Tennis

Andy Murray - Emotionaler Abschied eines Gentleman

Unter Tränen verkündet der frühere Weltranglisten-Erste, dass er wegen Hüftproblemen wohl schon nach den Australian Open aufhört.

Die Leiden des Andy M: Andy Murray kommen bei der Ankündigung seines Rückzugs auf der Pressekonferenz die Tränen.

Die Leiden des Andy M: Andy Murray kommen bei der Ankündigung seines Rückzugs auf der Pressekonferenz die Tränen.

Foto: Mark Baker / dpa

Berlin/Melbourne.  Am Silvestertag war auf Instagram, der Internet-Plattform der netten Selbstdarstellungsbildchen, ein eher ungewöhnliches Motiv zu sehen. Es zeigte den Tennisprofi Andy Murray (31) in seinem Hotelzimmer im australischen Brisbane, eine Batterie von Bierflaschen vor sich. Und es zeigte Murray, wie er, wohl leicht angeschickert, eine Schampus-Flasche am Mund hat. „Das Ende des Jahres 2018 feiern. Was für ein Scheißjahr das war“, stand als Botschaft darunter zu lesen.

Typisch Murray. Sein Humor, seine Ehrlichkeit, sein Sarkasmus. Aber es schien auch eine leise Hoffnung in der Botschaft mitzuschwingen. Nach dem Motto: Auf ein Neues in 2019, in einer besseren Saison, vielleicht ohne Schmerzen, Zweifel, Arztbesuche.

Aber für diese Hoffnung ist kein Platz mehr. Murray, eine der bestimmenden Persönlichkeiten im Welttennis, einer der Big Four, einer der außergewöhnlichen Gentlemen dieses Sports – dieser Murray kann nicht mehr. Seit Freitagmittag besteht darüber bittere Gewissheit, Murray selbst war es, der im großen Interviewsaal der Australian Open unter Tränen den eher schnellen Rücktritt wegen seiner komplizierten Hüftverletzung verkündete, das Ende der dauernden, zermürbenden, nicht endenwollenden Qualen.

„Ich will so nicht mehr weitermachen“

„Ich will so nicht mehr weitermachen. Es macht keinen Spaß mehr, zu trainieren und Tennis zu spielen“, sagte Murray, das Gesicht verborgen unter einer tiefsitzenden Baseball-Kappe. Antreten wolle er zwar beim ersten Grand Slam-Wettbewerb der Saison, so Murray, aber es könne auch schon das letzte Turnier seiner Karriere sein: „Ich kann das nicht ausschließen.“ Im Idealfall sei Wimbledon der Schlusspunkt, Mitte des Jahres, also dort, wo Murray im Sommer 2013 eine 77-jährige britische Titeldürre mit seinem Sieg am 7.7. beendet hatte: „Das ist das Ziel, aber ich weiß nicht, ob ich das tatsächlich schaffe“, sagte er.

Schon im Trainingslager in Florida, im November und Dezember, hatte Murray seinen Entschluß zum Abschied gefasst, auch weil sich nichts besserte mit der lädierten Hüfte: „Ich habe alles probiert. Ich habe Pausen genommen, ich habe mich operieren lassen, aber es gab keinen Fortschritt“, sagte Murray bei der emotional aufgeladenen Interviewrunde mit der Presse.

Schon nach der ersten Frage, wie er sich gegenwärtig fühle, und der knappen Antort – „Nicht toll“ - hatte der 31-jährige Schotte den Saal verlassen müssen, überwältigt von seinen Gefühlen. Auch später rang er immer wieder nach Worten, er sprach auch davon, dass „alles nur noch ein Kampf ist.“ Nun gehe es darum, ein einigermaßen schmerzfreies Leben nach der Laufbahn im Tennis zu führen, sagte Murray und illustrierte dies mit den Worten: „Ich will mir wieder die Socken anziehen und die Schuhe zubinden, ohne dass es weh tut.“

Eine Zäsur im Männertennis

Murrays angekündigter Rückzug ist eine Zäsur im Männertennis, weil er auch den Anfang vom Ende einer Epoche einläutet. Der grimmige Kämpfertyp, der mit bissigem Ehrgeiz um jeden einzelnen Punkt kämpfte, wurde zur Elitetruppe der „Großen Vier“ zusammen mit Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic gezählt – das Quartett hielt die Macht im Wanderzirkus über anderthalb Jahrzehnte fest im Griff.

Murray wurde zweimal Wimbledonsieger, er gewann insgesamt drei Grand Slams und 45 Titel, er wurde auch Davis Cup-Sieger mit Großbritannien und erklomm Platz eins der Weltrangliste. Doch in die Jahre gekommen sind sie alle, die Superstars, und von Verletzungen blieben sie auch nicht verschont, mancher mehr, mancher weniger. Nadal (32), der bullige spanische Stierkämpfer, leidet seit Jahr und Tag unter allen möglichen Beschwerden, es ist fraglich, wie lange er noch durchhält. Djokovic (31) laborierte zuletzt unter Ellbogenproblemen, bevor er wieder zur Nummer eins aufstieg. Federer (37), der elegante Maestro, hatte es mit einer Meniskusverletzung zu tun, es hatte allerdings nicht mit sportlichem Verschleiß zu tun. Allerdings zwickt Federer auch immer mal wieder heftig der Rücken, seine Ausnahmekarriere dürfte 2020 ihr Ende finden.

Die Liste der Angeschlagenen ist im übrigen noch viel länger, der Schweizer Stan Wawrinka, der Japaner Kei Nishikori, der Kanadier Milos Raonic und der Argentinier Juan Martin del Potro gehören auch dazu. Es kann allerdings nur die wundern, die ihre Augen vor den immer härteren Belastungen im Tennis verschließen, auch vor dem übervollen Terminkalender von Januar bis November. Womit man wieder bei Murray wäre, besser gesagt: bei seiner Mutter und langjährigen Trainerin Judy.

Am letzten Wochenende war sie zu Gast bei einem Trainerkongreß des DTB in Berlin, und als sie zum Status der Tennistour gefragt wurde und zu ihrem Sohn, sagte sie: „Es ist verrückt, der absolute Wahnsinn. Tennis macht sich kaputt mit dieser viel zu langen Saison. Und den wenigen Pausen.“ Sie wusste da schon, was ihr Sohn ein paar Tage später verkünden würde, nämlich den Abschied vom Tennis noch in diesem Jahr. Vielleicht schon in diesem Monat.