Kein Bundestrainer

Eisschnellläufer starten führungslos in die Zukunft

Das deutsche Eisschnelllaufen gibt ein erbärmliches Bild ab. Ohne sportliche Führung startet der Verband in die Saison.

Nimmermüdes Zugpferd: Claudia Pechstein

Nimmermüdes Zugpferd: Claudia Pechstein

Foto: Schreyer / imago/Schreyer

Manche Dinge nimmt man als Eisschnellläufer am besten selbst in die Hand. Zumindest als deutscher Athlet. Denn es stellen sich plötzlich Fragen, die sonst nie eine Rolle gespielt haben. Weil alles selbstverständlich vom Verband geregelt worden ist. Im Sommer aber hakte Nico Ihle mal nach. Wie ist das eigentlich mit der Meldung der Sportler zu den Weltcups? Bei der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) solle man das nicht vergessen, so sein Hinweis. Der Chemnitzer wollte auch wissen, wie die Weltcup-Teilnahmen finanziert werden. Die beruhigende Nachricht: Das Innenministerium deckt diesen Bereich ab.

Das gibt ein wenig Planungssicherheit. Viel mehr Orientierung kann der Verband, der von Freitag bis Sonntag seine nationalen Meisterschaften in Inzell austrägt, ansonsten nicht bieten für seine Athleten. „Wie im leeren Raum“ fühlte sich Ihle (32) in den vergangenen Monaten. Claudia Pechstein ist mittlerweile 46 Jahre alt, hat viel erlebt. Sie sagt: „Die Vorbereitung auf die neue Saison war die schwierigste meiner Karriere. In der DESG sind nach meinem Empfinden sämtliche Strukturen weggebrochen.“ Ein vernichtendes Urteil, das aber kaum überraschend kommt. Der Niedergang des einst so erfolgreichen Verbandes schreitet unaufhaltsam voran. Man stürzt sich kopflos in die Zukunft.

Kein Sportdirektor und kein Bundestrainer

Zum zweiten Mal nach 2014 war die DESG im Februar bei den Olympischen Spielen ohne Medaille geblieben. Von Konzepten, die langfristig wieder zu Edelmetall führen sollten, wurde anschließend geredet. Doch Sportdirektor Robert Bartko und Bundestrainer Jan van Veen verabschiedeten sich kurze Zeit später. Die Posten sind noch immer vakant. Ohne sportliche Führung geht der Verband in eine Saison, in der vom 7. bis 10. Februar 2019 die Einzelstrecken-Weltmeisterschaften in Inzell stattfinden.

Erst die sportliche, dann die strukturelle Misere – der DESG steht ein enorm schwerer Weg bevor. Von einer internen Professionalisierung war mal die Rede, und mit der Installation einer hauptberuflichen Geschäftsstellenleiterin im Juni ist immerhin ein kleiner Fortschritt erreicht worden. Langfristig planen kann der Verband aber erst, wenn das neue Budget durch den Deutschen Olympischen Sportbund und das Innenministerium im Rahmen der Spitzensportreform verabschiedet ist. Erst im Januar sollen die Gelder bereitstehen, über deren Höhe nichts bekannt ist. Aufgrund der großen Defizite der Vergangenheit schnitt das Eisschnelllaufen bei der Potenzialanalyse allerdings nur mäßig ab. Üppig wird der Etat also nicht werden.

Verbands-Kommunikation nach außen stockt

Die Situation hinterlässt auf vielen Ebenen ihre Spuren. An der Spitze steht die ehrenamtliche Präsidentin Stefanie Teeuwen, die auf Nachfragen dieser Zeitung ebenso wenig reagierte wie die Geschäftsstellenleiterin. Ansprechpartner für die Medien gibt es seit dem Sommer nicht mehr. Die traditionelle Präsentation von Athleten und Verantwortlichen zum Saisonstart fiel aus. Es fühlt sich fast so an, als würde die DESG nur noch auf dem Papier existieren. „Ich kann nichts zum Verband sagen. Denn es gibt über diesen Verband nichts mehr zu sagen“, so Pechstein. Zumindest Positives gibt es anscheinend nicht zu verkünden.

Wie sich die Führungslosigkeit sportlich auswirkt, werden die nächsten Monate zeigen. Nach Olympia hat sich viel verändert. Der Verband hat ohnehin nur seine drei Topathleten, der Rest spielt international keine Rolle. Doch Pechstein verfügt über keinen festen Trainer mehr, keine eigene, feste Trainingsgruppe. „Ich musste den ganzen Sommer über improvisieren. Ohne verlässliche, professionelle Rahmenbedingungen war es unmöglich, ein eigenes Team zu installieren“, sagt die fünffache Olympiasiegerin. Auch Patrick Beckert (Erfurt) und Nico Ihle kämpfen sich ohne Coach durch.

Das hat sogar angenehme Effekte. „Es war ein großer Anreiz, alles selber in die Hand zu nehmen. Ich hatte den Traum, es selbst zu schaffen“, sagt Ihle. In der Vorbereitung blieb er fast ausschließlich daheim in Chemnitz, um möglichst wenig Kosten zu verursachen. Er wollte einfach der Situation aus dem Weg gehen, beim Verband nach einer Finanzierung von Trainingslagern fragen zu müssen. Denn Geld hatte „der Verband schon in den letzten beiden Jahren kaum mehr“. Ihle ist ohnehin am liebsten zu Hause, ihm machten die eingeschränkten Möglichkeiten daher wenig aus.

Pechstein will mit 46 Jahren die beste Deutsche bleiben

Pechstein sieht das nicht ganz so unkompliziert. Sie hatte in der Olympiavorbereitung ihr Privatteam, das in einem eigenen Haus wohnte. Jetzt muss sie jede einzelne Maßnahme selbst neu koordinieren und organisieren. „Wenn du nicht mal weißt, wann du wo trainieren kannst, wer mit dabei sein darf und wo man welche Leistungen nutzen kann, dann wird es extrem schwierig, sich ein eigenes Trainingsumfeld zu schaffen“, sagt die Berlinerin, die ihre 27. Saison erlebt und als Ansprechpartner im Verband in sportlichen Belangen nur einen Perspektivkadertrainer hatte.

In den ersten Monaten des neuen Jahres sollte sich das ändern und eine neue sportliche Führung gefunden werden. Eine dankbare Aufgabe liegt vor dieser allerdings nicht. „Es bleibt mein Anspruch, trotz meines hohen Alters weiterhin die erfolgreichste deutsche Eisschnellläuferin zu bleiben und dafür zu sorgen, dass die Namen der deutschen Frauen auf meinen Strecken nicht ganz aus den Top Ten der internationalen Ergebnislisten verschwinden“, sagt Pechstein. Der erste Teil ihrer Zielsetzung dürfte selbst in den nächsten Jahren verhältnismäßig einfach zu erreichen sein. Das sagt viel über das deutsche Eisschnelllaufen.