Marathon

Horst Milde: „Das hätte ich mir so nie vorstellen können“

Horst Milde machte den Berlin-Marathon groß. Zum 80. Geburtstag spricht er über die Anfänge des Volkslaufs und seine schönsten Momente.

 Horst Milde mit dem Bild von Naoko Takahashi beim Marathon 2001, bei dem 55 Millionen Japaner im TV zusahen.

Horst Milde mit dem Bild von Naoko Takahashi beim Marathon 2001, bei dem 55 Millionen Japaner im TV zusahen.

Foto: Anikka Bauer

Berlin.  Am letzten Tag der Leichtathletik-Europameisterschaften in diesem Sommer in Berlin überreichte Horst Milde auf dem Breitscheidplatz die Medaillen für die Erstplatzierten des Männer-Wettkampfes im Marathonlauf. Eine Ehre und zugleich Anerkennung für sein Lebenswerk. Am heutigen Mittwoch feiert der „Vater“ des Berlin-Marathons seinen 80. Geburtstag. Mit Morgenpost-Mitarbeiter Andreas Gandzior sprach er über Weltrekorde, Laufen als Breitensport und warum er selbst den Berlin-Marathon nie gelaufen ist.

Herr Milde, Sie haben mehr als ein halbes Jahrhundert Laufen als Breitensport geprägt und gelten als „Vater des Berlin-Marathons“. Wie erinnern Sie sich an die Anfänge?

Horst Milde: Ich wollte 1964 mit der Freien Universität einen Crosslauf am Teufelsberg quer durchs Gelände, durch Matsch und Pfützen veranstalten. Ursprünglich sollten nur Studenten daran teilnehmen. Während der Planung kam die Idee auf, dass auch andere Sportler teilnehmen können. Wir haben dann Rad- und Rudervereine sowie andere Sportgruppen angeschrieben. Dann haben wir uns gefragt, warum wir nicht alle Berliner zu diesem Lauf einladen. Und das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Normal kamen 50 bis 60 Läufer, für diesen Lauf hatten sich plötzlich 700 Teilnehmer angemeldet. Das war eigentlich die Geburtsstunde des Volkslaufes. Dass es sich in den vergangenen Jahrzehnten so beeindruckend entwickelt, hätte ich mir nie vorstellen können. 1974 haben wir mit wenigen Helfern den ersten Berliner Volksmarathon mit 286 Teilnehmern organisiert.

Wagen Sie eine Prognose für den Breitensport Laufen?

Ich glaube fest daran, dass er sich weiter entwickeln wird und noch mehr Menschen laufen gehen. Das Bewusstsein, sich gesund zu ernähren und zu bewegen, nimmt weiter zu. Die Leute werden immer aufgeklärter, sei es durch die Medien oder durch Empfehlungen von Ärzten. Die Menschen, die etwas für ihre Gesundheit machen wollen, müssen es auch wirklich im Kopf wollen. Da muss man sich schon mal früh aus dem warmen Bett quälen und die Laufschuhe anziehen. Da gehört auch Disziplin dazu. Sie sollen ja keine Weltrekorde erzielen, sie sollen sich gesund laufen.

Gehört das Laufen mittlerweile zum modernen Lifestyle?

Ja, auf jeden Fall. Gerade in der Managerszene gehört es zum guten Ton, sagen zu können, ich bin einen Marathon gelaufen. Das ist wie ein Aushängeschild der Moderne. Ich quäle mich, kämpfe mich durch, habe Durchsetzungsvermögen und habe das Ziel erreicht. Beruflich wie auch im privaten Leben. Das kann auch nicht jeder. Es gibt aber auch viele Profilneurotiker, die es aus falschem Ehrgeiz übertreiben. Wichtig ist doch nur, sich zu bewegen und mit Sauerstoff in der Birne zurückzukommen.

Beim 45. Berlin-Marathon vor etwas mehr als einem Monat gab es erneut eine Rekordbeteiligung. Wie sehen Sie die Entwicklung mit immer mehr Teilnehmern und immer schnelleren Zeiten?

