Eishockey

Willkommen auf der Baustelle

Die Eisbären verlieren auch gegen Wolfsburg. Es fehlt den Berlinern an Konstanz und Bissigkeit.

 Der Wolfsburger Cole Cassels (l.) überwindet Eisbären-Torhüter Kevin Poulin zum 2.1.

Der Wolfsburger Cole Cassels (l.) überwindet Eisbären-Torhüter Kevin Poulin zum 2.1.

Foto: nordphoto / Engler / imago/Nordphoto

Berlin. Mancher dürfte sich im falschen Film gewähnt haben. Die tolle Technik macht vieles möglich, auf LED-Laufbändern können Zuschauern Werbebotschaften vermittelt werden. Man kann den Besuchern auch etwas wünschen, wie es Mercedes-Benz in der gleichnamigen Arena tut. „Viel Spaß“ sollen die Fans haben, speziell die Basketball-Fans werden angesprochen. Das wirkt nur dann komisch, wenn gerade ein Eishockeyspiel läuft. Was nicht zum ersten Mal so passierte. Man muss die Technik eben auch beherrschen.

Vielleicht ließe sich der falsch platzierte Wunsch auch als Anregung betrachten, beim in dieser Arena gezeigten Basketball bekommt der Fan auf jeden Fall viel mehr Kontinuität geboten als beim Eishockey. Beim EHC Eisbären kann man sich lediglich darauf verlassen, dass alles möglich ist. Tolle Spiele und große Siege wie beim Tabellenführer Mannheim vor einer Woche (3:2). Aber eben auch mäßiges Engagement und fragwürdige Niederlagen wie beim 2:3 am Freitag in Iserlohn, dem Elften der Tabelle der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Oder am Sonntag gegen Wolfsburg, 13.418 Zuschauern offerierte der Vizemeister da ein 1:4 (0:0, 1:2, 0:2) gegen den Vorletzten.

Berliner spielen divenhaft, das reicht nur zum Mittelmaß

Die These des Trainers, wohl unter dem Eindruck der wirklich guten Partie gegen Mannheim entwickelt, scheint mit dem Null-Punkte-Wochenende widerlegt. Man habe ein bestimmtes Niveau erreicht im Laufe der Saison und müsse sich nur noch um ein paar kleinere Baustellen kümmern, erklärte Clément Jodoin vor den beiden Spielen gegen die Kellerkinder. Doch eben jene Partien zeigten dann deutlich, dass die Einschätzung des Kanadiers etwas zu optimistisch war. „Man muss Geduld haben, im Training immer wieder alles wiederholen, bis sie es kapiert haben. Das ist wie Kinder aufzuziehen“, so Jodoin, dessen Mannschaft nun die Hälfe der Hauptrunde, also 26 Spiele, absolviert hat. Er habe solche Situationen schon oft beobachtet in seiner Karriere, er könne damit umgehen.

Fakt ist, dass die Berliner in den vergangenen Wochen an ein paar Stellschrauben gedreht haben. Einige schlechte Angewohnheiten wurden abgelegt, etwa der Hang dazu, in der Defensive anstürmende Gegenspieler zu doppeln und damit noch mehr Räume zu öffnen. Auch das Forechecking wurde leicht modifiziert. Gegen Wolfsburg funktionierte das anfangs ordentlich. „Ich denke, dass wir im ersten Drittel und auch im zweiten die besseren Chancen hatten“, sagte Jonas Müller, der am Vorabend zu Berlins Sportler des Jahres gewählt worden war und die Führung für den EHC mit einem Distanzschuss erzielte (23.). Sonst blieben aber alle Chancen ungenutzt, während die Niedersachsen sich Tor um Tor erarbeiteten, weil die Berliner nicht druckvoll genug agierten.

Womöglich ist die Ursache dafür ein Mentalitätsproblem. Qualitäten sind offenbar vorhaben, werden aber nur hin und wieder abgerufen. „Vor dem Spiel habe ich der Mannschaft gesagt, dass sie nichts auf dem Silbertablett serviert bekommt von Wolfsburg“, erzählte der Trainer. Dennoch war das Team nicht in der Lage, den Gästen kämpferisch Paroli zu bieten. Bezeichnend was das dritte Gegentor durch Nickolas Latta kurz nach dem Beginn des letzten Abschnitts (42.). „Wolfsburg kommt mit viel mehr Tempo raus als wir, obwohl wir hinten liegen“, stellte Müller fest – und auch, dass dies nicht so sein dürfe. Woran das liege, vermochte der Verteidiger nicht zu benennen. Dass man den Gegner nach der Tabelle einschätze und die Spiele entsprechend angehe, verneinte er, gestand aber zu, dass man „vielleicht eine bessere Einstellung“ benötige.

Dieser Eindruck verdichtet sich tatsächlich. Es wurde nicht genug zugepackt vor dem eigenen Tor, nicht verbissen genug darauf gedrungen, selbst Tore zu erzielen. Das Resultat dessen ist, dass die Berliner aus den sicheren Viertelfinalplätzen herausgerutscht sind und sich im Mittelmaß wiederfinden. Der Anschluss nach oben, der es vor dem Wochenende sein sollte, wurde klar verpasst. Was die Fans in der Arena mit Pfiffen quittierten. „Ich verstehe sie, sie haben jedes Recht dazu. Unser Job ist es, etwas zu zeigen“, so Jodoin, der seine Mannschaft noch nicht auf den richtigen Weg gebracht hat. Das in der zweiten Hälfte der Hauptaufgabe zu schaffen, ist nun die Hauptaufgabe des Trainers. „In der zweiten Hälfte der Saison kommt es nicht auf Talent an, sondern auf harte Arbeit und Einsatz“, sagte der Kanadier, der seinem Team die divenhaften Launen austreiben muss. Das erscheint wichtiger, als noch kleine Details am Spiel zu optimieren.

Wenn Jodoin das nicht gelingt, dürfte die Hauptrunde noch sehr schwer werden für die Eisbären. „Die Liga hat sich insgesamt gesteigert, die Mannschaften von unten sind besser geworden, was die Tabelle sehr eng macht“, sagte der Trainer der Berliner. Die fehlende Konstanz in den Auftritten kann sie deshalb vor Probleme stellen, mit denen sie eigentlich nicht gerechnet hatten.