Nations League

Nach Sieg in Spanien: England auf dem Weg zu alter Größe

Englands Fußballer zeigen ein spektakuläres Nations-League-Spiel in Sevilla. Jüngster Elf seit 59 Jahren gelingt ein historischer Sieg.

Ross Barkley und seine Kollegen vom englischen Nationalteam jubeln in Spanien.

Ross Barkley und seine Kollegen vom englischen Nationalteam jubeln in Spanien.

Foto: Getty Images

Sevilla. Es hatte den ganzen Tag geregnet in Sevilla, die englischen Fans waren also ganz in ihrem Element, und nach dem Schlusspfiff durften sie dann auch endlich ungestört ihre Nationalhymne singen. Vorher war das nicht möglich, die einheimischen Zuschauer pfiffen "God Save the Queen" bei jeder Gelegenheit aus, wobei nicht ganz klar war, ob wegen dem Brexit, einer historischen Sportrivalität oder weil die "lads" mal wieder zwei Tage lang diese trunkene Aggressivität in eine Innenstadt getragen hatten, unter der die Welt offenbar bis ans Ende aller Zeiten wird leiden müssen. Nun aber waren keine Spanier mehr da, und damit auch keine Zwischentöne bei den Elogen an die Königin. Zu feiern im Namen ihrer Majestät gab es einen historischen Fußball-Sieg.

Sterling trifft erstmals seit über drei Jahren

3:2 in Spanien, das unter dem neuen Trainer Luis Enrique und nach einem 2:1 im Hinspiel wie insbesondere einem 6:0 gegen WM-Finalist Kroatien schon wieder die heißeste Nummer des Kontinents zu sein schien. Drei Tore – so viele hatten die Iberer zuhause noch nie in einem Pflichtspiel kassiert. England brauchte dafür nur eine Halbzeit, in der Mittelstürmer Harry Kane mit seinen intelligenten Bewegungen und Spieleröffnungen die Tore seiner schnellen Angriffskollegen Raheem Sterling (2) und Marcus Rashford einleitete. Für Sterling waren es die ersten Treffer im Nationaltrikot nach über drei Jahren und 30 gespielten Stunden – an einem so wundersamen Abend kann es wohl nur einen Sieger geben, so sehr sich die Spanier auch durch den Alcácer-Effekt zurück in die Partie kämpften. Der unheimliche BVB-Stürmer traf eine Minute nach seiner Einwechslung, sein zehntes Tor in seinen letzten 277 Minuten. Mehr gelang auch ihm nicht. Der Anschluss durch Sergio Ramos fiel mit dem Schlusspfiff.

Es war ein spektakuläres Match, das mit großer Verve und vor feurigem Publikum im Stadion des Erstligisten Betis alle Vorzüge der neuen Nations League verdeutlichte. Der erste Sieg einer Auswärtsmannschaft auf spanischem Boden in einer offiziellen Partie seit 2003 verlieh so ein ganz besonderes Prestige. Wo sich England bei der WM noch gegen Rivalen wie Kolumbien und Schweden ins Halbfinale mogelte, war hier endlich der geforderte Sieg gegen einen großen Gegner. "Ein neuer Standard ist gesetzt", jubelte der "Guardian". Beim Blick in die Zukunft müssen die Herzen erst recht hüpfen: Der Coup von Sevilla gelang mit der jüngsten englischen Startelf seit 59 Jahren.

England will nun auch gestalten

Nationaltrainer Gareth Southgate hat seine ikonische Weste der WM abgelegt, aber ist derselbe kluge Trainer geblieben, der Schritt für Schritt eine internationale Spitzenmannschaft formt. Mit dem defensiven 3-5-2 des Sommers schaffte er Sicherheit und Erfolgserlebnisse. Seit dieser Länderspielwoche hat er nun auf 4-3-3 umgestellt und sendet damit ein Zeichen, dass England künftig auch gestalten will. Die Spanier guckte er an ihrem wundesten Punkt aus, der weit aufgerückten Verteidigung und deren nicht immer synchronen Anbindung an das Mittelfeld. "Es galt, mit den ersten Pässen ihr Pressing zu überspielen", erklärte Southgate. War das erledigt, merkte man Ramos, 32, und Sergio Busquets, 30, jedes ihrer Lebensjahre so deutlich an wie selten zuvor.

Finden Abwehrchef und Organisator nicht ihr Leistungslimit, fehlt Spanien der Kompass. Die nachfolgende Generation hat zwar Talent, aber nicht immer auch Demut und Wettkampfhärte. Wenn noch dazu das Real-Gerüst von der Krise im Verein gehemmt wirkt und Luis Enrique so exzentrische Einfälle bekommt wie jenen, den überraschend nominierten Linksverteidiger Jonny Otto (Wolverhampton Wanderers) auf rechts einzusetzen, kommt es eben zu einer "sehr schmerzhaften ersten Halbzeit", wie der Trainer einräumte, der sich mit seiner üblichen Mischung aus Ironie und Arroganz gleichwohl das spätere Aufbäumen auf die Fahnen schrieb: "Das Normale wäre gewesen, die Spieler zu töten, aber ich habe sie aufgebaut. Ich war wunderbar."

Keine Pfiffe vom Publikum

Das finden grundsätzlich noch die meisten im Land, vom Publikum gab es keine Pfiffe. Aber zumindest die Flitterwochen sind vorbei. Capricen wie jene, aus persönlicher Antipathie auf Linksverteidiger Jordi Alba (Barcelona) zu verzichten, wird man Luis Enrique nur noch durchgehen lassen, sollte Spanien nicht die schon sicher geglaubte Qualifikation für das Final Four verspielen. Dafür braucht es bei sechs Punkten einen Sieg in Kroatien, sonst könnte England (vier) wegen mehr geschossener Auswärtstore im direkten Vergleich durch einen Erfolg gegen denselben Gegner vorbeiziehen. Selbst die Kroaten (ein Punkt, zwei Spiele) haben alles noch in eigener Hand in diesem neuen Wettbewerb, der das alte Mutterland des Fußballs in Sevilla so glücklich machte.