Doppelinterview

„In Island kommen 13 Weihnachtsmänner“

Bjarki Elisson von den Füchsen und Albas Martin Hermannsson über Traditionen aus der Heimat und den Hype um ihr kleines Land.

Bjarki Elisson (l. Füchse) und Martin Hermannsson (Alba) besuchten gern den Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt.

Bjarki Elisson (l. Füchse) und Martin Hermannsson (Alba) besuchten gern den Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt.

Foto: David Heerde

Berlin.  Die Berliner Topklubs vereinen viele internationale Profis in ihren Mannschaften, vor allem US-Amerikaner, Kanadier, Spieler und Coaches aus Ex-Jugoslawien. Ganz selten ist mal ein Isländer darunter, wie einst Hertha-Spieler Eyjolfur Sverrisson oder die Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson und Erlingur Richardsson. Im Moment sind es zwei auf einmal, Bjarki Elisson (28/seit 2015 bei den Füchsen, wechselt 2019 nach Lemgo) und Martin Hermannsson (24/seit 2018 bei Alba). Das ist außergewöhnlich, denn auf Island leben nur 330.000 Menschen. Die Morgenpost traf die beiden am Gendarmenmarkt zu einem Gespräch über das Selbstverständnis der Nordmänner und Weihnachten mit faulen Kartoffeln.

Herr Elisson, Sie sind länger in Berlin, haben Sie Martin Hermannssonschon den Weihnachtsmarkt gezeigt?

Bjarki Elisson: Noch nicht. Aber ich denke, er hat ihn mit seiner Familie besucht.

Martin Hermannsson: Ich war mit meiner Frau vor ein paar Tagen da. Ich dachte, er hätte bis Mitternacht geöffnet. Er schließt aber schon um 23 Uhr. Wir mussten ihn von außen ansehen. Sieht ganz hübsch aus.

Was hat Bjarki Ihnen von Berlin denn überhaupt gezeigt, seit Sie hier sind?

Elisson : Um ehrlich zu sein: Wir treffen uns hier zum ersten Mal.

Wir mussten Sie erst zusammenbringen?

Elisson: Sieht ganz so aus (beide lachen).

Hermannsson: Wenn er spielt, habe ich frei, und wenn ich Training habe oder spielen muss, hat er frei. Wir haben den richtigen Moment einfach nie gefunden. Dafür verbringen unsere Frauen viel Zeit miteinander. Ich hab seine Frau schon öfter gesehen als Bjarki.

Vor einigen Jahren haben wir mit Dragan Milosavljevic von Alba und Petar Nenadic von den Füchsen gesprochen. Sie erzählten, dass jugoslawische Sportler eine große Gemeinschaft sind. Ist das bei Isländern ähnlich?

Elisson : Ach, ich glaube, die mögen einfach die Cafés hier in Berlin. Dort treffen sie sich alle (lacht).

Hermannsson: In Island kennt wirklich jeder jeden. Egal, ob man Handballer, Basketballer oder Fußballer ist.

Kannten Sie sich, bevor Sie nach Berlin kamen?

Hermannsson: Ich schaue mir alle Spiele der isländischen Handball-Nationalmannschaft an, darum wusste ich, wer er ist. Ich hab ihn außerdem vor zwei Jahren bei einem Musikfestival in Island getroffen, dem Secret Solstice. Da gehen viele Sportler hin.

Es ist verblüffend, dass ein Land mit so wenigen Menschen so erfolgreich im Sport ist. Es ist doch schwer, sich für eine Fußball-WM oder eine Basketball-EM zu qualifizieren. Es ist noch viel schwerer, Zweiter bei den Olympischen Spielen im Handball zu werden. Haben Sie eine Erklärung?

Elisson: Ich kenne die Antwort nicht wirklich. Aber ich denke, dass viele Kinder in Island fest daran glauben, dass sie die Besten in der Welt, zum Beispiel der nächste Messi werden können. Es mag naiv sein, aber das ist unsere Einstellung. Vor allem im Fußball, Handball und Basketball. Außerdem liegt uns Mannschaftssport. Wahrscheinlich ist das die Antwort: Kinder mit einem verrückten Glauben an sich und die isländische Stärke, in Teams zu arbeiten.

Hermannsson: Ich sage Ihnen ein Beispiel. Basketball wird bei uns im Fernsehen kaum gezeigt. Vielleicht mal ein paar NBA-Spiele. Euroleague oder Eurocup werden nicht übertragen. Die meisten Spieler kennen deshalb Mannschaften wie Real Madrid oder ZSKA Moskau gar nicht. Sie haben keinen Vergleich und sind trotzdem überzeugt, dass wir solche Teams schlagen können. Als wir 2015 zur EM nach Berlin kamen, kannte ich nur die Spieler, die in der NBA spielen. Ich hatte keine Ahnung, wer diese spanischen Stars wie Sergio Llull sind. Ich bin aufs Feld gegangen und wollte zeigen, dass ich besser bin als die. Das war ich nicht. Aber nicht zu wissen, was der Rest so kann, kann hilfreich sein.

