Verunglückter Sportstar

Kristina Vogel und die Kunst der kleinen Siege

| Lesedauer: 8 Minuten
Gerald Müller
Die zweimalige Olympiasiegerin Kristina Vogel trainiert während ihrer Reha im Unfallkrankenhaus in Marzahn auch Bogenschießen. Es macht ihr Freude.

Die zweimalige Olympiasiegerin Kristina Vogel trainiert während ihrer Reha im Unfallkrankenhaus in Marzahn auch Bogenschießen. Es macht ihr Freude.

Foto: Sascha Fromm

Rad-Olympiasiegerin Kristina Vogel kämpft sich nach ihrem schweren Unfall zurück. Ein Besuch im Krankenhaus.

Berlin.  Der Pfeil fliegt mitten ins Grüne. Der Vorhang wackelt. Kristina Vogel hat die Scheibe verfehlt. Dem Fluch mit den Buchstaben „sch...“ folgen die Worte: „dann beim nächsten Mal.“ Diana Meier, die Physiotherapeutin, die das Bogenschießen im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) betreut, gibt noch mal Hinweise: „Hand ans Kinn, Spannung halten, Schulterblätter nach hinten, schießen.“ Kristina Vogel zielt wieder, trifft nun die Holzwand. Normalerweise, so die Einigung in der Gruppe, müsste sie beim nächsten Training für Nachschub bei den Gummibärchen sorgen. Aber die Dose ist noch prall gefüllt, zudem genießt Vogel den Schutz als Anfängerin. Die zweimalige Olympiasiegerin und elffache Bahnrad-Weltmeisterin zählt schließlich erst seit rund vier Wochen zur Truppe, die mit Pfeil und Bogen ihren Spaß hat.

Im Krankenhaus in Marzahn ist Kristina Vogel seit dem 26. Juni 2018. Mit einer Querschnittslähmung ab dem siebenten Brustwirbel. Sie hat keinerlei Erinnerung daran, wie es zum Zusammenstoß mit einem holländischen Junior kam. Irgendwann in den nächsten Wochen soll es vor Ort eine detaillierte Untersuchung und Rekonstruktion geben, allein aus versicherungstechnischen Gründen. Kontakt zum Nachwuchsfahrer, mit dem sie zusammenstieß, existiert nicht, inzwischen hatte der holländische Verband einen Blumenstrauß ins Krankenhaus geschickt.

Das Zimmer, das Kristina Vogel dort bewohnt, wirkt wie ein wunderbarer Kramladen. Überall liegen Geschenke, auf den Fensterbrettern türmen sich Bücher und Stofftiere, an den Wänden hängen Plakate und Fotos.

Es klopft an der Tür, wenig später steht das Mittagessen vor Kristina Vogel. Sie lugt unter den Deckel des Tellers, wiegt den Kopf. Ja, sie hat Hunger nach rund zweieinhalb Stunden Vormittagsprogramm.

Vor acht Wochen hatte sich die Erfurterin erstmals öffentlich geäußert, davon berichtet, wie sie versucht, ins Leben zurückzukehren. Sie wirkt auch jetzt, Ende Oktober, unverändert kämpferisch und humorvoll. Sätze wie „es ist, wie es ist, ich werde nicht mehr laufen können. Mein Rückenmark ist durchtrennt“, haben immer noch Gültigkeit. Sie strahlt ungebremst Lebensfreude aus, „obwohl ich lernen muss, Emotionen zuzulassen, auch mal zu weinen“, sagt sie. Doch Fragen nach dem „Warum?“, „Weshalb ich?“ stellt sie sich weiterhin nicht. „Besser ist, die Situation anzunehmen, nach vorn zu schauen“, sagt Vogel.

Leistungssport im Parabereich ist derzeit noch illusorisch

Beim Fahren durch den Gang im Klinikum blickt die 27-Jährige kurz zurück. Weil ihr zwei Patienten zurufen, eine Schwester winkt. „Bis nachher“, sagt Kristina Vogel und biegt mit baumelnden Zopf in den Fahrstuhl. „Die Schwestern kommen meistens nur noch zum Quatschen“, erzählt sie mit diesem unbekümmerten Lachen, das auch auf der Station längst ansteckend ist.

Vor einigen Wochen noch war die weltbeste Bahnradsprinterin auf ausgiebige Hilfe angewiesen, da konnte sie sich im Bett nicht drehen, musste mehrmals gewendet werden. Das schafft die 27-Jährige mittlerweile problemlos, auch vom Bett in den Rollstuhl und zurück – „das klappt jetzt.“ Und sogar die so schwierige Bewegung vom Boden in den Stuhl gelingt nun allein, „aber das war ein Akt.“ Es sind die kleinen, doch so ungemein wichtigen Siege auf dem Weg zur Selbstständigkeit.

