Berliner Champions

Bis zum Zirkus ist es nicht weit

Nach langer Zeit verfügt Berlin dank eines Vereins in Pankow wieder über erstklassige Sportakrobatinnen.

Das Trio des BTV Olympia: Alena Bohrisch, Dunja Lange und Emily Bene (v. l.).

Das Trio des BTV Olympia: Alena Bohrisch, Dunja Lange und Emily Bene (v. l.).

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin.  Angst vor Spinnen sollten Sportakrobaten auf jeden Fall nicht haben. So heißt nämlich eine der Übungen, die auch für das Berliner Trio mit Dunja Lange (19), Alena Bohrisch (19) und Emily Bene (15) zum Wettkampfprogramm gehört. Dunja Lange liegt dabei auf dem Boden, die gestreckten Beine leicht nach oben gespreizt, auf denen Emily Bene einen Spagat macht; Alena Bohrisch wiederum macht parallel dazu einen Handstand auf Langes Händen. Ein fragiles Gebilde aus Beinen und Armen, das Zuschauern den Atem raubt. Die drei Akrobatinnen aber haben selbst in dieser Situation noch ein Lächeln auf den Lippen.

„Die Kunst liegt darin, selbst schwierigste Elemente einfach und elegant aussehen zu lassen“, erklärt Lange. Bei den deutschen Meisterschaften gelang ihnen das zuletzt besser als je zuvor: Platz vier in der Meisterklasse bedeutete das beste Berliner Ergebnis seit Langem, nachdem sich zuvor jahrelang niemand mehr überhaupt für die nationalen Titelkämpfe qualifiziert hatte.

Seit einem Jahr tritt das Trio gemeinsam auf

Mit der Mannschaft des Berliner Landesverbandes wurde das Trio zudem DM-Fünfter, wobei das Team aber auch dort ausschließlich aus Athleten des BTV Olympia bestand. Der Verein aus Pankow ist momentan der einzige in der Stadt, der mit seinen Sportakrobaten in der höchsten Wettkampfklasse vertreten ist. Die Sportart ist eine Mischung aus klassischem Bodenturnen, Aerobic und Rhythmischer Sportgymnastik, enthält aber auch Elemente des Cheerleadings. „Wir bezeichnen es auch gern als Kunstkraftsport“, erzählt Alena Bohrisch. Ein wenig erinnert das Ganze an den „Cirque du Soleil“, bloß eben als Wettkampfform. Und tatsächlich wechseln die weltbesten Sportakrobaten später häufig ins Showgeschäft.

Auch Dunja Lange hatte als Kind im Berliner Kinderzirkus Cabuwazi begonnen, wo sie akrobatische Übungen am Trapez und auf dem Einrad vollführte. Mit zehn Jahren wechselte sie dann zur Sportakrobatik, ein Jahr später als Bohrisch. Seit fünf Jahren treten die beiden gemeinsam auf, anfangs allerdings noch mit einer anderen Partnerin. Erst seit Ende 2017 ist die deutlich jüngere Emily Bene die Dritte im Bunde.

Vertrauen ist die oberste Priorität

Der Altersunterschied ist durchaus gewollt, schließlich soll die sogenannte Oberpartnerin möglichst filigran sein. Sie darf jedoch höchstens sechs Jahre jünger sein als die anderen beiden Mitglieder des Trios. Nur wenn die Oberpartnerin klein und leicht genug ist, lassen sich die spektakulären Übungen überhaupt bewerkstelligen. Jeder Wettkampf besteht zunächst aus einem Balance- und einem Dynamic-Teil; die besten Teams zeigen anschließend im Finale eine kombinierte Übung mit sowohl statischen als auch dynamischen Elementen. Ersteres können beispielsweise Pyramiden sein – letzteres zum Beispiel geworfene Saltos und Drehungen. Emily Bene befindet sich dabei nicht selten drei, vier Meter über dem Boden. „Das bedarf eines großen Vertrauens in die beiden Unterpartnerinnen“, sagt sie. Verletzungen infolge von Stürzen kämen nur selten vor.

Sämtliche Übungen sind einem Katalog erfasst, der dicker ist als ein Telefonbuch. In die Wertung fließen die technische Ausführung, die artistische Note sowie der allgemeine Schwierigkeitswert der Übung ein – insgesamt sind maximal 30 Punkte möglich. Punktabzug gibt es für Haltungsfehler, Unsicherheiten, aber auch bei mangelnder Musikalität oder wenn die Wettkampffläche nicht vollständig ausgenutzt wird. Der Rekord der drei Berlinerinnen liegt aktuell bei 24,6 Punkten.

Viele Sportakrobaten beginnen als Turmspringer

Neben der Damengruppe gibt es in der Sportakrobatik noch weitere Disziplinen: Damen- und Herrenpaare, gemischte Paare sowie die Herrengruppe mit vier Athleten. Ein Einzel existiert dagegen nicht, sieht man einmal von der fast ausschließlich noch in Ostdeutschland ausgetragenen Disziplin Podest ab, bei der ein Handstandständer den unteren Partner ersetzt. Ansonsten aber kann man in der Sportakrobatik im Gegensatz zum Turnen nur im Team Punkte sammeln. Die meisten Sportler haben auch gar keine Turnvergangenheit, stattdessen waren viele früher Wasserspringer. „Als Turmspringer bringt man bereits eine gute Spannung mit, was in unserem Sport mit am wichtigsten ist“, erklärt Dunja Lange. Zudem seien sie in der Lage, ihren Körper auch bei Drehungen und Sprüngen noch zu beherrschen.

Ein solches Körpergefühl ist auch in der Sportakrobatik von Vorteil. „Ich muss in jeder Lage genau wissen, wo meine Beine hinmüssen, damit meine Partnerin dort hinauf kann“, sagt Lange. Was sich leichter anhört, als es ist. Einmal wurde sie beim Training von Trainer Hannes Schenk aufgefordert, ihren Fuß weiter nach innen zu drehen. Lange lacht: „Es hat schon ein paar Sekunden gedauert, bis ich kopfüber geschnallt hatte, wohin ich mich bewegen soll.“