Hertha BSC

Hertha entwickelt sich – aber Schritt für Schritt

Hertha hat das spielerische Niveau gesteigert, ist aber noch kein Spitzenteam. DFB-Videochef Drees schimpft über Elfmeter-Beurteilung

Herthas Valentino Lazaro (l.) im Zweikampf mit Freiburgs Roland Sallai.

Herthas Valentino Lazaro (l.) im Zweikampf mit Freiburgs Roland Sallai.

Foto: Bernd König / imago/Bernd König

Berlin.  Seinen freien Tag verbrachte Pal Dardai am Montag mit – Fußball. Nicht weniger als 28 Trainer aus seinem Heimatland Ungarn führte der Trainer von Hertha BSC über das Vereinsgelände, es gab Vorträge, Besichtigungen, und natürlich wurde auch gefachsimpelt. Etwa über das 1:1 seiner Mannschaft gegen den SC Freiburg. „Das tut schon ein bisschen weh. Aber wir müssen auch ehrlich sein. Wenn wir das sind, hat uns einfach der letzte Pass gefehlt, um mit drei Punkten nach Hause zu gehen“, sagt Dardai. Ähnlich hatte Valentino Lazaro den zweifachen Punktverlust nach überlegen geführtem Spiel bewertet. „Wir sind sehr oft durchgekommen, haben viele Bälle reingeschlagen, aber als Stürmer haben wir den letzten Biss vermissen lassen, den Ball auch reinmachen zu wollen“, sagt der Österreicher.

Es ist noch nicht lange her, da hätte auf Berliner Seite die Freude überwogen, ein sehr ansehnliches Spiel geboten zu haben. So richtige Fußballunterhaltung, mit viel Tempo und Torraumszenen. Nur pegelt sich das gerade als Standard ein, ein gewisses fußballerisches Niveau bringt Hertha, aktuell Bundesliga-Sechster, in dieser Saison immer auf den Rasen. „Wir haben riesige Fortschritte gemacht, was das Fußball- und Positionsspiel angeht. Da bin ich sehr zufrieden. Nicht zufrieden bin ich damit, dass wir die Bälle nicht früher von den Seiten flanken und in die Mitte bringen“, sagt Dardai. Der letzte Biss, so ein Spiel wie gegen Freiburg gewinnen zu wollen, der müsse von den Spielern kommen.

Drees kritisiert Rücknahme des Elfmeters

Am Remis gegen Freiburg ändert es nichts: Aber Jochen Drees, Projektleiter für den Bereich Video-Assistent beim Deutschen Fußball-Bund, kritisiert den Einsatz des Video-Assistenten beim zunächst für Hertha gepfiffenen Elfmeter von Schiedsrichter Benjamin Cortus scharf: „Das ist ein gutes Beispiel für eine Situation, in der eine Bewertung durch den Schiedsrichter stattgefunden hat und keine klare Fehlentscheidung vorlag. Ein Beispiel für eine Situation, in der sich der Video-Assistent nicht einzumischen hat. Ein Eingriff, den wir als sehr kritisch ansehen, da es sich um eine Interpretationsfrage handelt, die der Schiedsrichter auf dem Feld bewertet hat.“

In den vergangenen zwei Spielen gegen Mainz und Freiburg hat der Berliner Bundesligist zwei Punkte eingefahren. Zu wenig, um sich ganz vorn festzusetzen. Solche Begegnungen erfolgreich zu bestreiten wäre der nächste Entwicklungsschritt, den die Mannschaft im Moment noch nicht vollzieht. Mit etwas mehr Kaltschnäuzigkeit könnten die Berliner in der Tabelle besser dastehen als momentan auf Platz sechs, nur will den Anspruch, schon ein Spitzenteam zu sein, bei Hertha niemand formulieren. Warum auch? Druck, erfolgreich zu sein, machen sich die Spieler selbst. Fast alle nannten das Remis eine gefühlte ­Niederlage, zufrieden war niemand.

Darida statt Pekarik

Dardai hat die Reaktionen seiner Spieler notiert, in den kommenden Wochen wird sich der Konkurrenzkampf im Kader weiter verschärfen. Derrick Luckassen gab in der Innenverteidigung ein solides Debüt. Der Niederländer wurde an der Seite von Fabian Lustenberger nur selten gefordert, aber wenn es drauf ankam, zeigte er, dass auf ihn Verlass ist. „Er hat das gut gemacht“, lobt Dardai.

In den kommenden Tagen erwartet der Trainer die zuletzt angeschlagenen Innenverteidiger Jordan Torunarigha, Karim Rekik und Niklas Stark zurück. Peter Pekarik stand nach überstandener Verletzungspause gegen Freiburg nicht im Kader, obwohl er zuletzt bei der U23 und der slowakischen Nationalmannschaft Spielpraxis gesammelt hatte. „Es war eine Entscheidung zwischen Pekarik und Darida“, sagt Dardai, der sich für Letzteren entschied, den dann aber auch nicht brachte.

Jetzt geht es gegen Dortmund und Leipzig

Für Pekarik könnte es in Zukunft schwer werden, ins Team zu finden. Valentino Lazaro hat seine neue Rolle als Rechtsverteidiger angenommen und gehört ligaweit zu den positivsten Erscheinungen der Saison. Vor allem der Österreicher war es, den Christian Streich als Herthas Unterschiedspieler herausstellte. „Wenn der mit seinem Tempo auf die Abwehr läuft, ist es ganz schwer, ihn zu verteidigen“, sagte Freiburgs Trainer. Pekarik ist in seinem Offensivspiel längst nicht so vehement. Dardai sieht den Slowaken entweder in der Startelf oder gar nicht im Kader.

Unter den Einwechselspielern gibt es im Berliner Team mehrere Spieler, die auch mal als Außenverteidiger aushelfen können. Im Vergleich zu den Vorjahren verfügt Herthas Kader über deutlich mehr Tiefe. Diese Qualität wird in den nächsten Wochen auch von Nöten sein. Die nächsten Gegner heißen Borussia ­Dortmund und RB Leipzig, absolutes Bundesliga-Establishment.

Die Berliner ziehen mehr Fans ins Olympiastadion

Dass sich sportlich gerade etwas tut, wird auf mehreren Ebenen wahrgenommen. 53.700 Zuschauer kamen am Sonntag ins Olympiastadion. Vor sieben Monaten waren es gegen den gleichen Gegner bei ähnlichen Bedingungen 15.000 weniger gewesen. Das überschwänglichste Lob kam vom gegnerischen Trainer. „Hertha hatte schon lange nicht mehr so viel Qualität auf dem Platz. Ich könnte fünf, sechs Mann aufzählen, die alles außergewöhnliche Fußballer sind. Im Moment ist es ganz schwierig, gegen Hertha zu spielen, weil sie so viel Tempo und fußballerische Klasse mitbringen“, sagte Streich.

In der jüngeren Vergangenheit galt unter den Konkurrenten noch die Faustregel, wer gegen Hertha Salomon Kalou oder Vedad Ibisevic in Schach hält, wird schon gewinnen. ­Darauf vertraut nun niemand mehr.