Bob-Olympiasiegerin

Mariama Jamanka: „Selbstzweifel haben mich angetrieben“

Die Bob-Olympiasiegerin über die Gründe ihres Aufstiegs, das Aufwachsen in einfachen Verhältnissen in Berlin und die neue Saison.

Mariama Jamanka wuchs in Reinickendorf auf. Heute pendelt sie zwischen Oberhof und Berlin

Mariama Jamanka wuchs in Reinickendorf auf. Heute pendelt sie zwischen Oberhof und Berlin

Foto: Nigrin

Oberhof.  Das Café heißt „Luck“, in dem Mariama Jamanka über ihr Leben als Olympiasiegerin spricht. Luck, deutsch ausgesprochen. Familienname. Luck, englisch für Glück, das würde aber auch passen. Jamanka hat das verrückteste, glücklichste Jahr ihrer Karriere hinter sich. Im Februar gewann die Berlinerin in Pyeongchang überraschend Olympia-Gold im Zweierbob mit ihrer Anschieberin Lisa Buckwitz. Seither ist die 28-Jährige bekannt in ihrer ansonsten wenig Bob affinen Heimatstadt. Am Freitag beginnt für Jamanka, Tochter einer Deutschen und eines Gambiers die neue Weltcup-Saison in Sigulda, Lettland. Am Sonnabend steht sie mit Buckwitz zur Wahl als Berliner Mannschaft des Jahres. Es könnte der Abschluss eines Traumjahres werden – und der Aufbruch in eine Zukunft, vor der Jamanka durchaus Respekt hat.

Frau Jamanka, glauben Sie an Schicksal?

Mariama Jamanka: Nein. Ich glaube zwar an Glück und Pech, aber nicht daran, dass das mit Schicksal zu tun hat. Manche Dinge passieren, die kann man nicht erklären.

Wie erklären Sie sich denn das, was im Februar in Pyeongchang passiert ist?

Ich habe lange nach einer Erklärung gesucht. Ich habe mir auch noch mal alle Läufe angeguckt. Und da fiel mir auf, dass bei uns viele Faktoren zusammengekommen sind. Wir hatten das beste Material. Und aus irgendeinem Grund haben wir die Nerven behalten. Das war aber keine Vorsehung.

Wie oft haben Sie sich seither die Videos von Ihrem Olympiasieg angesehen?

Sehr oft (lacht). Für mich ist das trotz der Zeit, die dazwischen liegt, immer noch unglaublich. Ich weiß immer noch nicht, wie wir das hinbekommen haben. Ich bin eigentlich jemand, der selten mit seinen Läufen zufrieden ist. Aber der letzte Lauf war wirklich gut. Den schaue ich mir immer mal wieder an. Auch wenn es mir mal schlecht geht. Dann sage ich mir: Es ging ja da auch!

Es gibt auch ein Video, wie Sie nach Ihrem Triumph ins Deutsche Haus einkehren. Alle feiern Sie, es läuft „Don’t stop believing“ über die Boxen, und Sie haben Tränen in den Augen.

Ich war komplett fassungslos. Ich konnte das bis zum Ende nicht glauben. Der ganze Wettkampf lief wie im Fluss, und ich bin trotz allem entspannt geblieben. Ich habe mir die ganze Zeit gesagt: Das passiert nicht wirklich. Vor meinem letzten Lauf habe ich noch zu mir gesagt: Das kannst du nicht schaffen. Dann wirst du halt Zweite. Ist ja auch geil.

Sie wurden Erste. Danach haben Sie unzählige PR-Termine und Interviews gehabt. Gab es bis heute mal einen Moment, in dem Sie das alles genießen konnten?

Es gibt immer mal wieder kleine Momente, in denen ich das genießen kann. Wenn mich Menschen auf der Straße darauf ansprechen zum Beispiel. Dann wird mir bewusst, was wir geschafft haben.

Inwiefern hat sich Ihr Leben seit dem Olympiasieg verändert?

Es sind kleine Dinge. Beim Training mit meiner Mannschaft zum Beispiel werde ich plötzlich ein bisschen anders behandelt. Im Kraftraum bekomme ich immer die gute Hantelstange. ‚Komm, du bist doch Olympiasiegerin’, sagen sie dann scherzhaft.

Mögen Sie diese Aufmerksamkeit?

Eigentlich mag ich das nicht, wenn mich alle angucken. Es ist ok, ich kann das auch, aber wenn es nach mir ginge, bräuchte ich das nicht.

Wohnen Sie hier in Oberhof immer noch in einem Zimmer in der Kaserne?

Ja, aber das soll sich ändern. Es lohnte sich bisher einfach noch nicht, sich etwas anderes zu suchen, weil ich ohnehin viel unterwegs bin.

Sie sollen ja auch ein Sparfuchs sein.

(grinst) Das stimmt.

Manche Wintersportler, wie einige Biathleten, verdienen sehr gut. Die große Masse aber nicht. Hat sich das bei Ihnen durch den Olympiasieg geändert?

Ich bin sicher finanziell gestärkt daraus hervorgegangen. Das fängt mit der Prämie an und geht bei Sponsoren weiter. Ich hätte andere Sponsoren dazu nehmen können, aber das wollte ich nicht. Ich bin bei denen geblieben, die mich jahrelang unterstützt haben. Aber natürlich wird man mit Bobfahren nicht reich.

Was ist aus Ihrer Goldmedaille geworden? Ihre Mutter sollte sie ja eigentlich bekommen.

Sie ist jetzt endlich sicher verwahrt in Berlin. Das ganze Jahr über musste die Medaille ja mit mir mitreisen zu allen PR-Terminen. Und es war interessant für mich, wie die Menschen auf sie reagieren. Besonders die Sportler.

