Kolumne

IM Lothar und die Fußballsaboteure

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Jörn Meyn
Ist er etwa der Bayern-Maulwurf? Stürmer Robert Lewandowski (l.) und Sportdirektor Hasan Salihamidzic

Ist er etwa der Bayern-Maulwurf? Stürmer Robert Lewandowski (l.) und Sportdirektor Hasan Salihamidzic

Foto: dpa/Montage BM

Die Bayern fahnden nach einem Maulwurf. Gebracht hat das in der Geschichte der Geheimnisverräter meist nichts.

Für Pal Dardai war das unangenehm. Die Bundesligasaison 2018/19 hatte noch gar nicht richtig begonnen, da wurden Hertha BSC und der Trainer schon unterwandert. Ein Maulwurf hatte sich durch den Trainingsplatz der Berliner gegraben und machte das Üben an einigen Stellen unmöglich. Er schaufelte mal hier einen Hügel, schnitt mal dort eine Schneise der Rasenverwüstung, dass es für die teuren Sprunggelenke der Profis gefährlich wurde. Dardai, der in seiner Freizeit gern gärtnert, gab die Fahndung raus. Ansonsten nahm er die Sabotage mit Humor: Vielleicht habe der Maulwurf ja einen Hertha-Mitgliedsausweis, lachte der Ungar, und vielleicht wolle er nur beim Training zuschauen. Und tatsächlich: Solange der Schaufler nicht verriet, was er so für Hertha-Interna erfuhr, war er keine Gefahr. Mit einem Rasenmäher wurde der lärmempfindliche Buddelflink dann vom Gelände vertrieben.

Dass Hasan Salihamidzic demnächst einen Rasenmäher durch die Bayern-Kabine lenkt, ist durchaus vorstellbar. München in diesen Wochen ist das bajuwarische Absurdistan. Die Presse wird von den Bossen des FC Bayern beschimpft, mit dem Grundgesetz belehrt, um wenige Tage später ermahnt zu werden, den ein oder anderen Profi doch mal härter zu kritisieren. Ist man zufällig Trainer bei den Münchnern, sollte man sich zudem die Zeitungslektüre abgewöhnen. Da konnte Niko Kovac zuletzt hübsch nachlesen, was er tags zuvor in geheimen Teambesprechungen so gesagt hatte. Einer der Spieler oder Betreuer muss die brisanten Informationen durchgesteckt haben. In der bildstarken Fußballsprache nennt man einen solchen Verräter „Maulwurf“ – einen inoffiziellen Mitarbeiter der Presse, der über das Innenleben eines Klubs auspackt. Aber damit ist jetzt ja Schluss. Dank Salihamidzic.

Guardiola ärgerte sich über übergewichtige Spieler

Der Bayern-Sportdirektor hat angekündigt, mit der vollen Härte gegen den Saboteur vorzugehen. Wobei er aufpassen muss. Maulwürfe stehen in Bayern unter Naturschutz. Wer ihnen das Fell über die Ohren zieht, muss ein Bußgeld von 50.000 Euro fürchten. Und eigentlich kann Salihamidzic die Sache auch gleich bleiben lassen. Der FC Bayern hat in seiner Geschichte schon so einige Maulwürfe beherbergt. Aber obwohl dabei vieles an die Oberfläche kam, wurden die Whistleblower nie offiziell enttarnt. Selbst, wenn jeder ahnte, wer sie waren.

Die Schweizer „Weltwoche“ schrieb einmal über Lothar Matthäus: „Seit Ende der 80er Jahre trägt er unter Mitspielern den Spitznamen IM Lothar, weil er quasi eine Standleitung zur Redaktion betreibt.“ Gemeint war die Redaktion der „Bild“. Matthäus’ Intimfeind Jürgen Klinsmann, über den so einiges in der Presse landete, klagte einmal zu seiner Bayern-Zeit: „Ich warte nur noch darauf, dass mein ganzer Vertrag als Kopie in der Bild-Zeitung steht.“ In der Branche erzählt man sich, dass ganze Journalistenkarrieren auf einem guten Draht zu Matthäus aufgebaut wurden.

Aber auch Bayern-Trainer vor Niko Kovac hatten so ihre Maulwurfprobleme. Pep Guardiola etwa soll in der Kabine mal über übergewichtige Profis geschimpft haben, was prompt in der Zeitung landete. Guardiola tobte. Er werde den Spitzel nie mehr spielen lassen. Entdeckt wurde aber niemand.

Die Totengräber der Fußballgeheimnisse

Maulwürfe sind die Totengräber der Fußballgeheimnisse. Und sie gehen dabei nicht immer so selbstlos vor wie die Informanten bei den „Football ­Leaks“ des „Spiegel“, die einen Blick in die Abgründe des Geschäfts freigeben wollen. Der Maulwurf ist meist ein geschickter Strippenzieher. Brisantes gibt er weiter, um selbst gut wegzukommen. Das ist der Maulwurf-Pressepakt. Aber manchmal trifft es auch die Richtigen. Die Steuerakte von Uli Hoeneß, dem Bayern-Präsident, landete mutmaßlich durch einen Informanten aus einer Behörde in der Öffentlichkeit. Da wusste jeder, was der selbsternannte Moralhüter Hoeneß so dem Staat vorenthielt.

„Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel“, lehrte schon Konfuzius. Und im Fußball gibt es sehr viele davon.