Boxen

Wenigstens einmal im Leben Chef im Ring

Nach 20 Jahren Boxen bestreitet der Berliner Nick Hannig (32) seinen ersten Titelkampf als Profi. Gegner ist der Kanadier Ryan Ford.

Nick Hannig (l.) im Duell mit Kyle Redfearn

Nick Hannig (l.) im Duell mit Kyle Redfearn

Foto: Sebastian Priebe / imago/regios24

Berlin.  Die Zahl zwölf gewinnt im Boxerleben von Nick Hannig zunehmend an Bedeutung. In diesem Alter schnürte der Berliner erstmals die Handschuhe für seinen Klub Stahl Schöneweide. Am 9. September 2017 benötigte er in der Mercedes-Arena zwölf Sekunden, um in seinem zweiten Auftritt als Profi (im Rahmenprogramm der Weltmeisterschaft zwischen Marco Huck und dem Ukrainer Alexander Usyk) seinen tschechischen Kontrahenten Ondrej Schwarz mit einem einzigen Schlag zu besiegen. Und am Sonnabend (ab 18.30 Uhr, ran fighting) steht für den Berliner der erste Titelkampf auf dem Programm – über zwölf Runden, versteht sich. Auf den 32-Jährigen wartet in der Verti Music Hall der vier Jahre ältere Kanadier Ryan Ford. Für beide geht es um die vakante Internationale Meisterschaft des World Boxing Council (WBC) im Halbschwergewicht.

Zwischen dem Debüt in Oberschöneweide und der „größten Herausforderung“ seiner Karriere liegen bei Hannig zwanzig Lebensjahre, einhundert Kämpfe als Amateur (79 Siege), darunter auch Einsätze für die Bundesligastaffel von Hertha BSC, sowie sechs Auftritte als Profi. Vordergründig ist das nicht viel für zwanzig Jahre.

Selbstständiger Sicherheitsexperte

„Es gab schon Auszeiten vom Boxen“, erklärt Hannig und setzt hinzu: „Meine Karriere verlief ja nicht wirklich immer steil bergauf. Ich habe nie ausschließlich alles auf die Karte Boxen gesetzt, denn ich habe schon gemerkt, dass ich das Boxrad nicht neu erfinden kann. Ich habe gern Leistung gebracht, aber nie ausschließlich für den Sport gelebt.“ Gut, das Hannigs Vater (und Trainer) Andreas seinem Sohn den Rat gab, eine Berufsausbildung zu absolvieren. „Ich habe Konstruktionsmechaniker gelernt“, sagt Nick Hannig, der sich 2009 mit einem Security-Unternehmen selbstständig gemacht hat.

Dass sein Kontakt zum Boxen nie abgerissen ist, liegt am Olympiateilnehmer Stefan Härtel (33), dem ehemaligen Profi beim Sauerland-Stall. „Stefan ist mein Freund. Wir haben als Amateure viele Kämpfe gemeinsam bestritten. Er war es, der mich überredet hat, doch noch Profi zu werden“, erinnert sich Hannig. „Irgendwann war ich als Amateur bei Kampf Nummer 99 angelangt. Ich wollte eigentlich schon vorher aufhören, aber es ergab sich eben so, dass immer wieder was kam. Nach der 99 stand für mich fest: Die Hundert mache ich voll.“

Seinen Sohn hat er nach Weltmeister Lewis benannt

Und dann setzte sich die Neugierde durch beim Vater des inzwischen sechs Jahre alten Sohnes Lennox, den er tatsächlich nach dem ehemaligen Schwergewichts-Weltmeister Lennox Lewis benannte. „Ich wollte einen einzigen Profikampf machen. Ich hatte da keine Pläne oder Träume. Einmal Profi und dann sollte Schluss sein. Ich wollte nur noch in meinem Boxklub in Bestensee(35 Kilometer südlich von Berlin, d.R.) trainieren, wo ich auch Vorstand bin.“ Stefan Härtel machte Hannig Mut, der fand immer mehr Spaß am Berufsboxen – und Verständnis bei Partnerin Saskia. Und der Traum vom Weltmeistergürtel?

„Nee, nie gehabt. Ich werde nie ein Roy Jones oder Floyd Mayweather.“ Beides sind überragende US-amerikanische Ex-Champions. „Mein Traum, wenn man so will, hat sich doch mit dem kommenden Kampf erfüllt. Einmal Hauptkämpfer, alles dreht sich um mich. Das ist mehr, als ich jemals erwartet hätte“, gerät Hannig ins Schwärmen, auch wegen des bislang hervorragend verlaufenden Vorverkaufs. Rund 2500 Tickets sollen für seinen großen Kampf abgesetzt sein.

Deren Besitzer dürfen sich auf einen schillernden Hannig-Gegner freuen. Ryan Ford ist Kanadier, wohnt und trainiert in Edmonton, ist Vater zweier Kinder (Tochter Bella und Sohn Ryan Jr.) und darüber hinaus einer, der so richtig ins Profibox-Klischee passt. Sein Vater Al war kanadischer Leichtgewichtsmeister, hatte 55 seiner 74 Kämpfe gewonnen. Die Ehe ging schief. Ryan wuchs bei seiner alleinerziehenden Mutter auf.

Gegner war über zwei Jahre im Knast

In einem Beitrag der Zeitung „Edmonton Sun“ erzählte Ford seine Geschichte. „Ich wollte Footballprofi werden, aber eine Knieverletzung machte den Plan kaputt. Ich fiel in ein Loch, trieb mich mit den falschen Leuten rum und baute Mist.“ Ein versuchter bewaffneter Überfall endete in zweieinhalb Jahren Gefängnisaufenthalt und der durch seine Frau Nina unterstützten Einsicht: „Ich muss neu anfangen!“

Kampfsport schien ihm die geeignete Alternative – zumindest mit genug Erfolg, um vom Sport leben zu können. Nach 27 Kämpfen (22 siegreich) im Bereich Mixed Martial Arts wechselte Ford ins Boxlager, wo bislang 15 Siege in 18 Kämpfen zu Buche stehen. Die drei Niederlagen gab es gegen Ex-Weltmeister Fedor Chudinow (Russland), dessen Landsmann Andrej Sirotkin und den türkischen WM-Kandidaten Avni Yilderim, also Protagonisten aus der Weltspitze. Für Nick Hannig ist das alles kein Grund zur Besorgnis: „Ich habe so hart trainiert wie nie im Leben. Ich denke, es wird klappen.“