Die Begeisterung in Berlin ist riesengroß und es liegt auch an der Attraktivität der Stadt. Und natürlich an der Stimmung entlang der Strecke. Die Zuschauer in Berlin sind das Salz in der Suppe. Als Vorsitzender des German Road Races e.V., einer Vereinigung der Laufsportveranstalter, kann ich sagen, dass viele kleinere Laufveranstaltungen mit ihrem Marathon ums Überleben kämpfen. Der Marathonsport ist aktuell stagnierend, wenn nicht sogar rückläufig. Die großen Läufe aber werden immer größer, weil sie ein Aushängeschild für ihre Stadt sind.

Es gibt immer mehr Breitensportler, die sich für den Berlin-Marathon anmelden. Sie werden im Schnitt aber auch langsamer. Woran liegt das?

Es gibt immer mehr Freizeitläufer, die mit deutlich weniger Training an den Start gehen. Sie wollen einmal den Marathon in Berlin laufen, trainieren aber nicht das ganze Jahr so hart, dass sie unter drei Stunden bleiben. Unter drei Stunden zu laufen ist schon sehr ambitioniert, dazu bedarf es eines langen Vorbereitungstrainings.

Die Strecke in Berlin ist die schnellste weltweit, immer für einen Rekord gut. War das von Anfang an so geplant?

Nein. Am Anfang, 1974 im Grunewald, waren wir froh, dass wir eine schöne Strecke hatten und ein paar Zuschauer kamen. Da haben wir nicht an Rekorde gedacht. Wir haben das Glück, dass Berlin nicht bergig ist. Es spielen auch viele andere Faktoren eine Rolle. Das Wetter, das Team um die Spitzenläufer und natürlich solche Ausnahmeathleten, wie beispielsweise Eliud Kipchoge, der beim 45. Berlin-Marathon mit 2:01:39 Stunden wieder einen neuen Weltrekord aufgestellt hat. Da muss dann alles passen. Mit seinen inzwischen elf Weltrekorden ist der Berlin-Marathon Marktführer der internationalen Marathon-Veranstaltungen.

Welche Ereignisse haben den Aufstieg des Berlin-Marathon möglich gemacht?

Das war 1981 der Umzug aus dem Grunewald in die Innenstadt mit Start am Reichstag und Ziel auf dem Kudamm und letztlich 2004 der Umzug an das Brandenburger Tor. Dann der Mauerfall, als die Teilnehmer durch beide Teile der Stadt laufen konnten. Und natürlich 2001, als die Japanerin Naoko Takahashi als erste Frau unter 2:20 Stunden lief. Das haben 55 Millionen Japaner live im Fernsehen gesehen.

Und Ihr schönster Marathon?

Der bewegendste Lauf war 1990, als drei Tage vor der Wiedervereinigung 25.000 Marathonläufer durch West- und Ostberlin liefen.

Sind Sie jemals den Berlin-Marathon gelaufen?

Nein. Die Vorbereitungen und die Arbeit am Veranstaltungstag selber waren zu arbeitsintensiv. Am Montag nach dem Marathon-Wochenende waren wir alle stehend k.o. Ich bin nur im Ausland gelaufen. New York, Boston, Honolulu, Wien, London und Kopenhagen. Da habe ich auch viele Ideen für Berlin gesammelt und kopiert.

Nennen Sie eine.

In Kopenhagen gab es einen Schülerlauf. Den haben wir in Berlin dann auch organisiert. Der Mini-Marathon der Schulen ist eine Erfolgsgeschichte geworden. Im vergangenen September sind mehr als 10.000 Schülerinnen und Schüler gestartet.

Wie häufig ziehen Sie noch ihre Laufschuhe an?

Drei- bis viermal in der Woche drehe ich früh im Park eine Stunde meine Runden. Im Sommer stehe ich um sechs Uhr auf, in der dunklen Jahreszeit klingelt der Wecker um sieben Uhr.

Zur Person:

Mister Marathon Horst Milde war zweimal deutscher Staffelmeister mit dem SCC über dreimal 1000 Meter. Seine Bestzeit über 800 Meter war 1:49,8 Minuten. Der Tempelhofer ist gelernter Konditormeister und Diplom-Kaufmann. Als Renndirektor führte er einst die Chip-Zeitmessung und die Blaue Linie ein. Rollstuhlfahrer nahmen 1981, Inlineskater 1997 erstmalig teil. Milde machte Sohn Mark (45) 1999 zum Athletenverpflichter und 2004 zum Renndirektor.