Immer Hertha

Lasst die Feindbilder zu Hause

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Jörn Lange
Jörn Lange

Jörn Lange

Foto: pa

Statt Hass gegen Herthas Gegner Leipzig zu säen, sollten Fußball-Traditionalisten die Grundwerte des Sports pflegen, findet Jörn Lange.

Fußballfans sind ein Phänomen, so vielseitig und facettenreich, dass sich mit Abhandlungen über ihre Spezies ganze Bücher füllen ließen. Ob Jung und Alt, gut betucht oder auf Stütze, Akademiker oder Aushilfskellner – der Sport schafft, was in der heutigen Gesellschaft sonst kaum noch gelingt: Er bringt Menschen unterschiedlichster Couleur zusammen, eine Qualität, die man in komplizierten Zeiten wie diesen durchaus zu schätzen wissen sollte. Umso bedauerlicher ist es, dass einige Fehlgeleitete das Bild in regelmäßigen Abständen trüben. So wie eine Horde Hertha-Anhänger am vergangenen Wochenende in Dortmund.

Besagte Randalierer würden wohl nicht widersprechen, wenn man sie in die Kategorie „Hardcore-Fans“ einsortieren würde. Fußball ist für sie nicht nur Spaß, sondern ein Lebensinhalt. Ihre positive Seite: Um ihren Herzensverein zu unterstützten, fahren sie Woche für Woche quer durch die Republik, richten ihren Urlaub nach dem Spielplan aus und erarbeiten in ihren Freizeit spektakuläre Kurven-Choreographien. Kunstwerke, die viele der übrigen Zuschauer mit „Ohs“ und „Ahs“ quittieren, ganz gleich, welcher Fan-Typologie sie angehören. Und Typen gibt es zuhauf, so viele, dass man kaum weiß, welche Kategorisierung sinnvoll ist. Zur Not müssen die gängigen Klischees herhalten. Ist zwar nicht sonderlich originell und empirisch kaum zu unterfüttern, aber zumindest halbwegs lebensnah.

Man könnte etwa beim „Nörgler“ anfangen. Er nutzt jedes noch so kleine Erregungspotenzial mit einer Effizienz, von der Torjäger nur träumen können. Warum der „unfähige Trainer“ wieder den falschen „Scheiß-Millionär“ aufgestellt hat? Wieso der blinde Stürmer nicht einfach mal aus 25 Metern draufhält? „Ich versteh! Es! Nicht!“ Dem „Nörgler“ artverwandt ist der „Skeptiker“, der im Nachhinein ohnehin alles besser wusste. Paradesatz: „Das konnte ja nix werden.“

Man könnte die Stadionbesucher aber auch ganz anderes kategorisieren. In Anlehnung an die „Hardcore-Fans“ böten sich etwa „Normalos“ oder „Event-Fans“ an. Letztgenannte werden häufig in VIP-Logen verortet oder kommen lediglich zu Spielen gegen Glamour-Truppen wie den FC Bayern, und dann auch nur, um „gute Unterhaltung“ zu genießen. Eine Grundhaltung, bei der sich dem „Hardcore-Fan“ die Fußnägel hochklappen.

Eine Sonderkategorie, und da hört der Spaß auf, bilden Fans von RB Leipzig, Herthas Gegner am Sonnabend im Olympiastadion. Für Fußball-Traditionalisten taugen die Sachsen und ihre Anhänger zum astreinen Feindbild, weil Finanzier Dietrich Mateschitz den Sport angeblich ausschließlich als Promotion-Instrument für seine Aufputsch-Drinks benutzt. Wie, bitte schön, kann man so etwas gut finden? Also wird Mateschitz öffentlich angefeindet und die RB-Fans im schlimmsten Fall körperlich attackiert. Hat es alles schon gegeben.

Anruf bei Doreen Schneider, Mitglied der „Brausecrew“, dem einzigen RB-Fanklub in Berlin. Also, wie kann man nur? „Zum einen, weil wir gern einen Verein aus unserer Heimatstadt unterstützten wollen“, sagt sie, „und zum anderen, weil wir auf die Leipziger Traditionsklubs keinen Bock haben.“ Zu viele rechte Parolen, zu viele homophobe Beleidigungen – „da ist es bei RB entspannter“. Und die Anfeindungen von sogenannten Traditionalisten? „Daran haben wir uns gewöhnt“, sagt Schneider, „aber auf dem Weg zum Stadion bleiben wir inzwischen inkognito. Trikots und Schals legen wir erst an, wenn wir drin sind.“

Walter Frankenstein kann über derartige Auswüchse nur traurig den Kopf schütteln. Frankenstein ist 94 Jahre alt, gilt als einer der ältesten Hertha-Fans überhaupt und hat die Spiele der Berliner in den 1930-Jahren im Stadion am Gesundbrunnen verfolgt. „Diese Feindseligkeit gab es früher nicht“, erzählt er, „damals ist man dem Gegner und dessen Fans respektvoll begegnet, im Sinne des Fair Play. Eine Rückkehr zu diesen Werten“, meint Frankenstein, „täte dem Fußball gut.“ Ein Satz, über den manch Hardcore-Traditionalist ruhig ein wenig nachdenken darf.