Alles steht und fällt mit dem Selbstbewusstsein?

Hermannsson : Genau. Die Isländer haben davon eine Menge.

Wegen all dieser Erfolge gibt es einen regelrechten Hype um Island – vor allem wegen der Fußballer. War das im Basketball oder im Handball auch bemerkbar?

Hermannsson: Das Handball-Team hat diese Aufmerksamkeit schon lange. Weil sie immer Welt- und Europameisterschaften gespielt haben. Und sie sind Zweite bei den Olympischen Spielen geworden. Jeder in Island kennt die Handballspieler. Fußball ist auch in Island der größte Sport. Für die Basketballer war es was Neues, als wir uns für die EM qualifiziert haben, dass wir so viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Weil wir vorher immer auf Platz drei hinter den zwei großen Sportarten lagen, was natürlich ein bisschen hart war. Dann haben sich die Fußballer für die EM qualifiziert, so dass wir vielleicht 20 Minuten Ruhm bekommen haben. Es ist schon hart, immer im Schatten der Fußball-Nationalmannschaft zu stehen.

Elisson: Martin, ich habe aber auch den Hype ums Basketball-Team mitbekommen. Alle dachten sich, okay, jetzt sind wir im Basketball auch noch gut. Wir sind wirklich stolz darauf, wie erfolgreich wir in den drei großen Sportarten sind. Man darf nicht vergessen, wie wenige wir sind. Es ist, als würde ein Fußballteam aus Prenzlauer Berg an der WM teilnehmen.

Martin Hermannsson hat mal erzählt, dass er Anrufe von Menschen aus Island bekommt, die er gar nicht kennt. Die sich melden, weil sie Tickets für Alba haben möchten. Haben Sie im Handball bei den Füchsen Ähnliches erlebt, Herr Elisson?

Elisson : Natürlich, ich habe viele Nachrichten über Instagram oder Facebook bekommen. Das ist Island. Hey, du kennst meinen Vater, kann ich zwei Tickets bekommen?

Hermannsson: Die Leute, die mich anrufen, sagen: Hey, nächstes Wochenende kommen acht Leute, kannst du uns Tickets besorgen? Die Tickets kosten vielleicht 20 Euro, aber sie kennen nun mal jemanden, und probieren es. Ich versuche, nicht zu viele Karten zu verteilen. Wenn du einmal anfängst, kannst du nicht mehr damit aufhören.

Herr Elisson, Sie sind schon länger aus Island weg als Martin Hermannsson. Vermissen Sie Island sehr?

Elisson: Natürlich vermisse ich meine Heimat, meine Familie, meine Freunde. Allerdings wusste ich schon mit 14 Jahren, dass ich professioneller Handballspieler werden will. Und ich wusste, dass der Tag kommen wird, an dem ich gehen muss. Wenn ich eine erfolgreiche Karriere haben will, bin ich sicherlich zwölf bis 15 Jahre im Ausland. Immerhin fliege ich vier Mal im Jahr in die Heimat, in der Sommerpause und mit dem Nationalteam. Und heute hast du so viele technische Möglichkeiten, die Familie trotzdem zu sehen und mit ihr zu sprechen. Das Einzige, was mir wirklich nicht fehlt, ist das isländische Wetter.

Hermannsson: Ich habe auch kein Heimweh mehr. Das erste Jahr in Amerika am College war hart, aber wie Bjarki sagt, das war etwas, was ich wirklich machen wollte: mein Ziel. Und du bereitest dich darauf vor. In Berlin kommen Familie und Freunde außerdem ständig zu Besuch. Meine Mutter war schon zweimal hier, die gesamte Familie kommt zu Weihnachten.

Vermissen Sie nicht mal die beeindruckende Natur in Island?

Elisson : Wenn du sie einmal gesehen hast, hast du sie gesehen. Das ist wie mit dem Brandenburger Tor. Du gehst einmal hin, das reicht. Das ist nichts, was man vermisst. Man sieht die Natur ja nächsten Sommer wieder, sie ist immer da.

Hermannsson: Meine Frau will jeden Sommer campen gehen, irgendwo in den Bergen, mit Lagerfeuer und Co. Ich muss das zweimal im Sommer machen, das reicht mir an Natur. Außerdem: Wenn Sie von Berlin wegziehen, würden Sie das Brandenburger Tor mitnehmen wollen?

