Interview

Tennis-Profi Alexander Zverev: "Ich werde jeden Tag im Jahr gejagt"

Alexander Zverev gehört zu den Top-Tennisspielern der Welt. Im Interview spricht er über Leistungsdruck, Ivan Lendl und Boris Becker.

Deutschlands Nummer eins Alexander Zverev in Aktion.

Deutschlands Nummer eins Alexander Zverev in Aktion.

Foto: dpa

London. Alexander Zverev (21) startet ab diesem Wochenende zum zweiten Mal bei der ATP-WM in der Londoner O2-Arena, in einer Gruppe mit Novak Djokovic, Marin Cilic und John Isner. Die deutsche Nummer eins behauptete sich 2018 in der absoluten Weltspitze, Zverev ist gegenwärtig die Nummer 5 der ATP-Rangliste. Zverev wird im kommenden Jahr in Deutschland u.a. bei den Gerry Weber Open (15. bis 23. Juni) im westfälischen Halle antreten.

Herr Zverev, wie fanden Sie Ihr bisheriges Tennisjahr 2018?

Alexander Zverev: Es war ein gutes Jahr. Ich habe mich in den Top 5 der Welt behauptet, das ist nicht selbstverständlich für einen 21-jährigen Burschen. Es ist leichter, in die Gipfelregion zu kommen als dort zu bleiben. Ich werde jeden Tag im Jahr gejagt, für viele ist es eine Prämie, gegen mich zu gewinnen.

Wie belastend ist dieser permanente Leistungsdruck für Sie, körperlich wie geistig?

Zverev: Das Jahr auf der Tour ist schon unheimlich hart. Und, wie gesagt: Es gibt hohe Erwartungen bei mir, sehr hohe Erwartungen. In Deutschland ist man eben verwöhnt mit absoluten Spitzenleuten, mit Superstars. Wir hatten Boris, Steffi und Michael. Da muss man dann schon selbst etwas ganz Großes, etwa einen Grand Slam, gewinnen, um positiv wahrgenommen zu werden. Aber ich beklage mich nicht darüber, es ist nur eine realistische Feststellung.

Sie haben selbst als Teenager gesagt: Ich will der Beste sein. Ist Ihnen jetzt klarer, wie schwer das eigentlich ist?

Zverev: Den Anspruch, der Beste zu sein, habe ich immer noch, keine Frage. Niemand erwartet mehr von mir als ich selbst. Aber ich bin schon realistischer geworden. Ich weiß viel besser, dass es Phasen gibt, in denen man auch mal stagniert in der Weltrangliste, ehe man wieder aufsteigt. Und dass man Spiele verliert, von denen man denkt, man sollte sie gewinnen. Ich würde sagen: Ich kann inzwischen sehr gut einschätzen, wie die Wirklichkeit in einer Karriere aussieht. Aber ich bin eben auch weiter ein Träumer, der seinen Traum verfolgt, die Nummer 1 zu werden.

In den letzten anderthalb Jahren galt die ganze Aufmerksamkeit bei den jungen Spielern nur Ihnen, als dem Mann, der die künftige Nummer eins werden müsse. Jüngst rückten aber auch andere Youngster stark in den Fokus: Der Grieche Tsitsipas, der Russe Khachanov.

Zverev: Ich freue mich darüber, es gibt da nicht den geringsten Neid. Es ist nicht leicht, sich in dieser Ära mit Roger, Rafa und Novak zu behaupten und Beachtung zu finden. Nun sind wir aber als nächste Generation dabei, uns doch zu emanzipieren mit sportlichen Topleistungen. Ich glaube, das ist jetzt eine gute Entwicklung fürs Tennis.

Was war der beste Moment in dieser Saison, was die größte Enttäuschung?

Zverev: Ich bin wirklich zufrieden mit der Konstanz, die ich gezeigt habe. Viele gute Turniere, drei Masters-Finals, ein Masters-Sieg. Auch die Grand Slams waren überwiegend okay. Aber in Paris, bei den French Open, habe ich das Gefühl gehabt: Hier bin ich bereit für was ganz Großes, hier will ich ganz weit kommen, ein Topspiel gegen Nadal oder Thiem haben. Nadal und ich, wir hatten die Sandplatzsaison bestimmt, aber in Paris haben mich dann einfach die Kräfte verlassen zum Schluß.

Sie haben seit den US Open nun auch einen sogenannten Supercoach an Ihrer Seite – Ivan Lendl. Dabei hatten viele in der Branche geglaubt, Boris Becker würde der neue Mann bei Zverev.

Zverev: Wir haben lange und oft miteinander gesprochen. Und dann festgestellt, dass es jetzt gerade nicht der beste Zeitpunkt ist für eine Zusammenarbeit. Auch, weil es bei ihm viele andere Dinge in seinem Leben gab. Wir haben aber auch gesagt: Wenn alles gut läuft, wird es in ein paar Jahren anders aussehen in dieser Frage. Er hat mir dann zu Lendl geraten, auch wenn sie beide ja nicht gerade die besten Freunde in ihrer aktiven Zeit waren.

Und Lendl? Was hat Ihnen diese Partnerschaft bisher gebracht?

