Trainer in Syrien

„Der Fußball vermittelt ein wenig Freude“

Der ehemalige Hertha-Trainer Bernd Stange ist Syriens Nationalcoach. Im Interview spricht er über seine Arbeit in einem zerstörten Land.

In der zerstörten Stadt Aleppo spielen syrische Kinder 2014 Fußball auf der Straße. Er ist bis heute eine Ablenkung vom Leid durch den Bürgerkrieg.

In der zerstörten Stadt Aleppo spielen syrische Kinder 2014 Fußball auf der Straße. Er ist bis heute eine Ablenkung vom Leid durch den Bürgerkrieg.

Foto: Karam Almasri / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Essen.  Seit 2011 befindet sich Syrien im Bürgerkrieg. Millionen Menschen sind aus dem Land geflüchtet, viele während der Kämpfe zwischen der Opposition und dem Machthaber Baschar al-Assad gestorben. Anfang 2018 schätzten Experten der Vereinten Nationen, dass seit Beginn des Krieges 500.000 Menschen getötet wurden. Genau zu dieser Zeit nahm der ehemalige DDR-Nationaltrainer Bernd Stange (70) seine Arbeit als Trainer der syrischen Nationalmannschaft auf. Der Fußballlehrer, der 1991/92 auch Hertha BSC trainierte, startete mit seinem Team am Sonnabend in den Asien-Cup in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das erste Gruppenspiel gegen Palästina endete 0:0. Ein Gespräch über Fußball in Zeiten des Krieges und die Instrumentalisierung von Sport.

Herr Stange, suchen Sie die Gefahr?

Bernd Stange: Weil ich Trainer in Syrien bin? Klares Nein. Der Verband hat einen Trainer mit Erfahrung gesucht. Die habe ich im Irak, einem ähnlich problematischen Land, schon gesammelt. Es gibt nur etwas mehr als 200 Jobs als Nationaltrainer weltweit. Sobald einer geht, liegen stapelweise Bewerbungen auf dem Tisch.

Wie sicher ist es für Sie vor Ort?

Meine beiden erwachsenen Kinder wissen, dass sich ihr Papa nicht in Lebensgefahr begibt. Wir werden überall freundlichst begrüßt, genießen hier einen sehr guten Ruf. Dennoch ist die Situation vor Ort kompliziert. Die Wahrheit kennen nur wenige. Hier traut sich ja auch kaum einer her. Es gibt ein paar deutsche Ärzte. Und mit mir und meinen Assistenztrainern Harald Irmscher und Marco Kämpfe noch drei deutsche Fußballtrainer.

Welche Möglichkeiten haben Sie, mit Fußball etwas in Syrien zu bewirken?

Wir haben die Liga wieder ans Laufen gebracht nach mehreren Jahren Pause. Die Menschen sind kriegsmüde, kommen in Scharen zu den Spielen, oft über 30 000. Überall im Land. In Duma haben wir mit Hilfe der Fifa einen Kunstrasenplatz mit Flutlicht gebaut. Da wird bis morgens früh um 2 Uhr gespielt. Auch viele Kinder kommen direkt aus den Häuserruinen. Der Fußball vermittelt so ein wenig Alltagsfreude in einem ruinierten, zerstörten Land, in dem es unvorstellbares Leid gibt. Mein Wunsch ist es, mit einem guten Asien-Cup den Menschen in Syrien wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass das gelingen kann?

Junge Leute sollten immer nach Erfolg streben. Und ich als Trainer bin ein Berufsoptimist. Wenn beides nicht so wäre, könnten wir uns bei der Fifa abmelden. Syrien hat noch nie die Gruppenphase überstanden. Es ist unser Ziel, das zu schaffen. Danach liegt für uns das sportliche Glück in Gottes Hand.

Der Asien-Cup ist ihr erstes, großes, internationales Turnier als Cheftrainer.

Dabei hätte ich bei Olympia und beim Asien-Cup 2004 dabei sein können.

Ihre Mission mit dem Irak konnten Sie damals nicht zu Ende bringen.

Das war für mich herzzerreißend. Vor dem Auswärtsspiel in Kuwait am Abend vor dem US-Angriff auf den Irak hat mich das Auswärtige Amt via Jordanien rausgeholt. Es gab Geiselnahmen, die Lage war gefährlich. Auch für den Trainer der Nationalmannschaft. Und doch war die Flucht nach drei erfolgreichen Jahren bitter. Am nächsten Tag habe ich bei CNN gesehen, wie das Olympische Komitee nahe meinem Hotel in Bagdad zerbombt wurde.

Immerhin leben Sie.

Bitter war es für den Fußballtrainer Stange, ein Glück für den Menschen Stange. Natürlich bin ich nicht blauäugig. Sport wird in allen Systemen instrumentalisiert. Bei Erfolg kommen Autokraten, Präsidenten oder Kanzlerinnen in die Kabine. Das muss man wissen. Bei einer Niederlage ist man immer allein.

Haben Sie es je bereut, den Job im Irak oder in Syrien anzunehmen?

Nein, nie. In beiden Ländern konnte ich als Trainer sportlich etwas bewegen. Der Irak ist bei Olympia 2004 in Athen Vierter geworden. Ein wenig habe ich dazu auch beigetragen.

Bei Hertha BSC waren Sie einst der Entdecker von Mario Basler.

Richtig, ich habe Mario von Rot-Weiss Essen für ganz kleines Geld zum damaligen Pleiteklub Hertha BSC geholt. Man warnte mich, dass er schwer zu führen sei. Ich dachte, das wäre für einen Ex-Nationaltrainer der DDR eine kleine Übung. Doch das war ein Irrtum. Ich rief Otto Rehhagel in Bremen an. Der hat mir vertraut. Mario hat sich dann bei Werder zu einem tollen Mittelfeldspieler entwickelt.

Würde es 20 Jahre danach ein Basler im Profifußball überhaupt schaffen?

Das Potential hätte er gehabt, vielleicht sogar auf dem Niveau von Ronaldo, Messi oder Zidane. Leider hat der Kopf nicht mitgespielt – was heute eine große Rolle spielt.

Sie haben Basler damals hart kritisiert.

Dieser Spruch, ich weiß („Bis zum Hals weltklasse, darüber Kreisliga“; Anm. d. Red.). Das würde ich heute nicht mehr so sagen, weil Mario kein Dummkopf ist. Er teilt kräftig aus, kann dadurch auch einstecken. Heute freuen wir uns, wenn wir uns treffen.

Hören Sie nach dem Asien-Cup auf?

Ich suche nichts anderes mehr und werde nach dem Turnier in die Alpen reisen und Skifahren.

Die Frage haben Sie nicht beantwortet.

Ich weiß. Mal sehen, wie lange ich es mit den Enkelkindern an der Saale beim Enten füttern aushalte.