Sixdays

Die letzte große Steher-Bühne bröckelt

Früher fuhren die Steher jeden Abend beim Sechstagerennen. Jetzt bietet das Programm nur noch Platz für zwei Auftritte im Velodrom.

Franz Schiewer (r.) mit Schrittmacher Gerhard Gessler

Franz Schiewer (r.) mit Schrittmacher Gerhard Gessler

Foto: Jens Büttner / picture alliance / Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin.  Die letzten Runden liegen vor den Fahrern, am Dienstag geht es beim Sechstagerennen in die finalen Wettkämpfe (ab 17 Uhr). Für ein paar Männer auf Rädern fühlt es sich aber eher so an, als hätten sie sich gerade warm gefahren. Erst am Montag durften die Steher auf die Bahn des Velodroms und dort mit irrem Tempo im Windschatten der großen Motorräder um das Oval jagen. Die Luft in der Halle erfüllte sich mit dieser besonderen, leicht abgaslastigen Sechstage-Note, ein großes Knattern überlagerte alle Geräusche.

Zwei Abende, zwei Auftritte nur noch, mehr ist nicht geblieben von dieser Sixdays-Tradition. „Das ist für den Stehersport in Deutschland schade“, sagt Franz Schiewer. Der Cottbuser ist einer der sechs Athleten im Feld, Europameister in dieser Disziplin. „Berlin war immer ein Highlight für jeden Steher, wenn wir da an einem Sonnabend vor 10.000 Leuten gefahren sind. Das haben wir sonst nicht“, erzählt Schiewer. Steher sind kleines Publikum gewohnt. Berlin war die große Ausnahme, hier wurden sie für gut eine Woche aus ihrer Nische geholt.

Der Nachwuchs bekommt dafür mehr Raum

Jetzt sind es ein paar Tage weniger, so wenig wie nie in Berlin. Schiewer zeigt sogar Verständnis. „Ich denke, das wird auch dem geschuldet sein, dass die Veranstalter den Nachwuchssport mehr in den Vordergrund rücken möchten. Wir müssen als nicht olympische Disziplin da am ehesten Abzüge hinnehmen“, sagt der 28-Jährige. Dieter Stein, der Sportliche Leiter des Sechstagerennens, will die Steher deshalb nicht als Stiefkinder behandelt sehen. Doch die Zeiten ändern sich, es gibt neue Umstände, die Anpassungen des Programms erfordern. Über Jahre darbte das Rennen, die Inhalte mussten überdacht und die Präsentationen überarbeitet werden. „Das Problem ist, dass wir für jeden etwas bieten wollen“, sagt Stein.

Vor ein paar Jahren fuhren noch keine Frauen im Velodrom, da durften die Steher jeden Tag ran. Jetzt sind an drei Tagen die Frauen auf der Bahn. Außerdem wächst das Nachwuchsfeld beständig, 200 junge Fahrer in fünf Altersklassen waren diesmal dabei. „Es gibt kein anderes Sechstagerennen, das so viel für den Nachwuchs tut“, erzählt Stein, der einige der Talente-Rennen sogar in das Hauptprogramm integriert hat. Ebenso wurde Hobbyfahrern ein Abendauftritt ermöglicht, weil das neue Besucherkreise erschließt in der Radszene.

Europas Elite ist am Start

Der Platz im Abendablauf, der inzwischen selbst vom Fernsehen mitbestimmt wird, ist deutlich geringer geworden für die Steher, die auch am Familiensonntag nicht mehr zum Zug kommen, weil es Beschwerden gab wegen der kinderunfreundlichen Lautstärke. Trotz der Widrigkeiten und Kürzungen im Zeitbudget bleibt Berlin die letzte große Bühne für die Steher. Vor allem gemessen daran, dass im Velodrom kein rein spezifisches Disziplin-Publikum sitzt. Bei Sechstagerennen sind die Steher sonst nirgends mehr im Einsatz. „Ich hoffe aber, dass viele es so sehen, dass etwas von der Sechstage-Tradition verloren geht“, so Schiewer. Er wünscht sich ein entsprechendes Feedback der Fans in Richtung der Veranstalter.

Der ist erst einmal stolz, ein starkes Feld präsentieren zu können. Die Topleute der EM starten in Berlin, und das soll auch in Zukunft so bleiben. In welchem Umfang, sei schwer zu prognostizieren. „Wir machen Umfragen“, sagt Stein. Bei entsprechenden Ergebnissen könnte es vielleicht auch wieder ein Tag mehr werden.