Bahnrad-Weltcup

Bahnrad-Sport blickt ohne Sorgen in die Zukunft

Das Karriereende von Kristina Vogel schmerzt, der Bahnrad-Nachwuchs drängt aber in die Lücke und will das auch in Berlin zeigen.

Miriam Welte (l.) und Pauline Grabosch im Teamsprint

Miriam Welte (l.) und Pauline Grabosch im Teamsprint

Foto: Michael Deines/PROMEDIAFOTO / picture alliance / Promediafoto

Berlin. Am späten Sonnabendnachmittag wird Kristina Vogel (28) im Velodrom an der Landsberger Allee in den Mittelpunkt rücken. Ein paar Blumen, eine Auszeichnung, Jubel. Zur deutschen Radsportlerin des Jahres wurde sie gewählt, beim Bahnrad-Weltcup in Berlin nimmt die Erfurterin die Ehrung entgegen. Vermutlich werden bei dem einen oder anderen ein paar Tränen fließen, die Zeremonie dürfte viele der Beobachter anrühren. Denn Vogel steht nicht mehr mit dem Rad auf der Bahn, sie ist seit einem Trainingsunfall im Juni in Cottbus querschnittsgelähmt.

Es war das bestürzende Ende einer großartigen Karriere, zweimal gewann die Sprinterin Olympiagold, elf WM-Titel erradelte sie auf der Bahn. „Es ist extrem traurig und schade, dass Kristina nicht mehr dabei ist. Ich habe mir die letzten zehn, elf Jahre, immer das Zimmer mit ihr geteilt. Sie fehlt mir natürlich, auch als Mensch, als Persönlichkeit“, sagt Miriam Welte (31/Kaiserslautern). Viele der Titel gewannen die beiden gemeinsam im Teamsprint, sie hat mehr verbunden als nur das Radfahren. Mit ihrem außergewöhnlichen Charakter, ihrer positiven Art und ihren Leistungen nahm Vogel eine Ausnahmestellung ein. „Sie war eine Symbolfigur“, sagt Sprint-Bundestrainer Detlef Uibel.

Drei junge Frauen mit viel Talent

Wenn diese Figur plötzlich fehlt, ändert sich auf einmal vieles. Etwa für Welte. „Mutter der Nation“ nennt er die erfahrene Athletin. Jetzt ist sie die Frontfrau. „Ich lächle über solche Bezeichnungen und kann da gut mit umgehen. Natürlich haben sich bisher alle mehr an Kristina orientiert, was ganz klar ist. Jetzt schauen alle mehr auf mich“, erzählt Welte. Besonders drei sehr junge Damen dient sie nun als Vorbild: Pauline Grabosch (20/Erfurt), Emma Hinze (21/Cottbus) und Lea Sophie Friedrich (18/Dassow).

Diese drei sind der Grund, warum sich beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) im Kurzzeit-Bereich der Frauen trotz des unfreiwilligen Ausfalls von Vogel niemand übermäßig um die Zukunft sorgen muss. „Wir haben das große Glück, dass wir durch die gute Nachwuchsarbeit in Deutschland jetzt ein paar Mädels haben, die echt stark sind“, sagt Welte. Mit Hinze wurde sie EM-Dritte im Teamsprint, Friedrich gewann kürzlich gleich vier Titel bei der Junioren-WM. Grabosch siegte bei der WM zusammen mit Welte und Vogel im März im Teamsprint und holte zudem noch die Bronzemedaille im Sprint.

Entwicklung jetzt mit Termindruck

In den vergangenen Monaten musste Grabosch eine Auszeit nehmen. Sie war dabei gewesen, als Vogels Unfall passierte, sie trainierten gemeinsam. „Körper und Geist haben nicht mehr mitgespielt. Ich konnte meine Leistung einfach nicht mehr abrufen und musste Abstand gewinnen“, so die Erfurterin. Inzwischen zeigt die Formkurve wieder nach oben. Berlin soll für sie und auch für Hinze, die zuletzt beim Weltcup in Kanada im Sprint auf Platz zwei fuhr, eine Gelegenheit sein, sich weiter zu profilieren in der internationalen Spitze. Vor allem im Sprint (Sonnabend ab 12 Uhr) und im Keirin (Sonntag ab 10 Uhr), zuvor gehen beide aber am Freitag gemeinsam mit Welte im Teamsprint an den Start (ab 18.30 Uhr/Eurosport-Player). Friedrich pausiert in Berlin.

Ursprünglich hätten sich die drei jungen Frauen in aller Ruhe entwickeln sollen, doch mit den Olympischen Spielen 2020 liegt nun ein großer Termin vor ihnen. „Für Hinze und Friedrich ist der doch sehr frühzeitig. Dennoch wollen wir drauf hinarbeiten“, sagt der Bundestrainer, weiß aber, dass keines der drei Talente „die Vielseitigkeit und Leistungsstärke von Kristina jetzt schon erreichen“ wird. Dazu bedürfe es noch Jahre. Aber „aus dem Team kommt kein Druck, wir gehen eher so ran, dass jeder seine Position finden soll“, erzählt Welte, die selbst noch nicht genau weiß, ob sie bis 2020 weiterfährt. Mit ihrer Routine und Gelassenheit kann sie Grabosch, Hinze und Friedrich in jedem Fall sehr unterstützen auf dem Weg in die Zukunft. Eine, die nicht weniger glänzend sein muss, als es die Vergangenheit mit Kristina Vogel war.