Berlins NBA-Export

Moritz Wagner – „Es geht hier viel zu viel ums Geld“

Berlins Basketball-Star Moritz Wagner über erste Erfahrungen in der NBA und sein neues Leben als Millionär in Los Angeles.

Foto: Ben Margot / dpa

Boston.  NBA-Superstar LeBron James beantwortet nach dem Training Fragen der Medien. Auch eine vom Morgenpost-Reporter zu Moritz Wagner. Der Liga-Neuling aus Berlin wirft knapp 40 Meter entfernt noch ein paar Freiwürfe. „Er ist ein großartiger Junge, wissbegierig und wird Monat für Monat besser“, lobt James. Der Deutsche werde nach den Verletzungsproblemen zu Saisonbeginn immer mehr zu dem Spieler, für den sich die Los Angeles Lakers bei der Talentauswahl (Draft) entschieden hätten, meint James.

Bald kommt Wagner vom Parkett. Der 21-Jährige ist zum ersten Mal im TD Garden und schaut hoch zur Hallendecke, wo die 17 Banner des NBA-Rekordmeisters hängen.

Moritz, Sie spielen für die Los Angeles Lakers, haben aber eine gewisse Verbindung zu den Celtics, oder?

Moritz Wagner: Ja, ich weiß gar nicht, ob ich das als Lakers-Profi sagen darf. Aber früher als Kind war Kevin Garnett mein Lieblingsspieler (Garnett spielte von 2007 bis 2013 bei den Celtics/d.Red.). Ich hatte sein Trikot, seine ganze Ausrüstung. Jetzt spiele ich mit Rajon Rondo zusammen und rede immer viel mit ihm darüber, wie das früher war, denn ich habe damals 2008 und 2010 alle Finalspiele zwischen Boston und den Lakers geguckt. Und er stand da schon auf dem Feld (Rondo wurde 2008 mit Boston Meister, verlor die Finalserie 2010 gegen L.A./d.Red.). Es ist natürlich für mich jetzt irgendwie cool oder auch verrückt, hier Teil des Ganzen zu sein.

Wie schätzen Sie Ihre erste Saison in der besten Liga der Welt ein?

Typisches Rookie-Jahr. Die Verletzung hat mich am Anfang etwas rausgeworfen. Das war ärgerlich. Aber ich versuche, jeden Tag so hart zu arbeiten wie möglich. Und alles andere ist außerhalb meines Kontrollbereichs. Deswegen mache ich mir keine Sorgen.

Was war Ihr persönliches Ziel, als Sie in die Saison gestartet sind?

Gesund werden, Rhythmus finden und dann mal gucken, was so geht. Um die Spielzeiten habe ich mir keine Gedanken gemacht. Natürlich will ich spielen, es ist doof, nicht zu spielen. Aber, ich glaube, als Rookie darf man sich darüber keine Gedanken machen.

Was war bislang Ihr beeindruckendstes NBA-Erlebnis?

Es gibt kein bestimmtes Ereignis. Aber als ich klein war, bin ich großer NBA-Fan gewesen. Und dann hier in diesen Hallen zum Morgentraining reinzulaufen, in eine Halle, die ich so oft schon im TV gesehen habe. Damals in Berlin bin ich nachts um 3 Uhr aufgestanden, um Spiele in diesen Hallen zu gucken. Ich weiß noch, ich habe ganz viele Heimspiele der Oklahoma City Thunder mit Kevin Durant, Russell Westbrook und James Harden geguckt – und dann laufe ich selbst dort in die Halle ein. Oder auch hier in Boston. Das ist das Coolste, dass man in seinem ersten NBA-Jahr alles selbst erkunden kann.


In dem Moment geht LeBron James an Wagner vorbei, bemerkt, dass er Deutsch spricht und sagt zum Reporter: „Ich habe dich vorhin bezüglich Moritz angelogen.“ Dann schaut er zu Wagner. „Du bist schlecht.“ Wagner kontert: „Eh, pass’ auf!“

Berliner Morgenpost: Wie oft wurden Sie schon von Freunden oder Verwandten nach Autogrammen von LeBron James gefragt?