Das nun auch nicht! Andersrum gefragt: Wenn Sie zurück nach Island gehen, was würden Sie aus Berlinam liebsten mitnehmen?

Hermannsson : Die Tram und die U-Bahn, so etwas haben wir in Island nicht. Es ist so schön einfach, damit von Ort zu Ort zu kommen. Ich fahre hier kaum Auto.

Sie müssen beide einen Tag vor und direkt nach Weihnachten mit Ihren Teams spielen. Wird also in Berlin gefeiert?

Hermannsson: Ich hab keine Zeit, anderswo hinzufahren. Meine ganze Familie kommt deshalb, meine Eltern, mein Bruder, meine Schwester. Es ist das erste Mal seit 2014, dass wir Weihnachten zusammen verbringen. Für meine Familie ist es das erste Mal, dass sie Weihnachten außerhalb von Island feiern. Sie werden sich auch unser Spiel am 27. Dezember anschauen. Und vielleicht gehen wir am 26. zu Bjarkis Spiel.

Elisson: Ich feiere nur mit meiner Frau und meiner Tochter. Es ist mein sechstes Jahr in Deutschland, langsam gewöhne ich mich daran, Weihnachten nicht in der Heimat zu feiern. Ich mag Weihnachten hier auch sehr. Zum Weihnachtsmarkt zu gehen, ein bisschen Glühwein zu trinken, eine Bratwurst zu essen. Das mag ich. Und das Wetter ist nicht so kalt wie in Island.

Leider gibt es keinen Schnee...

Elisson : ...den vermisse ich wirklich nicht!

Viele Leute sagen, dass Weihnachten wichtiger wird, wenn Kinder in der Familie sind. Martin, Sie haben einen sechs Monate alten Sohn, Bjarki, Sie haben eine dreieinhalb Jahre alte Tochter. Haben Sie auch den Eindruck, dass Weihnachten jetzt wichtiger ist?

Hermannsson : Wenn er größer wird und versteht, was an Weihnachten los ist, dann wird es bestimmt noch mal anders. Meine Familie kommt natürlich auch nach Berlin, um den Kleinen zu sehen: Er ist das erste Enkelkind in der Familie.

Elisson: Mit Kindern macht Weihnachten wieder Spaß. Es war aufregend, bis man 19 oder 20 Jahre alt war. Dann wurde man jedes Jahr etwas enttäuschter, weil man weniger Geschenke bekommt. Aber jetzt wird es wieder spannender, weil sie versteht, was los ist und sich riesig auf Weihnachten freut.

Kommt der Weihnachtsmannnach Island?

Hermannsson : 13. Wir haben tatsächlich 13 Weihnachtsmänner. Los geht‘s 13 Tage vor Weihnachten, da kommt der erste und legt ein Geschenk in deinen Schuh, den du auf dein Fensterbrett gestellt hast. Und am nächsten Tag kommt der nächste und so weiter. Du kriegst 13 Geschenke vor Weihnachten.

Elisson: Das erzähl ich meiner Tochter lieber nicht. (lacht)

Stimmt es, dass Kinder, die nicht lieb waren, eine fauleKartoffel in ihren Schuh gelegt bekommen?

Hermannsson und Elisson: Das stimmt.

Und, wie viele fauleKartoffeln hatten Sie schon?

Elisson : Ich habe einmal eine bekommen. Und auch einen Brief vom Weihnachtsmann, aber der war natürlich von meiner Mutter. Sei kein Idiot oder so stand da drin. Da war ich zehn Jahre alt. Das war schon enttäuschend. Naja, ich bin darüber hinweggekommen.

Hermannsson: Ich habe nie eine bekommen. Ich glaube, meine Eltern hatten nicht den Mut dazu, sie hatten wohl Angst, dass sie Weihnachten für mich ruinieren. Es gab da schon ein paar Jahre, in denen ich eine faule Kartoffel verdient gehabt hätte.

Welche anderen Weihnachtstraditionen übernehmen Sie aus Island?

Hermannsson : Es ist schwierig, Traditionen zu bewahren, wenn man nicht gemeinsam feiert. Früher hatten wir immer diesen Pudding, den wir an Weihnachten gegessen haben. Meine Mutter hat eine Mandel in den Pudding reingetan, und wer diese Mandel hatte, bekam ein Geschenk. Das war schön, vielleicht machen wir es dieses Jahr wieder.

Elisson: Wir essen spezielles, traditionelles Fleisch, das war‘s dann auch schon. Wir haben den Pudding in den vergangenen Jahren auch öfter mal gegessen. Aber das ist schwierig, wenn man nur zu zweit ist: Einer gewinnt, einer verliert, das ist ein bisschen traurig.