Handball-WM

Trainer Sigurdsson ist Japans Star

Dagur Sigurdsson machte die Füchse Berlin zu einem Topklub und Deutschland zum Europameister. Nun leistet er in Fernost Aufbauarbeit.

Dagur Sigurdsson (weißes Polohemd) ist mit Japan klarer Außenseiter bei der Weltmeisterschaft

Dagur Sigurdsson (weißes Polohemd) ist mit Japan klarer Außenseiter bei der Weltmeisterschaft

Foto: Bernd Settnik / picture alliance/dpa

Berlin.  Dagur Sigurdsson steht an der Spitze. Seine Arme sind vor der Brust verschränkt, der Blick ist undurchdringlich, fast ein wenig kühl. Dahinter reihen sich die Spieler in der Form eines Dreiecks aneinander. Das offizielle Mannschaftsfoto der japanischen Nationalmannschaft bei der Handball-WM hat Symbolcharakter. Sigurdsson, Isländer, 45 Jahre alt, früher Bundestrainer und Füchse-Coach, ist der Star des Teams aus Fernost. Am Freitag trifft er mit Japan zum Auftakt der Titelkämpfe in der Olympiahalle in München auf Mazedonien (15.30 Uhr).

Japan nimmt nur dank einer Wildcard an den Titelkämpfen in Deutschland und Dänemark teil. Konkrete Platzierungswünsche verbieten sich, immerhin treten die Asiaten in der Gruppe B gegen Top-Nationen wie Spanien, Kroatien und Island an. „Die WM kommt für uns ein bisschen zu früh“, räumt Sigurdsson ein. Nach zwei Jahren intensiver Arbeit sieht der Isländer aber schon gute Fortschritte: „Wir verlieren nicht mehr mit mehr als zehn Toren.“ Sigurdsson lächelt: „Okay, bei dieser WM-Gruppe vielleicht doch wieder.“

Für Sigurdsson ist die WM in Deutschland eine emotionale Rückkehr. Zwischen 2009 und 2015 formte er die Füchse Berlin zu einem Topklub in Europa. Noch während seiner Zeit in Berlin übernahm er in Doppelfunktion die deutsche Nationalmannschaft. Der Isländer, akribischer Arbeiter und gewiefter Taktiker, verpasste der nach Siegen dürstenden Mannschaft das Image der „Bad Boys“.

Olympia-Bronze 2016 mit dem DHB-Team

Mit Erfolg. 2016 feierte Deutschland den furiosen Gewinn des EM-Titels. Nur wenige Monate später dann folgte bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro die Bronzemedaille. Nach der WM 2017 in Frankreich, an deren Ende ein enttäuschender neunter Platz stand, zog es Sigurdsson in die Ferne – nach Japan.

Der Wechsel kam für viele überraschend, für Freunde und enge Bekannte freilich nicht. Dagur Sigurdsson ist seit jeher ein Reisender zwischen den Handball-Welten. Schon von 2000 bis 2003 stand er als Spielertrainer in Japan bei Wakunaga Hiroshima unter Vertrag.

Nun also Nationalcoach in Fernost. Und dort gefällt es dem Vater dreier Kinder richtig gut. Die Liga ist mit neun Teams halb so groß wie in Deutschland, die Belastung der Spieler damit viel kleiner. Während viele Profis hierzulande unter der hohen Belastung aufstöhnen, kann Sigurdsson stets mit frischem Personal arbeiten. „Sie sind nie müde, sondern immer fleißig“, sagt Sigurdsson.

Die Spieler sind bei Firmenteams angestellt

Ein großer Vorteil ist auch, dass seine Auswahlspieler bei Firmenteams angestellt sind, die die Eliteklasse bilden. „Die Spieler sind zwar Profis, aber zum Beispiel bei einem Autohersteller unter Vertrag“, sagt Sigurdsson, „sie genießen Vorteile, müssen aber trotzdem normal arbeiten.“ Das Training findet erst nach Feierband statt. Nach ihrer sportlichen Karriere sind sie weiter Angestellte des jeweiligen Unternehmens. Geld und Vereinswechsel spielen keine große Rolle, es ist bei Weitem nicht vergleichbar mit dem Handballgeschäft in Europa.

Rund 140 Tage im Jahr kann Sigurdsson mit seinen Spielern gemeinsam arbeiten. Zum Vergleich: Bundestrainer Christian Prokop kommt gerade einmal auf etwa 60 Tage Teamarbeit mit Gensheimer, Heinevetter, Lemke und Co. „Spielen, spielen, spielen und so viel Erfahrung wie möglich sammeln“, lautet das Credo Sigurdssons, der Japan fit für Olympia 2020 in Tokio machen soll.

Bei der WM 2017 schied Japan punktlos bereits in der Gruppenphase aus. Immerhin hatte das Team damals in Frankreich die Fairplay-Wertung gewonnen. Zu viel Respekt vor dem Gegner, zu wenig Härte und Körperlichkeit im Zweikampf. „Meine Spieler agieren ein bisschen schüchtern“, sagt Sigurdsson, „aber das können wir ändern. Ich will bei der WM die Mentalität sehen, dass sie volle Pulle kämpfen und nicht zusammenbrechen.“