Nicht so oft. Ich glaube, das trauen sie sich gar nicht. Weil sie genau wissen, dass ich sie dann komisch angucke. Denn als Mitspieler mache ich sowas einfach nicht. Aber natürlich werde ich oft nach ihm gefragt. LeBron ist halt eine öffentliche Person, die von vielen Seiten Interesse weckt. Deswegen rede ich schon oft über ihn.

Wie ist es für Sie, mit dem besten Spieler seiner Generation zusammenzuspielen?

Es ist auf jeden Fall eine einmalige Erfahrung. Aber ich kenne es halt auch nicht anders. Ich war ja vorher noch nicht in der NBA. Deswegen ist für mich sowieso alles neu. Aber natürlich, gucken Sie sich hier um. Die Anzahl der Medienleute, die hier beim Training sind, ist ja verrückt. Und so ist es überall. Es herrscht schon eine extreme Aufmerksamkeit. Ich denke, das ist anders als bei jedem anderen NBA-Team.

Sind Sie neidisch, wenn Sie das sehen oder froh, noch der Moritz Wagner sein zu können, der Sie sein möchten?

Ich bin glücklich und froh, dass die Aufmerksamkeit nicht auf mir liegt, ich in L.A. rumlaufen kann, ohne dass mich jemand fotografiert. Es ist ganz schön, dass ich in meinem ersten Jahr so ein bisschen mein Ding machen und mich an alles gewöhnen kann, bevor hoffentlich die Aufmerksamkeit sich ein wenig verschiebt. Es erkennen mich zwar Leute, aber das ist human. LeBron kann ja nicht mal ins Restaurant gehen.

Wie war der erste Kontakt mit ihm?

Ich habe mir dieselben Fragen gestellt, die sich Otto Normalverbraucher stellen. Was ist das für ein Typ? Aber dann geht das ganz fix und es wird zur Normalität, dass er eben nur ein Mitspieler ist. Natürlich herrscht immer extrem viel Trubel um ihn. Aber er macht einen ganz guten Job innerhalb der Kabine, so dass der Kontakt ganz normal ist.

Was hat Los Angeles, das Berlin fehlt?

Berlin fehlt nicht viel. Ich liebe Berlin, bin stolz, aus Berlin zu sein. Das Einzige, was Berlin allgemein fehlt, ist ein Meer. Aber ich glaube, der Tourismus wäre noch krasser als ohnehin schon, wenn es noch ein Meer geben würde. Deswegen ist alles gut so, wie es ist. Ich habe noch nie am Meer gelebt und brauche jetzt nur zwei Minuten bis dorthin. Das genieße ich sehr.

Wo wohnen Sie?

Ganz in der Nähe des Flughafens habe ich eine Drei-Zimmer-Wohnung. Das ist praktisch, denn unsere Trainingshalle ist auch da am Flughafen. Und wenn wir nachts von Auswärtsspielen heimkommen, brauche ich nur fünf, sechs Minuten bis nach Hause.

Was kann Berlin bieten, aber Los Angeles nicht?

Alles. Obwohl L.A. ja auch sehr liberal ist, ist es viel zu viel Hollywood. Es geht viel zu viel ums Geld. Es ist einfach eine andere Welt, man kann es nicht so richtig vergleichen. Berlin ist im Vergleich zu L.A. sehr ehrlich. Die Leute sind zwar nicht immer unbedingt gut drauf, aber daran gewöhnt man sich, auch wenn es einem vielleicht irgendwann mal auf die Nerven geht. Aber ich mag Berlin. Ich bin da aufgewachsen, Sie werden mich daher nichts Schlimmes über Berlin sagen hören.

Sie klingen aber gar nicht wie ein Berliner? Ich höre kein Icke oder so.

Mein Vater kommt aus Rostock und ist dann nach Frankfurt/Oder gezogen, um dort Handball zu spielen. Meine Mutter ist aus Bayern. Die haben sich nach der Wende kenngelernt, in Berlin studiert. Sie sind also keine echten Berliner.

