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BVB-Star Axel Witsel: "Jetzt sind meine besten Jahre"

Axel Witsel ist der neue Kopf von Borussia Dortmund. Den Bundesliga-Titelkampf will er offen gestalten, wie er im Interview verriet.

Cooler Typ - sagt Axel Witsel über Axel Witsel. Im Jugend-Stadion des BVB nahm er auf Sitz 28 Platz - die Nummer, die er auf dem Trikot trägt.

Cooler Typ - sagt Axel Witsel über Axel Witsel. Im Jugend-Stadion des BVB nahm er auf Sitz 28 Platz - die Nummer, die er auf dem Trikot trägt.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Dortmund. Die Bundesliga geht am Samstag auch für den Spitzenreiter weiter: Borussia Dortmund will beim Tabellenletzten VfB Stuttgart seine Position verteidigen (15.30 Uhr/Sky). Jetzt und so lange wie möglich, wie Axel Witsel (29) sagt. Der neue Chef im BVB-Mittelfeld spricht im Interview über ein Angebot von Real Madrid, seine Coolness – und den Beverly Hills Cop.

Herr Witsel, die wichtigste Frage vorab: Wie heißen Sie eigentlich korrekt?

Axel Witsel: Ich verstehe nicht ganz (lacht).

Im deutschen Wikipedia-Eintrag tauchen Sie als Axel Thomas Witsel auf. In der englischen Variante heißen Sie Axel Laurent Angel Lambert Witsel. Was stimmt?

Witsel: Letzteres stimmt. Meine Eltern haben mich nach Axel Foley benannt, dem Polizisten aus dem Film Beverly Hills Cop, den Eddie Murphy in den 80ern spielte. Meine Eltern mochten den Film und den Typen offenbar (lacht). Die anderen Namen sind von meinem Patenonkel, meiner Patentante und meinem Großvater.

Dann kennen wir jetzt endlich den richtigen Namen von dem Spieler, der in Dortmund für so viel Furore sorgt. Wie kann es sein, dass so jemand wie Sie zuvor in China spielte?

Witsel: Im Sommer hatte 2016 hatte ich die Möglichkeit, zu Juventus Turin zu gehen. Die Transferfrist lief nur noch an diesem Tag, alles war eigentlich schon geregelt, und ich flog nach Turin, als mich mein damaliger Verein Zenit St. Petersburg anrief und alles stoppte. Der Wechsel zerschlug sich – und ein halbes Jahr später entschied ich mich für Tianjin.

Waren Sie enttäuscht?

Witsel: Nein. Ich habe mir gesagt: Das ist Schicksal. Vielleicht sollte es nicht sein, vielleicht ist es noch nicht die richtige Zeit, zu einem europäischen Spitzenklub zu wechseln. Und um ehrlich zu sein: Das Angebot, das ich aus China bekam, hätte ich aus finanzieller Sicht aus Europa nicht bekommen. Es war schwer abzulehnen.

Sie spielten für Standard Lüttich, Benfica Lissabon, Zenit St. Petersburg und Tianjin, nie für einen Top-Klub aus einer Top-Liga. Haben Sie das Gefühl, bislang etwas verpasst zu haben?

Witsel: Ich bereue nichts. Bis jetzt bin ich sehr zufrieden mit allem, was in meiner Karriere geschehen ist. Und selbst wenn ich die Möglichkeit hätte zurückzureisen, würde ich jeder Entscheidung wieder so treffen, wie ich sie getroffen habe.

Stimmt es, dass es auch konkrete Kontakte zu Real Madrid gab?

Witsel: Ja, das war 2012. Es gab Gespräche, aber sie haben sich damals für einen anderen Spieler entschieden, wenn ich mich recht erinnere, war es Luka Modric. Er war erfahrener, ich hatte gerade mal mein erstes Jahr bei Benfica Lissabon gespielt – und wechselte dann zu Zenit.

War es schwierig, zu vergessen, dass es fast mit Real geklappt hätte?

Witsel: Ja, ein bisschen. Aber als ich dann bei Zenit war, habe ich mich auf den sportlichen Erfolg dort konzentriert. Wie gesagt: Schicksal. Was passieren soll, das passiert auch. Ich habe eben einen etwas anderen Weg gewählt als so manch anderer Spieler.

Wann haben Sie das Angebot vom BVB bekommen?

Witsel: Nach der WM.

Waren Sie überrascht?

Witsel: Nein, weil ich immer im Kopf hatte, eine gute Weltmeisterschaft zu spielen, um zu sehen, welche Türen sich dadurch öffnen.

Was wussten Sie über den BVB?

Witsel: Mit Zenit haben wir gegen den BVB gespielt in der Champions League. Als dann der Kontakt nach Dortmund zustande kam, erinnerte ich mich an die Fans und das Stadion und die verrückte Stimmung. Für mich zählt der BVB zu den besten Klubs Europas. Auch deshalb hatte ich meine Entscheidung schnell getroffen.

Dortmund hatte zwei sehr angestrengte Jahre nicht nur in der Bundesliga. Was überwog: Das Gefühl, dieser Mannschaft helfen zu können, oder die Sorge, dass das alles keine gute Grundlage für Erfolg sein könnte?