Zverev: Wir haben schon viel verändert. Ivan ist ein faszinierender, spannender Typ, der unglaublich logisch und methodisch vorgeht. Und in jeder Sekunde genau weiß, was er tut. Er hat eine sehr klare Vorstellung davon, wie mein Spiel aussehen muss. Und daran arbeiten wir jetzt.

Wie sieht das aus, wenn Sie eine schmerzliche Niederlage kassiert haben? Hören Sie dann gleich Klartext von ihm?

Zverev: So läuft das nicht. Er weiß, dass sich die Emotionen erst mal legen müssen. Dass man sich abzukühlen hat. Wir gehen die Sache erst zwei, drei Tage in aller Ruhe durch. Ich gehe inzwischen aber auch besser mit Niederlagen um, sie sind Teil deines Lebens auf der Tour. Es geht nicht, ewig daran herum zu knabbern.

Sie sind hin und wieder mit offenen Worten angeeckt in der Tennisszene, etwa, als Sie nach einer Finalniederlage das Niveau des Spiels als „lächerlich“ bezeichneten?

Zverev: Es gibt viele Spieler, die gehen in Pressekonferenzen und sagen ein paar nette Dinge – auch wenn sie überhaupt nicht meinen, was sie da sagen. Ich sage offen meine Meinung, das ist einfach meine Natur. Mir ist klar, dass das nicht jedem passt.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Zverev: Ich habe überhaupt kein Problem mit Kritik. Ich bin prinzipiell selbst mein schärfster und härtester Kritiker. Ich versuche, immer grundehrlich auch zu mir zu sein.

Ist Ihnen generell wichtig, wie Sie beurteilt werden? Wie andere Sie sehen?

Zverev: Natürlich möchte ich, dass man mich mag. Das ist doch eine normale Reaktion. Auch und gerade in Deutschland, wo ich aufgewachsen bin und fast mein ganzes Leben verbracht habe. Aber bei den deutschen Turnieren wie den Gerry Weber Open oder beim Davis Cup spüre ich echten Rückenwind. Es ist ja schön, wenn einen die Menschen verstehen und unterstützen. Was ich allerdings noch glaube, ist: Viele kennen mich gar nicht richtig.

Wie sehen Sie sich denn selbst?

Zverev: Klingt jetzt ein bisschen dramatisch: Aber ich versuche immer, ein guter Mensch zu sein. Ich bin immer offen, ehrlich zu anderen Menschen. Ich bin auch ein sehr emotionaler Mensch. Ich habe, wie jeder andere, meine Hochs und Tiefs. Und ich kämpfe damit, besser mit meinen Enttäuschungen umzugehen.

In den letzten Monaten gab es im Welttennis eine aufwühlende Debatte um den Davis Cup. Sie haben klar gesagt: Ich spiele nicht im November, bei der geplanten Finalrunde am Ende einer strapaziösen Saison.

Zverev: Dabei bleibt es auch. Und ich sehe auch keinen der Topspieler, der da antreten wird. Vielleicht Nadal, weil das erste Turnier in Spanien stattfindet. Aber die Saison ist sowieso schon zu lang, sie wird jetzt noch länger – und nicht kürzer. Wir sind der Sport, der die wenigsten Pausen kennt. Du hast keine wirkliche Erholungszeit, einen viel zu kurzen Urlaub.

Die neue Davis Cup-Welt wird ausgerechnet in einem Jahr beschlossen, in dem Sie zwei emotionsgeladene Länderspiele erlebt haben – zuletzt in Spanien.

Zverev: Der Davis Cup im alten Format hat extrem hohen Wert für mich. Es war ein Traum, ihn zu gewinnen, mit echten Heim- und echten Auswärtsspielen. Jetzt ist es unvorstellbar für mich, nach einem ATP-Finalturnier noch zu einer Davis Cup-Woche mit 17 anderen Teams anzureisen. Davon halte ich einfach nichts. Ich werde aber beim Qualifikationsmatch gegen Ungarn im Februar nächstes Jahr in Frankfurt antreten, da freue ich mich drauf.

Es gab ja auch andere Vorschläge: Den Davis Cup alle zwei Jahre auszuspielen, über zwei Jahre. Oder sogar, wie die Fußball-WM, nur einmal in vier Jahren.

Zverev: Das wäre schon denkbar. Eine Finalrunde über drei, vier Wochen, alle vier Jahre. Aber doch nicht jedes Jahr mit 18 Mannschaften, am Ende einer Saison, wo alle schon so viele Matches auf dem Buckel haben. Und man sich nach dem Londoner Finale in den Urlaub sehnt.

Es wird, diese Klage ist nicht neu, einfach zu viel Tennis gespielt.

Zverev: Ich habe mich selbst zuletzt mal in Peking dabei ertappt, dass ich auf mein Mobiltelefon guckte, das Datum sah. Und dachte: Mann, das sind jetzt noch zwei Monate. Aber das ist die Realität. Und zu dieser Realität gehört auch, dass Änderungen nur sehr schwer umzusetzen sind.

Gab es in den letzten Jahren mal Tage, wo Sie überhaupt nicht an Tennis gedacht haben?

Zverev: Oh, ja. Im Urlaub. Oder auch an Tagen, wo man mit Freunden unterwegs ist und einfach eine gute Zeit hat. Ich habe kein Problem, mal nicht an Tennis zu denken.

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