Im Sporttherapieraum ist die helfende Hand von Therapeut Bodo Heinemann allerdings noch notwendig, als sie den Zwischenraum vom Rollstuhl zum Sitz des Handergometers überwindet. Zudem ist das Kissen „mal zu hoch oder zu flach, zu weich oder zu hart.“ Je nach Tag, Gefühl und Form. Kristina Vogel kreist eine Viertelstunde mit dem „Fahrrad für die Arme“. Heinemann korrigiert und erhält zwischendurch ein Kompliment der Thüringerin, weil er bei Weitem nicht wie 79 aussieht. „Toll gehalten Bodo. Wenn ich mit 60 so fit bin, habe ich alles richtig gemacht.“ Der geschmeichelte Berliner begleitet Kristina Vogel an anderen Patienten vorbei zu Stabilisationsübungen mit dem Stab. Die Rumpf- und Schultermuskulatur müssen gestärkt werden, weil die Bauchmuskulatur nicht mehr funktioniert.

„Halten, halten“, fordert Heinemann, der in der Klinik unter anderem auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble betreut. „Und Konzentration bitte“, schiebt er nach. „Ich kann ja Grimassen machen“, erwidert seine Patientin mit verzerrten Gesichtszügen. Winzige Bewegungen, die vor dem Unfall überhaupt nicht registriert wurden, schmerzen. Das Brennen schwindet, endlich Pause, tiefes Durchatmen, kurzes Entspannen. Anschließend kämpft Kristina Vogel an den Stufen der Sprossenwand und hantiert am Zugseil. Schwerste Anstrengungen sind das, vor allem, wenn die Lähmung erst knapp vier Monate zurückliegt.

„Doch die Fortschritte und der Ehrgeiz sind phänomenal“, wertet Diana Meier, die Physiotherapeutin beim Bogenschießen und Kegeln. Kristina Vogel mag diese Stunde im umfänglichen Reha-Zyklus, „weil es konkrete Ergebnisse gibt.“ Sie überlegt sogar, bei einem internen Krankenhaus-Wettkampf am
6. Dezember mitzumachen.

Andere Träume, leistungssportliche Ambitionen im Behindertensport, die gern von außen herangetragen werden, seien derzeit dagegen illusorisch. Und das, obwohl sie beim Flüstern des Wortes Geduld am liebsten schreien würde. Doch auf das Stichwort Paralympics reagiert Kristina gar nicht, sagt stattdessen: „Ich brauche noch mindestens drei, vier Jahre, um den Alltag einigermaßen zu bewältigen, diesen verträglich zu machen.“ Dazu zählt auch, das Haus in Erfurt umzubauen, „das wird noch lange dauern.“

Dreimal war sie seit dem Unfall in Thüringen, unter anderem zum Geburtstag von Radprofi Marcel Kittel. Weihnachten möchte Kristina Vogel im Kreis der Familie zu Hause verbringen. Aber sie schätzt, einschließlich der Reha, noch viele weitere Monate in Berlin zu bleiben, „bis weit ins nächste Jahr hinein“. Sie möchte sich keinem zeitlichen Druck aussetzen, die Planung der Stunden, der Tage, der Wochen sei ohnehin kompliziert. „Ich will mich nicht hetzen, muss ja vieles neu lernen.“

Sie kann dabei auf tatkräftige Unterstützung bauen. Auf Freund Michael Seidenbecher, der in die Nähe von Berlin versetzt wurde, auf die Bundespolizei als ihren Arbeitgeber, auf Manager Jörg Werner, auf Frauen und Männer aus allen Sportarten Deutschlands, die sie unlängst zum „Champion des Jahres“ gekrönt haben. „Ich erhalte so reichlich Zuspruch“, sagte sie. Das helfe in trüben Stunden, denn natürlich ist sie nicht die, die immer lacht. Auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat Anteil am Schicksal genommen.

Mit der Fußball-Nationalelf traf sie sich in Berlin

Vor dem Länderspiel in den Niederlanden wurde Kristina Vogel ins Team-Quartier der Nationalelf in Berlin geholt. Eine Idee vom radsportbegeisterten Kapitän Manuel Neuer. Es sei cool gewesen, „die Jungs mal zu treffen. Da kommt der Kroos um die Ecke und sagte, hey ich bin der Toni.“

Als Kristina Vogel vom dunklen Krankenhaus-Gang in den lichtdurchfluteten Turnraum kommt, sind dort Hütchen aufgestellt und Matten ausgelegt. Rollstuhltraining steht an. „Ich bin zwar in letzter Zeit mal hingefallen, aber das passiert immer seltener.“ Wie zum Beweis umkurvt sie geschickt die Kegel, vorwärts und rückwärts. Auch die Gummimatten, die den Bordstein imitieren, sind kein Hindernis. „Hat Spaß gemacht“, sagt sie nach der halbstündigen Trainingseinheit.

Kristina Vogel rollt zum Mittagessen. Sie ist zufrieden, hat Appetit. Beim Bogenschießen hatte sie eine Stunde zuvor zwar ins Grüne getroffen. Doch der letzte Schuss landete im gelben Kreis der Scheibe. Volltreffer.