernommen hatte.

200.000 verkaufte Maschinen als Ziel

Schramm begründet sein Engagement: „Fast 100 Jahre ist der Motorsport fester Bestandteil unserer Erfolgsgeschichte. Er gehört zu unserer DNA. Allein dadurch sind unsere Aktivitäten im internationalen Motorrad-Rennsport von wesentlicher Bedeutung.“ Die alte Motorsport-Regel „Win on sunday, sell on monday“ (Gewinne am Sonntag, verkaufe am Montag) hat für den passionierten Langstreckenläufer noch ihre Berechtigung, im Vordergrund stehe aber „die Entwicklung der Marke“.

BMW-Ziel ist ein Jahresabsatz von 200.000 verkauften Motorrädern. 2018 fanden die Berliner Produkte 165.566 Abnehmer, davon 23.824 in Deutschland. „Wir sind ein weltweit operierendes Unternehmen, deswegen wollen wir uns weltweit präsentieren“, sieht Schramm den Sport als geeignete Bühne. Mit Kawasaki, Ducati, Yamaha und Honda trifft man in der WM auf vier Konkurrenten um die Gunst der Kunden.

Gradmesser für die Konkurrenzfähigkeit der BMW-Truppe ist zunächst Sykes. Der Routinier aus Huddersfield/Yorkshire war 2013 Weltmeister, 2012, 2014 und 2016 jeweils Vize-Champion. Bei 259 Starts gelangen ihm 34 Siege und 108 Podiumsplätze. Mit 48 Trainings-Bestzeiten ist er der erfolgreichste Superbike-Pilot aller Zeiten. „Das Motorrad lief vom ersten Tag an gut. Die Basis war so, dass wir uns sofort mit Verbesserungen beschäftigen konnten. Ich bin von der deutschen Arbeitsweise begeistert.“ Sykes reihte sich bei den Testtagen in Jerez (Spanien) und Portimao (Portugal) jeweils als Sechster auf der Zeitenliste ein.

Auch Cortese fährt in der Superbike-WM

Für Reiterberger, vor seinem EM-Gewinn 2018 Internationaler Deutscher Meister 2013, 2015 und 2017, sprang in Portimao Rang zehn heraus. „Zunächst einmal bin ich mega glücklich über meinen Platz im Werksteam. Ich fühle mich jetzt wohl auf dem Motorrad, nachdem es an meine Bedürfnisse angepasst ist. Stimmt da etwas nicht, sitzt man in voller Fahrt drauf wie ein Cowboy beim Rodeo. Ich werde von Tom lernen und will im Lauf der Saison auf einstelligen Plätzen ins Ziel kommen“, so der Nachwuchsmann aus Trostberg.

Auf dem Weg dahin trifft Reiterberger neben 16 weiteren Konkurrenten auch auf Sandro Cortese. Der Moto3-Weltmeister von 2012 hatte nach dem Titelgewinn eine Durststrecke zu überstehen – bis er im Vorjahr in die Supersport-Szene (die Klasse unter den Superbikes) wechselte. Plötzlich passte alles perfekt, der Profi aus Berkheim sicherte sich den WM-Titel auf einer Yamaha. Sein Lohn: Aufstieg in die Superbike-WM. Und Platz acht im ersten Rennen.