Witsel: Das vergangene Jahr war nicht gut, das wissen alle. Aber wir haben jetzt ein sehr junges, sehr talentiertes Team. Und ich kann helfen, weil ich nicht mehr jung bin, aber auch noch nicht alt. Ich bin erfahren im besten Sinne.

Michy Batshuayi, Ihr Kollege aus der belgischen Nationalmannschaft, spielte im ersten Halbjahr 2018 in Dortmund. Haben Sie mit ihm vor Ihrem Wechsel gesprochen?

Witsel: Ja, er sagte: Du wirst diesen Klub mögen – allein schon wegen der Fans und des Stadions. Heimspiele, sagte er, wären fantastisch. Was soll ich sagen? Er hat recht. (lacht)

Ist die Bundesliga so, wie Sie sie sich vorgestellt haben?

Witsel: Es ist hart (lacht). Du musst an jedem Wochenende körperlich zu 100 Prozent da sein. Alle Teams sind taktisch gut und jederzeit bereit, dich zu schlagen. Ich habe nie in der Premier League in England gespielt, aber ich habe viele Spiele dort gesehen. Und mein Eindruck ist, dass einem in der Bundesliga noch weniger Raum gelassen wird. Selbst wenn man in der Bundesliga gegen vermeintliche Abstiegskandidaten spielt, ist vorher klar: das wird schwer.

Sie sprechen die Premier League an: Dorthin zieht es viele Stars der Bundesliga wie Ilkay Gündogan oder Leroy Sané. Warum haben Sie sich für den BVB entschieden?

Witsel: Viele Fußball-Profis haben den Traum, einmal in England zu spielen. Aber ich glaube, der Unterschied zwischen den beiden Ligen ist weniger sportlicher Natur, als eine Frage der Strahlkraft und internationalen Sichtbarkeit. Ich denke nicht, dass die Premier League besser ist als die Bundesliga.

Sie spielen in der Nationalmannschaft mit außergewöhnlichen Spielern wie Kevin De Bruyne oder Eden Hazard zusammen. Welcher ist der beste Spieler, mit dem Sie je gespielt haben?

Witsel: Ich denke Eden Hazard. Er ist…ich weiß auch nicht…ein Magier. Im Training ist er immer locker und lustig, was nicht heißen soll, dass er nicht hart an sich arbeitet. Aber wenn das Spiel beginnt, dann ist er unglaublich. Wann immer er am Ball ist, kann er den Unterschied machen.

Kann man Ihre jungen BVB-Mitspieler wie Jadon Sancho, Christian Pulisc oder Jacob Bruun Larsen schon mit ihm vergleichen?

Witsel: Dafür ist es jetzt noch viel zu früh. Wenn sie weiter hart an sich arbeiten, dann können sie aber ähnlich gute Spieler werden und einen ähnlichen Weg gehen wie Eden.

Was ist mit dieser jungen Mannschaft möglich in diesem Jahr? Kann es zum Titel reichen oder wird Bayern München zurückkommen?

Witsel: Bayern ist Bayern, mit ihnen ist immer zu rechnen. Es war aber nie unser erklärtes Ziel, die Meisterschaft zu gewinnen. Wir wollen unter die ersten Vier kommen, um uns für die Champions League zu qualifizieren. Aber jetzt sind wir oben – und wir tun alles, um so lange wie möglich oben zu bleiben.

Sind Sie überrascht, wie gut Ihre Mannschaft schon spielt?

Witsel: Wir haben vor der Saison einen neuen Trainer bekommen und viele neue Spieler. Es stimmt, erfahrungsgemäß dauert es in solchen Konstellationen länger, solche Leistungen und Ergebnisse abzuliefern. Aber bislang geht es rasend schnell. Das Beste ist aber, wenn wir weiterhin von Spiel zu Spiel denken.

Wird die Entwicklung dieser jungen Mannschaft weiterhin so rasant vonstatten gehen?

Witsel: Wir müssen vorsichtig sein. Wir sind schnell in die Höhe geschossen. Da wäre es nur normal, wenn es irgendwann auch mal wieder bergab geht – und meistens geht das noch schneller als vorher hoch.

Welche Verbindung haben Sie zu Trainer Lucien Favre? Sie können Französisch mit ihm reden.

Witsel: Das stimmt. Aber er hält jede Sitzung auf Deutsch ab. Das ist auch gut so und wichtig, denn als ausländischer Spieler müssen wir schnell die deutsche Sprache lernen. Für mich ist wichtig, dass der Trainer mich mag. Dieses Gefühl hatte ich vom ersten Tag an – nicht nur beim Trainer, sondern auch beim Geschäftsführer, beim Sportdirektor und allen anderen im Klub. Das ist zwar alles noch keine Garantie, um dann auch zu spielen, aber eine gute Voraussetzung, um sich wohl zu fühlen. Auch deshalb habe ich mich schnell für den BVB entschieden.

