Tennis

Der neue Mann an Kerbers Seite tickt wie sie

Rainer Schüttler passt mit seiner Arbeitsweise und seiner Geschichte als Tennisspieler perfekt als Coach zu Angelique Kerber.

Angelique Kerber ist eine große Kämpferin. Sie hat bereits die US Open, die Australian Open und das Wimbledonturnier gewonnen.

Angelique Kerber ist eine große Kämpferin. Sie hat bereits die US Open, die Australian Open und das Wimbledonturnier gewonnen.

Foto: AFP7 / imago/ZUMA Press

Berlin/Melbourne.  Ein bisschen überrascht ist Rainer Schüttler immer noch. Darüber, dass er jetzt Trainer von Angelique Kerber ist. Darüber, nun an der Seite der amtierenden Wimbledonsiegerin wieder durch die Zeitzonen und über die Kontinente zu reisen, im Wanderzirkus der Tennisartisten. „Vor ein paar Monaten war das überhaupt noch kein Gedanke“, sagt Schüttler, „mein Plan für dieses Jahr sah ziemlich anders aus.“ Aber jetzt ist Schüttler, der ehemalige Weltklassespieler, wieder mit Haut und Haaren dabei. Genau so, wie er es als Profi war, kompromisslos in seine Aufgabe vertieft. Konsequent, ganz seinem Charakter entsprechend. „Ich gebe immer 100 Prozent. Ich kann nicht anders“, sagt der 42-Jährige aus Korbach in Hessen, „ich muss die Dinge stets mit vollem Herzen und maximalem Einsatz machen.“ Dann fügt er hinzu: „Das bin ich einer Wimbledonsiegerin sowieso schuldig.“

Verbindung lag nahe, aber niemand rechnete damit

Kerber und Schüttler, gemeinsam auf üttlerTennis-Mission: Da wäre niemand drauf gekommen noch im Oktober, als die Wimbledonkönigin ihren damaligen Coach Wim Fissette verstieß. Selbst eine Insiderin wie Barbara Rittner, als Fedcup-Trainerin viele Jahre eine Weggefährtin und Beraterin von Kerber, zeigt sich im Nachhinein überrascht, am meisten allerdings darüber, „dass man da nicht drauf gekommen ist: Denn Angie und Rainer, das liegt nahe. Die beiden passen einfach zusammen. Sie sind sich so verblüffend ähnlich.“ Was auch Schüttler, der Neue an Kerbers Seite, bestätigt: „Ich habe mich in der Art und Weise, wie sie ihre Karriere plant, wie sie ihr Leben führt, wie sie Tennis lebt, stark wiedererkannt“, sagt Schüttler, „ich war auch nicht der Typ, der jeden Tag in der Zeitung stehen musste, und wenn, dann am liebsten wegen großer Erfolge.“

Es ist in jedem Fall das spannendste Experiment im deutschen Tennis in den nächsten Monaten, diese Liaison zwischen der Erbin von Steffi Graf und dem früheren Weltranglisten-Fünften. „Es ist genau der richtige Moment für diese Verbindung“, sagt Expertin Rittner, „denn Rainer Schüttler weiß aus eigener Erfahrung, wie sich kritische Situationen in Topmatches anfühlen. Er hat es selbst erlebt, und dieses Wissen vermittelt einer Spielerin dann auch Vertrauen und Sicherheit. Das ist die optimale Überlegung, die Angie da hatte.“ Es gelte schlicht, „die letzten paar Prozente in den Spielen herauszuholen, gerade bei den Grand Slams wie jetzt in Melbourne“, befindet Schüttler selbst, „ich bin nicht geholt worden, um Angie das Tennisspielen beizubringen. Sie spielt auch ohne mich starkes Tennis. Mein Wunsch ist: Sie spielt mit mir noch ein Stückchen besser.“ In der Nacht von Sonntag auf Montag deutscher Zeit trifft Kerber in der ersten Melbourne-Runde auf die Slowenin Polona Hercog.

Kerber steht ja auch vor der Aufgabe, in dieser Saison eine ähnliche Krise, gar einen ähnlichen Absturz wie 2017 zu vermeiden. Damals war sie nach zwei Grand-Slam-Triumphen und dem Sturm auf Platz 1 der Weltrangliste gestrauchelt, weil zu viele Herausforderungen jenseits des Center-Courts ihre Fokussierung störten. Kerber war mit sich selbst im Unreinen, sie fühlte sich in ihrer Rolle als Vorzeigekraft unwohl, hinzu kam eine zu kurze Vorbereitungszeit auf das Spieljahr. Schüttler kann die damalige Misere gut nachvollziehen. Er hat es selbst erlebt nach seinem Paradejahr 2003, in dem er das Finale der Australian Open und zum Ende der Saison das Halbfinale der ATP-WM erreichte. „Danach überdrehte ich, stürzte mich zu schnell wieder ins Training und wollte alle Erfolge bestätigen“, sagt Schüttler, „Angie hat das auch einmal hinter sich gebracht, sie hat gelernt daraus. Sie ist eine reife und erfahrene Spielerin, der nichts mehr fremd ist im Tennis.“

Saisonstart in Perth und Sydney vielversprechend

Die Saison hat gut begonnen für Kerber. Die 30-jährige Kielerin erreichte das Viertelfinale beim WTA-Wettbewerb in Sydney, gewann davor alle ihre Einzel beim Hopman Cup in Perth. Sie betonte, „wie produktiv die Trainingswochen“ mit Schüttler gewesen seien, das diskrete Feilen an einem angriffsorientierteren Spiel und die weitere Verbesserung des Aufschlags: „Wir haben ein gutes Fundament gelegt. Aber klar: Beweisen muss ich das alles auf dem Platz. Gleich jetzt auch in Melbourne.“

Und, wie sind Schüttlers Ziele für 2019, in seinem neuerdings prominenten Trainerjob? „Ich sage nicht: Wir wollen dies oder jenes gewinnen, etwa die French Open oder Wimbledon. Es gibt schon genügend Leute, die Erwartungen aussprechen“, antwortet Schüttler, „es wäre schön, wenn Angie das Gefühl hätte in diesem Zusammenspiel: Ich arbeite gut, ich entwickele mich weiter, ich kann erfolgreich sein.“ Und für sich selbst, für Rainer Schüttler, gelte dies: „Ich will mit mir im Reinen sein, dass ich das Beste für sie gegeben habe.“

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.