Wie verführerisch ist das Leben in Los Angeles?

Sehr. Man muss aufpassen, dass man sein Ding macht, sich auf das Wichtigste konzentriert und sich nicht irgendwie in anderen Sachen verfängt. Der Amerikaner sagt immer: Stay in your lane. Ich glaube, da habe ich bislang einen ganz guten Job gemacht.

Was sind die größten Fallen?

Das Nachtleben ist sehr verführerisch in L.A.. Es geht sehr viel um Geld, und wenn man ein bisschen Geld hat – in L.A. ist dann sehr viel möglich. Alle wollen einfach nach Hollywood, das merkt man. Wenn man die Prioritäten dahin verschiebt, dass man lieber am Strand liegt und in der Sonne badet, anstatt in die Trainingshalle zu gehen, dann hat man ein Problem. Dessen bin ich mir bewusst.

Geld ist ein gutes Stichwort. Sie verdienen in dieser Saison 1,7 Millionen Dollar. Wie schwer ist es, auszublenden, dass Sie mit 21 Jahren schon Millionär sind?

Das ist ziemlich leicht, weil ich, ehrlich gesagt, mein Geld gar nicht so richtig anfasse. Ich will nicht sagen, dass ich ein low-maintenance-Leben (maintenance ist das englische Wort für Unterhalt oder Versorgung, d.Red.) lebe, im Vergleich zu meinen Freunden ist es schon ziemlich high maintenance. Aber im Vergleich zu meinen Teamkollegen ist es ziemlich normal. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich keine krassen Anschaffungen und mir nichts Verrücktes gekauft. Ich bin eigentlich sehr diszipliniert. Ich musste mir finanziell nie Sorgen machen. Meine Eltern haben einen sehr guten Job für meinen Bruder (der 17-jährige Franz spielt auch Basketball, allerdings noch bei Alba Berlin, d.Red.) und mich gemacht. Das möchte ich für mich oder meine spätere Familie so aufrechterhalten. Das heißt, ich kaufe mir nichts Krasses.

Wer hat Ihrer Meinung nach den größten Anteil an Ihrer Karriere?

Es gibt extrem viele Leute, die mir geholfen haben. Sebastian Trzcionka würde ich da ganz hoch stellen. Sebastian ist ein Individualtrainer, der jetzt in Bernau Assistenztrainer ist – die Legende von Bernau. Mit ihm habe ich extrem viel in der Halle gestanden, und mit ihm spreche ich immer noch. Oder Leute wie Konstantin Lwowsky. Sasa Obradovic hat einen Riesen-Anteil. Sie alle haben mir das Vertrauen gegeben, dass ich da was machen kann. Und natürlich den meisten Anteil hat meine Familie.

Wie oft werden Sie als Deutscher NBA-Profi auf Dirk Nowitzki angesprochen?

Ständig. Es ist ein bisschen nervig, ehrlich gesagt. Dirk und ich haben ein super Verhältnis, aber nur, weil ich 2,11 Meter und weiß bin und werfen kann, heißt es ja noch nicht, dass ich der zweite Dirk bin. Das ist dann manchmal schon anstrengend, weil ich auch kein großer Fan von Vergleichen bin. Ich bin Moritz Wagner – und als dieser natürlich ein großer Fan von Dirk.

Sie sind 2015 von Alba zur Universität nach Michigan gegangen. Warum sind Sie nicht in Berlin geblieben?

Weil ich mir mein Leben lang in den Hintern gebissen hätte, wenn ich es nicht versucht hätte.

Was lernt man am College für eine spätere Karriere in der NBA?

Vieles. Es hat mich als Mensch einfach geprägt. Zum Beispiel schulisch Sachen hinzubekommen, auch wenn es nicht läuft. Ich habe eine ganz andere Kultur kennengelernt und einen großen Freundeskreis aufgebaut. Also ich fahre in jede Stadt und habe überall Freunde – einfach, weil ich auf solch ein College gegangen bin.