Radsport

Freundschaft verschafft Kluge einen Karrieresprung

Berlins Bahn-Weltmeister Roger Kluge darf dank des australischen Sprinters Caleb Ewan auch auf der Straße glänzen, sogar bei der Tour.

Roger Kluge versorgt Caleb Ewan bei Etappenankünften bis kurz vor Schluss mti Windschatten

Roger Kluge versorgt Caleb Ewan bei Etappenankünften bis kurz vor Schluss mti Windschatten

Foto: Getty Images / Velo/Getty Images

Roger Kluge genießt diese dunkleren Wochen in Herbst und Winter. Weil der Radprofi häufiger auf der Bahn unterwegs ist und das seine Kleiderauswahl stark beeinflusst. Überwiegend weiß trägt er dann, dekoriert mit Regenbogen-Streifen. Sein Team hat ihn komplett ausgestattet, jedes Kleidungsstück verrät seinen Status: Weltmeister.

Sieht gut aus so, findet Kluge: „Wir sind die Schönsten auf der Bahn.“ Sechs Tage fuhren er und sein Berliner Kollege Theo Reinhardt in den Insignien der Besten gerade in London durchs Velodrom. Dritte wurden die Weltmeister im Zweier-Mannschaftsfahren dort zum Auftakt der Sechstage-Saison, ein guter Einstieg für die Radprofis, die vor allem in Berlin vom 24. bis 29. Januar einen Platz ganz oben auf dem Podium anstreben.

Seine Dienstfahrten in den exklusiven Farben genießt Kluge, schließlich war der 32-Jährige trotz vieler Erfolge im März erstmals Weltmeister geworden. „Es freut mich, dass es noch geklappt hat“, erzählt er. Sicherer als die Teilnahme am heimischen Sechstagerennen ist derzeit allerdings sein Auftritt beim Weltcup im Berliner Velodrom (30. November bis 2. Dezember). Noch steht nämlich nicht fest, wie lange Kluge im Januar in Australien seine Verpflichtungen auf der Straße erfüllen muss. Bei der Tour Down Under fährt Kluge für Caleb Ewan den Sprint an. In anderen Farben, Bahnmeriten zählen auf der Straße ja nicht, und erstmals denen von Lotto-Soudal. Gemeinsam mit dem Australier Ewan (24) wechselt Kluge zur neuen Saison von Mitchelton-Scott zum belgischen Team. „Die zwei Jahre waren schön“, sagt der Wahl-Berliner zu seiner Zeit bei der australischen Mannschaft.

Olympiasieg 2020 auf Tokios Bahn bleibt sein großer Traum

Doch Ewans Wechsel stand schon länger fest, und ohne den Sprintstar wäre Kluge „ein wenig nutzlos in dem Team gewesen“. Fast fühlte es sich bereits in dieser Saison etwas danach an. Mitchelton vollzog trotz des starken Ewan den Wandel hin zu einer Mannschaft, die sich aufs Gesamtklassement der Grand Tours fokussiert. Deshalb fiel die Tour de France für Ewan und Kluge aus. Deshalb ging Ewan – und fragte Kluge, ob er mitkommen würde. Der Anfahrer und der Sprintkönig verstehen sich sehr gut, kürzlich erst war Kluge zur Hochzeit eingeladen. „Ich bin froh, dass ich ihn kennengelernt habe. Wir sind uns ähnlich“, erzählt der Berliner. Von den neuen Teamkollegen kamen schon erste Fragen, ob die beiden denn ähnlich dicke miteinander seien wie ihre Vorgänger. Die sehr engen Freunde André Greipel (Rostock) und Marcel Sieberg (Castrop-Rauxel) verließen Lotto-Soudal, erstmals nach elf Jahren in unterschiedliche Richtungen. Ganz so nah wie Sprintstar Greipel und Helfer Sieberg stehen sich Ewan und Kluge wegen der unterschiedlichen Nationalitäten und Wohnorte zwar nicht, er hoffe aber, dass er noch länger als die zwei vertraglich fixierten Jahre bei Lotto an der Seite des Australiers bleiben könne.

Der Wechsel bringt Kluge in eine andere Position als bei Mitchelton. „Ich soll fester Bestandteil bei den wichtigen Rennen sein“, sagt der Berliner. Wo Ewan fährt, fährt also auch Kluge. Das war zuletzt nicht zwangsläufig. Kluges Einsätze auf der Straße waren weniger geworden. Was ihm aber dann die Chance bot, nach dem WM-Titel im März auch bei der EM im August zu starten und dort mit Reinhardt Zweiter zu werden.

Die Bahn will Kluge trotz des Wechsels nicht aus dem Blick verlieren. Lotto-Soudal sponsert sogar das Sechstagerennen in Gent/Belgien, wo Kluge in zwei Wochen – allerdings mit einem anderen Partner – antritt. Auch die Ziele jenseits des Sechstage-Zirkus sind akzeptiert. „Man darf aber nicht vergessen, dass ich auf der Straße angestellt bin. Wenn sich etwas überschneidet, hat die Straße den Vorrang“, sagt der Profi. Für die größte Ambition auf der Bahn kann das Probleme mit sich bringen. Die enorm strapaziöse Tour de France endet nur zehn Tage vor den Olympischen Spielen in Tokio 2020, wo Kluge gemeinsam mit Reinhardt das Gold im Madison avisiert und auch im Omnium antreten will.

Der Berliner geht aber davon aus, dass die Erholungsphase lang genug sein wird: „Ich bin sehr optimistisch.“ Für die nächste WM auf der Bahn Ende Februar sieht es deutlich schlechter aus, da läuft fast zeitlich die Emirate Tour. Die ohnehin wenigen Tage in den schönen weißen Kleidern mit den Regenbogen-Streifen sind also gezählt.

Anmerkung der Redaktion: Die Reise unseres Reporters nach London erfolgte auf Einladung des Berliner Sechstagerennens.