Wie denn?

Die meisten Sportler wollen die Medaille nicht anfassen. Sie sagen: Ich habe sie nicht gewonnen. Das bringt Unglück, wenn ich sie anfasse.

Sie können mit Anschieberin Lisa Buckwitz nun Berliner Mannschaft des Jahres werden. Was bedeutet Ihnen das?

Das bedeutet mir viel. In den letzten Jahren hat sich vieles in meinem Sportlerleben ja in Thüringen abgespielt. In Berlin kennt man Bobfahren kaum. Für mich ist es schön, nun zu Hause Anerkennung zu bekommen.

Die Ehrung findet im Hotel Estrel statt...

... und für mich schließt sich da ein Kreis. Als Studentin habe ich im Estrel gekellnert. Ich habe bei einer Agentur gearbeitet, die uns an Hotels vermietet hat. Das war ein Knochenjob. 14-Stunden-Schichten und immer in Bewegung. Da merkt man, womit man sein Geld verdient.

Am Estrel erzählt sich gewissermaßen Ihre Aufstiegsgeschichte.

Das ist wirklich krass. Ich hätte damals nie gedacht, dass ich mal auf der anderen Seite stehen würde. Und schon gar nicht, dass ich dort für einen Preis nominiert sein würde.

Was hat bei Ihnen dazu geführt, dass Sie es nach oben geschafft haben?

Ich glaube, dass da auch eine Form der Selbstzweifel eine Rolle gespielt hat. Ich war nie zufrieden mit dem, was ich geleistet habe. Ich dachte immer: Die Konkurrenz ist groß, du musst dich verbessern. Das hat mich angetrieben. Ich habe nie sagen können: Keiner schlägt mich! Das geht mir heute noch so. Der Olympiasieg bedeutet mir viel, aber er ist am Ende nur ein einziger Sieg. Deshalb kommt jetzt nicht automatisch alles von allein.

Wie sind Sie aufgewachsen? Würden Sie sagen, dass zu Hause wenig Geld da war?

Wir mussten immer aufs Geld gucken. Meine Mama war alleinerziehend, und das Krankenschwestergehalt ist nicht riesig. Trotzdem hat sie mir alles ermöglicht. Das vergesse ich nie.

Inwiefern hat Sie das geprägt?

Meine Mama hat sich immer durchgebissen. So bin ich auch geworden. Ich bin unheimlich stur – im positiven Sinne. Wenn es schwer wird, nehme ich den Kopf runter und arbeite mich durch.

Zweifel als Motor und der Drang, sich durchsetzen zu wollen als Hintergrund: Nun fängt eine neue Saison an. Sie sind nicht mehr die Außenseiterin, sondern Favoritin. Macht Ihnen das Angst?

Ich versuche, das nicht an mich ranzulassen. Ich weiß, dass mich die Konkurrenz nun schlagen will. Aber das verängstigt mich nicht. Mir ist wichtig zu zeigen, dass der Olympiasieg kein Zufall war. Ich will kein One-Hit-Wonder sein.

Wovon träumt man, wenn man schon Olympiasiegerin ist?

Ich will einen Weltcup gewinnen. Das ist mir bisher ja noch nicht gelungen. Und dann will ich Anfang März Weltmeisterin werden. Davon träume ich.

Haben Sie eine Idee, bis wann Sie noch fahren wollen?

Mein Plan ist, die nächsten Olympischen Spiele 2022 in Peking noch dabei zu sein und danach aufzuhören. Dann bin ich 31. Irgendwann muss man auch den Absprung schaffen. Und vielleicht kann ich in Peking ja noch einmal gewinnen.

Sie sollen ein ausgeprägter Adrenalinjunkie sein. Wie zeigt sich das im Alltag?

Ich liebe es, Dinge auszuprobieren. Ich bin schon zweimal Fallschirm gesprungen, obwohl ich ziemliche Höhenangst habe. Ich probiere Kitesurfen aus und gehe gern Ski fahren. Ich liebe die Geschwindigkeit.

Braucht man das, um eine gute Bobpilotin zu sein?

Ohne die Lust am Tempo bekommt man irgendwann Angst davor. Und dann hat man verloren.

Was sind Sie für eine Autofahrerin?

Ich halte mich an die Regeln. Aber wenn ich mal schnell fahren darf, drücke ich aufs Gas. Mit meinem Auto habe ich bisher 240 Km/h geschafft. Aber da geht noch mehr. Ich mag das einfach, wenn es rasant ist.

Sie haben in Thüringen an einer Kampagne für Integration teilgenommen. Warum ist Ihnen das Thema wichtig?

Ich glaube, dass dieses Thema heute immer wichtiger wird und dass viele aus Unwissenheit falsch darauf blicken. Man muss das aufgeklärter angehen. In Berlin bin ich in einer multikulturellen Gesellschaft aufgewachsen. Sicher gibt es Probleme. Aber das liegt am Menschen an sich und nicht an unterschiedlichen Herkünften. Berlin hat mir gezeigt, dass Integration funktioniert.

Ist es für Sie ein Thema, eine dunkelhäutige Frau im Wintersport zu sind?

Nein. Ich habe durch meine Hautfarbe vielleicht in Deutschland einen höheren Wiedererkennungswert – vor allem im Wintersport. Aber Bobfahren ist ohnehin ein sehr farbiger Sport, weil die Athleten hauptsächlich aus der Leichtathletik stammen. Klar, ich werde schon mal auf den Film „Cool Runnings“ angesprochen, aber wenn es weiter nichts ist.

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