Bahnrad

Bahnrad-Weltcup im Velodrom: Zwei gewinnt

Theo Reinhardt startet mit Roger Kluge als Favorit im Madison beim Weltcup im Velodrom. Der Vierer bleibt aber sein Herzensprojekt.

Roger Kluge (l.) und Theo Reinhardt beim Sechstagerennen in Gent

Roger Kluge (l.) und Theo Reinhardt beim Sechstagerennen in Gent

Foto: Kristof Van Accom / dpa

Theo Reinhardt zieht die Augenbrauen ein wenig zusammen. Hat ihn doch gerade jemand in eine Schublade gesteckt. Als junger Bahnradfahrer, der in diesem Jahr erstmals richtig in Erscheinung tritt, muss sich der Berliner ab und zu bezeichnen lassen. Er nimmt es schließlich mit einem Lächeln hin, obwohl die Kategorisierung längst nicht mehr zutrifft. „Ich bin auch schon lange dabei“, sagt Reinhardt, immerhin 28 Jahre alt. Nur war die Aufmerksamkeit nie sonderlich groß. Was sich seit ein paar Monaten geändert hat. Ein wenig zumindest.

Seit März ist Reinhardt Weltmeister, er trägt ein auffälliges Trikot, wenn er gemeinsam mit Roger Kluge (Berlin) im Madison antritt. Reinhardt erlebt das erfolgreichste Jahr seiner Karriere, wurde auch EM-Zweiter. Wenn die beiden beim Weltcup in Berlin starten, der von Freitag bis Sonntag im Velodrom ausgetragen wird, ist Reinhardt als Lokalmatador eines der sportlichen Aushängeschilder der deutschen Bahnfahrer. Aber dennoch der unscheinbarere Teil des Erfolgsduos.

Im Mittelpunkt des Interesses steht meist Kluge (32), der bekannte Straßenfahrer, Giro-Etappensieger. Reinhardt mimt eher den Mann an der Seite des Routiniers. Was für ihn in Ordnung ist. „Ich bin kein Typ, der der Aufmerksamkeit hinterherrennt“, sagt der Radsportler. Mit Social Media hat er auch nicht viel am Hut. Er ist ein ruhiger Typ, der sich lieber zurückhaltend an seinen Erfolgen erfreut.

Vierer wieder in die Weltspitze geführt

Diese Erfolge gab es auch früher bereits, Platz drei bei der WM, drei zweite Ränge bei der EM. Mit dem Titel fühlt sich für den Berliner aber doch alles neu an. „Man wächst mit den Aufgaben und hat als Weltmeister schon Interesse daran, das zu bestätigen“, sagt er. Seine Rennen fahre er nun mit einer anderen Verantwortung. Immer aber auch begleitet von einem leicht zwiespältigen Gefühl. Denn eine andere Disziplin hat es ihm noch viel mehr angetan.

Reinhardt fährt nämlich hauptsächlich im Vierer. „Der ist für mich das Herzensprojekt, damit hat alles angefangen“, sagt er. Als der Bahnvierer 2012 neu aufgebaut wurde unter Bundestrainer Sven Meyer, war der Berliner dabei, fand mit dem Team wieder Anschluss an die Verfolgerspitze. „Ich stufe das Madison nicht herunter, aber auf dem Vierer baut viel auf“, so Reinhardt. Er hat einfach viel erlebt und durchgemacht mit dem Team, und es fühlt sich noch nicht danach an, als sei das Projekt vollendet. „Die richtige Explosion, wo man sagt, wir sind jetzt voll in der Spitze drin, fehlt noch. Wir haben noch mehr Potenzial.“ Er möchte helfen, dieses auch abzurufen.

Dafür traininert der Vierer extrem spezialisiert. Alles ist darauf ausgerichtet, die vier Kilometer mit dem Team schnellstmöglich abzuspulen. Auf der Straße, wo Kluge überwiegend sein Geld verdient, ist Reinhardt kaum noch unterwegs. Der sehr spezifische Aufwand für die Verfolgung steht den Anforderungen im Madison sogar entgegen. Dort ist Ausdauer gefragt. Die holt sich Reinhardt zwischen den eigentlichen Einheiten mit dem Vierer. „Ich bin zu Hause relativ fleißig“, sagt er. Deshalb kommt er auch in der zweiten Rennhälfte des Zweier-Mannschaftsfahrens ganz gut zurecht.

Ziel ist eine Medaille in Tokio 2020

In Berlin, wo am Sonnabend die verunglückte Kristina Vogel (Erfurt) und Maximilian Schachmann (Berlin) als deutsche Radsportler des Jahres ausgezeichnet werden, besteht aber ein Unterschied zur WM oder auch Olympia. Dort wird das Madison über 50 Kilometer gefahren, beim Weltcup werden nur 30 Kilometer in Angriff genommen. Das zwingt zu Änderungen in der Taktik, denn das Tempo ist höher, Rundengewinne sind schwieriger. Man muss also bei den Sprintwertungen mitmischen. Was Reinhardt und Kluge auch können, doch diese Weltcups sind schwerer zu gewinnen.

Die Verpflichtung, in Berlin vorn mitzufahren, verspüren die Weltmeister trotzdem. Obwohl für Theo Reinhardt ebenso wie für Roger Kluge alles nur Training im Hinblick auf Olympia 2020 ist. In Tokio wollen beide um Medaillen kämpfen. In ihrer Zweitdisziplin, in der sie sogar erfolgreicher sind als in ihrem Haupteinsatzfeld.