Zehnkampf

Abele: „Gedanken an Berlin sind mein täglicher Begleiter“

Europameister Arthur Abele über seinen größten Triumph und, wie er ihn zwischen Weihnachten und Neujahr erstmals richtig feiern kann

Der König der Athleten: Zehnkämpfer Arthur Abele gewinnt am 8. August im Olympiastadion Gold bei den Leichtathletik-Europameisterschaften.

Der König der Athleten: Zehnkämpfer Arthur Abele gewinnt am 8. August im Olympiastadion Gold bei den Leichtathletik-Europameisterschaften.

Foto: Sascha Fromm / TA

Berlin.  Arthur Abele ist ein bisschen verschnupft. Der nasskalte Dezember ist auch an dem Zehnkämpfer nicht spurlos vorbeigegangen. Aber eine kleine Erkältung hält den 32-Jährigen nicht davon ab, das Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Denn an den größten Moment seiner Karriere, an den Gewinn des Europameistertitels im vergangenen August im Berliner Olympiastadion erinnert sich der Drittplatzierte bei der Gala zum Sportler des Jahres gern. Im Interview blickt der Athlet des SSV Ulm aber nicht nur zurück, er spricht auch über seine Ziele für die WM 2019 in Doha (28. September bis 6. Oktober) und wie seine vielen Verletzungen ihn dahin gebracht haben, wo er jetzt steht.

Herr Abele, fällt es Ihnen schwer, sich vom Jahr 2018 zu verabschieden?

Arthur Abele: Das mache ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Saison war für mich natürlich kurios. Hat unglaublich wahnsinnig angefangen im Januar, mit Krankheiten und einer Gesichtslähmung, nach der ich das Jahr eigentlich schon abgeschrieben hatte.

Und trotzdem wurde es das Jahr Ihres größten sportlichen Erfolges.

Ja, dann kam eine tolle Wendung. Das fing schon mit dem Wettkampf und der EM-Qualifikation in Ratingen an. Und dann natürlich das Highlight, die Europameisterschaften in Berlin, wo ich den Titel geholt habe. Bis hin zum World Challenge Combined Event, das ich dann auch noch gewonnen habe. Das war eine unfassbar tolle Saison.

Also gar nicht so einfach, 2018 loszulassen?

Klar, solche Sachen möchte man immer wieder zurückspulen und nochmal erleben. Das ist das weinende Auge. Weil das Jahr nun viel zu schnell vorbeiging.

Sie denken also noch oft an die Tage von Berlin zurück?

Definitiv. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht daran denke und die Erlebnisse werden mich auch ein Leben lang begleiten. Auch wenn es nur mal ein kurzer Gedanke ist, wo ich mal einen kleinen Tagtraum habe. Die Gedanken an Berlin sind mein ständiger Begleiter. Und meine Motivation, wenn es mal schwerer wird. Diese Momente, Emotionen, Erlebnisse, alles, was da so hochkam, das war schon einmalig.

Überstrahlt so ein Moment in Ihrem persönlichen Jahresrückblick alles? Oder ist da auch noch Platz für andere Erinnerungen?

Es ist ein Riesenhighlight 2018 gewesen, aber da war auch die Familie ganz ganz wichtig. Und da hatte ich auch total tolle Momente. Mit meiner bezaubernden Verlobten und meinem kleinen süßen Sohn zu Hause, der wächst und gedeiht. Bei dem man miterlebt, wie er sich sprachlich entwickelt und auf einmal Sachen von sich gibt, die man gar nicht erwartet hat. Das rufe ich mir auch gern in Erinnerungen, wenn ich auf das Jahr zurückblicke.

Zwischen Weihnachten und Neujahr nehmen sich ja auch viele Menschen Zeit, das Jahr nochmal Revue passieren zu lassen, das Erlebte zu verarbeiten oder zu realisieren. Ist das bei Ihnen auch der Fall?

Ja, auf jeden Fall. Der Prozess ist bei mir noch gar nicht abgeschlossen. Wenn ich ehrlich bin, haben wir den EM-Titel noch gar nicht so richtig feiern können. Die Zeit können wir uns jetzt nehmen, das Jahr nachfeiern.

Bleibt beim Zurückblicken auch Zeit, Vorsätze für das neue Jahr zu fassen?

Absolut. Ich weiß auch schon gewisse Sachen, die ich mir vornehme.

Und was nimmt sich ein Zehnkampf-Europameister für 2019, das WM-Jahr, vor?

Das darf man ja nicht sagen, sonst geht das ja nicht so richtig in Erfüllung (lacht). Da bin ich schon ein bisschen abergläubisch. Aber die einen Vorsätze haben mit Familie zu tun, die anderen mit dem Sport, und manche Vorsätze haben auch mit mir selbst zu tun.