Seit ein paar Wochen haben Sie einen neuen Mitspieler: den Spanier Paco Alcacer. Er hat in rund 170 Minuten Spielzeit für den BVB sieben Tore erzielt. Wie finden Sie den so?

Witsel: Wir finden vor allem kaum noch Worte für ihn. Ich rufe ihn nur noch „El Matador“, weil er die ganze Zeit und immerzu ins Tor trifft. Jetzt sogar drei Mal in der Nationalmannschaft. Ich habe mit den anderen belgischen Nationalspielern vor dem Fernseher gesessen und das Spiel der Spanier gegen England gesehen. Und alle haben mich gefragt: ,Was ist mit dem denn passiert? Der ist verrückt. Der trifft ja in jedem Spiel.‘ Ich sagte: ,Beruhigt euch! Ich weiß, dass er gut ist. Er ist in meiner Mannschaft.‘ (lacht)

Haben Sie so etwas schon erlebt?

Witsel: Nein. Auf dem Top-Level noch nie.

Im Verein sagt man, selbst beim Frühstückstisch wären Sie schon der Boss in der Mannschaft. Ist das so?

Witsel: Was soll ich sagen? Mir kommt es nicht so vor, als wäre ich der Boss. Aber ich bin ein Typ, der auch in Druck- oder Stresssituationen ruhig bleibt. Ich schreie auch niemanden an, schon gar nicht die jungen Spieler. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann sage ich es demjenigen direkt ins Gesicht – ruhig und jederzeit ehrlich, auch wenn es unangenehm sein könnte. Vielleicht ist es das, was meine Mitspieler an mir mögen.

Überrascht es Sie, wie schnell Sie hier akzeptiert wurden?

Witsel: Ich konnte mir nicht vorstellen, so schnell schon so akzeptiert zu sein. Als ich hierher kam, war mein Ziel, einen Platz in der ersten Elf einzunehmen. Aber dann ging alles sehr schnell. Ich habe am Anfang zwei Tore erzielt, auch das hat mir die Sache natürlich leichter gemacht.

Ihr Nationaltrainer Roberto Martinez hat kürzlich gesagt, Sie seien der weltweit beste Einkauf in diesem Sommer gewesen. Was sagen Sie dazu?

Witsel: Ich habe davon gehört, ja (lacht). Es ist natürlich großartig, wenn dein Trainer so etwas über dich sagt. Das bedeutet mir viel. Ich weiß aber nicht, ob er in diesem Fall Recht hat. Aber es war sicher ein guter Deal für den Klub und für mich.

Sie haben Ihre Coolness schon angesprochen: Sie wirken auch auf dem Platz immer völlig gelassen. Ist das angeboren oder über Jahre erlernt?

Witsel: Vielleicht liegt es an meiner Herkunft. Mein Papa stammt aus Martinique in der Karibik. Die Menschen dort sind so wir ich: Ich lasse mich nicht stressen. Es passiert nicht oft, dass ich nervös werde oder irgendwie durchdrehe (lacht).

Gibt es etwas, das Sie aus der Ruhe bringt?

Witsel: Keine Ahnung. Ich versuche einfach immer gelassen zu sein. Das gelingt nicht immer. Aber so lange meine Familie glücklich und gesund ist, ist alles bestens.

Ist Ihre Familie mit Ihnen in Dortmund?

Witsel: Ja, natürlich. Lüttich ist zwar in der Tat nicht weit, aber dorthin zu pendeln wäre nicht gut. Wir leben hier in einem Haus. Alles ist perfekt.

Gab es Schwierigkeiten beim Einleben?

Witsel: Wir haben in China gelebt, von daher kann uns so schnell nichts beeindrucken (lacht).

Das heißt was?

Witsel: Es war meine freie Entscheidung, dorthin zu gehen. Wir haben anderthalb Jahre dort verbracht. Es war eine tolle Erfahrung, aber manches war eben doch auch gewöhnungsbedürftig.

Was genau?

Witsel: Die Chinesen spucken oft auf den Boden, das ist Teil ihrer Kultur und völlig normal - für sie. Wir waren das nicht gewohnt. Ich erinnere mich auch an das erste gemeinsame Essen mit den Mannschaftskollegen – und alle rülpsten währenddessen (lacht). Für uns ausländische Spieler war dieses Verhalten eher seltsam.

Zum Abschluss: Wir haben zu Beginn des Interviews über Ihre Karriere gesprochen. Was hoffen Sie, was noch kommt? Brauchen Sie zur Krönung Ihrer Karriere einen großen europäischen Titel?

Witsel: Ich bin auch da ganz gelassen. Das Leben ist, wie es ist. Ich habe kein Problem damit, im Januar 30 Jahre alt zu werden. Denn ich bin sicher, dass jetzt meine besten Jahre sind. Ich habe Erfahrung und die richtige Einstellung und bin körperlich auf der Höhe. Ich bin ein besserer Spieler als noch vor ein paar Jahren. Gegen Titel würde ich mich nicht wehren, keine Frage. Aber für den Titel in der Bundesliga - oder gar noch mehr - bräuchten wir ein echt verrücktes Jahr. So oder so: Ich genieße die Zeit hier.