Dann formuliere ich mal andersherum. Welche Hoffnungen verbinden Sie denn mit dem neuen Jahr?

Meine größte Hoffnung ist natürlich, verletzungsfrei zu sein. Das ist oberstes Gebot in sportlicher Hinsicht. Für meine Familie wünsche ich mir auch, dass alle gesund bleiben, niemandem etwas passiert. Familie ist immer mein Ansporn, etwas, woraus ich meine Motivation ziehe. Wenn sich die Hoffnung, selbst gesund zu bleiben eben mal nicht erfüllt.

Sie haben in Ihrer Karriere ja wirklich fast mehr Rückschläge erlitten, als große Erfolge gefeiert. Wird man da vorsichtiger, was Wünsche und Zielsetzungen angeht, weil man dann doch Angst vor der nächsten Verletzung oder dem nächsten Rückschlag hat?

So darf man gar nicht denken. Dann wird man sich definitiv verletzen. Da muss man den Kopf dann manchmal einfach ausschalten. Die Verletzung kommt oder sie kommt nicht. Und verhindern kann man sie dann sowieso nicht. Man kann es vielleicht ein bisschen steuern, wenn man feinfühliger mit seinem Körper umgeht. Und das war in der Vergangenheit nicht immer mein Ding. Ich wollte immer unbedingt bis zum Höhepunkt fit sein und habe dann doch nochmal die eine oder andere Einheit durchgezogen. Das war manchmal zu viel und da habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass weniger wirklich mehr sein kann. Und mit dem Gedanken einer Verletzung zu spielen, ist da wirklich kontraproduktiv.

Das klingt so, als hätte erst der harte Lernprozess Ihnen den Erfolg von Berlin ermöglicht?

Ja, das ist eine Entwicklung, die man da durchläuft. Ich ziehe nach jeder Verletzung ein Resümee und wenn man da erkennt, dass der Fehler bei einem selbst lag, muss man darauf reagieren. In jungen Jahren war ich sehr brechstangenorientiert. Ich habe es immer versucht, egal wie. Obwohl mein Körper schon gemeckert hat. Und da ging es meist nach hinten los. Mittlerweile kann ich da auf meine Erfahrung setzen und gehe ein bisschen ruhiger an die Sache ran.

Die deutschen Meisterschaften der Leichtathleten finden im kommenden Jahr im Olympiastadion in Berlin statt. Zeit für eine Rückkehr?

Das könnte gut sein. Wir sind in dieser Saison vom SSV Ulm auch bei den deutschen Meisterschaften gestartet. Wir sind mit vier Zehnkämpfern in der 4x400-Meter-Staffel gelaufen und Dritter in Deutschland geworden. Das gibt es auch nicht so oft. Das war schon echt stark. Und wir sind unglaublich knapp an Platz zwei gescheitert – ich muss zugeben, dass das sogar mein Fehler war, weil ich als Schlussläufer noch einmal zurückgeschaut habe, statt einfach zu laufen – und wir haben dann mit Zwei Hundertsteln den zweiten Platz verpasst. Deshalb haben wir da auch was gut zu machen. Ich will es nicht versprechen, weil die Saisonplanung ja ganz anders ist mit der späten Weltmeisterschaft Ende September.

Spielt bei der Entscheidung vielleicht auch der Fakt eine Rolle, dass die DM in Berlin ist?

Ja, das ist natürlich unglaublich toll. Ich war ja auch im September noch beim Istaf bei der Verabschiedung von Robert Harting dabei. Und da war auch direkt wieder Gänsehaut am Start, im Olympiastadion zu sein, die Leute zu spüren, die Stimmung war einfach unglaublich. Das hat schon viel wieder in mir hervorgerufen. Dort zu sein ist schon einmalig, wenn man so einen Titel mal gefeiert hat.

Ändern sich die eigenen Ziele, vor allem die sportlichen, wenn man einmal solche Emotionen erlebt hat? Auch in Bezug auf die Weltmeisterschaft?

Definitiv. Man will natürlich immer da vorne mitmischen. Jetzt hab ich Blut geleckt und will zeigen, dass ich da vorne hingehöre. In die Weltspitze, auch bei Olympia. Dafür trainiert der Athlet. Und wenn man da mal angekommen ist, will man da auch bleiben. Und auch bei einer WM oder bei Olympia eine Medaille holen.

Das sind also Ihre großen Ziele – WM- und Olympia-Medaille?

Das ist der Traum, den man lebt und dem man hinterher rennt. Für den man trainiert. Das wäre das i-Tüpfelchen meiner Karriere, wenn ich das in Tokio 2020 so hinbekomme.