DFB-Team

Von Havertz bis Maier: Deutsche Hoffnungsträger von morgen

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft macht derzeit Sorgen. Doch es gibt ein paar Talente, auf die man sich freuen kann.

Kai Havertz von Bayer Leverkusen zählt zu den größten deutschen Talenten.

Kai Havertz von Bayer Leverkusen zählt zu den größten deutschen Talenten.

Foto: firo

Paris.  Schon etwas länger hatte Joachim Löw geahnt, dass man in Deutschland einer Täuschung erliegt. Im August 2015, Löw war noch Weltmeister und seine Nationalelf gefürchtet, da sagte der Bundestrainer vor einem EM-Qualifikationsspiel gegen Polen einen Satz, der jedoch nicht sonderlich Karriere machen sollte. "Grundsätzlich ist es so, dass wir eine Reihe von jungen, sehr talentierten Spielern haben, aber es sind nicht so viele, wie alle denken."

Deutscher Fußball in der Phase des Abschwungs

Drei Jahre später ist Löw nicht mehr amtierender Weltmeister. Seine Nationalelf wird nicht einmal mehr gefürchtet. Hatte man geglaubt, der Quell an Begabten, der seit der WM 2010 ins Team strömte, würde nie enden, und hatte man sich vom Gewinn des Confed Cups 2017 mit einer Perspektivmannschaft darin bestätigt gesehen, so muss nun konstatiert werden: Löw hatte 2015 Recht. Der deutsche Fußball steckt in einer Phase des Abschwungs. Vor dem Nations-League-Spiel gegen Frankreich am Dienstag (20.45 Uhr, ARD) wurde er durch das 0:3 in den Niederlande am Sonnabend endgültig in die Kategorie "internationale Durchschnittsware" eingeordnet. Die Gegenwart sieht düster aus. Aber es gibt auch ein paar Lichtblick für die Zukunft, Spieler, die irgendwann soweit sein könnte, dass Deutschland wieder zu den Weltmarktführern aufschließt. Eine Auswahl.

Kai Havertz, 19, Bayer Leverkusen: Havertz war immer schon schnell. Mit 18 Jahren und 307 Tagen bestritt er als jüngster Spieler jemals sein 50. Bundesligaspiel. Nun haben die Statistiker errechnet, dass der Leverkusener auch der flinkste Bundesligaakteur der neuen Saison ist. Er brachte es auf 35,02 km/h. Tempo ist eine der neuen, harten Währungen im Weltfußball. Aber Havertz bringt auch alle anderen mit: Geschwindigkeit im Kopf, Technik und eine besondere Anpassungsfähigkeit. In Leverkusen hat er schon alle Positionen im Mittelfeld gespielt. Er trägt bei der schwach in die Saison gestarteten Werkself Verantwortung. Wenn Bayer gewinnt, hat oft Havertz getroffen oder ein Tor vorbereitet (61 Liga-Spiele, acht Treffer, 17 Vorlagen). Bundestrainer Löw ließ ihn im September beim Test gegen Peru (2:1) in der Schlussphase debütieren. Es dürften bald mehr Einsätze folgen. Denn Havertz ist das größte deutsche Talent.

Arne Maier, 19, Hertha BSC: Der Berliner Arne Maier ist befreundet mit Havertz. Und ebenso wie der Leverkusener trägt auch der Herthaner bereits Verantwortung in seinem Klub. Er ist dort Stammspieler, und sein Trainer Pal Dardai glaubt, dass er für Höheres berufen ist. "Der nächste logische Schritt muss die A-Nationalmannschaft sein. Arne hat das Potential dafür", sagt Dardai. Maiers große Stärke ist seine Fähigkeit zur Beschleunigung des Spiels. Im zentralen, defensiven Mittelfeld denkt er immer offensiv. Maier könnte noch U19 spielen, aber beim DFB haben sie ihn schon in die U21 berufen. Auch dort ist er sofort gesetzt und schaffte am Freitag durch den 2:1-Sieg gegen Norwegen die Qualifikation für die EM 2019. Danach ist ihm der Sprung zu A-Elf zuzutrauen.

Maximilian Eggestein, 21, Werder Bremen: Eigentlich ist Maximilian Eggestein eher zurückhaltend. Das war schon früher in der Schule so, als er kaum mal den Mut fasste, sich zu melden. Aber wenn Fußball gespielt wird, dann verkehrt sich sein Naturell ins Gegenteil. Leidenschaftlich, mitreißend und auffällig einnehmend – so spielt der 21 Jahre alte Bremer im zentralen Mittelfeld, wo er die Räume zuläuft, Zweikämpfe gewinnt, kluge Pässe spielt – und jetzt sogar Tore erzielt. Zwei schon in dieser Liga-Saison, hinzu kommt eine Vorlage. Im November 2014 debütierte er in Bremen und verbessert sich seitdem auch dank Klubtrainers Florian Kohfeldt stetig. Die Experten loben einhellig. Wenn das so weitergeht, sagt Werder-Manager Frank Baumann, "ist er früher oder später ein Kandidat für die A-Nationalmannschaft." Mal ganz unbescheiden: Wenn es nach ihm geht, lieber früher als später.

Florian Neuhaus, 21, Borussia Mönchengladbach: In der Familie Neuhaus gab es zuletzt ein Wochenende, das den inneren Frieden zu gefährden drohte. Es war der Sonnabend, an dem Florian Neuhaus mit Borussia Mönchengladbach beim FC Bayern antrat und 3:0 gewann. Der Vater des Mittelfeldspielers ist Bayern-Fan. "Aber er hat sich trotzdem für mich gefreut", verriet der Filius dem "Kicker" und räumte ein, dass ihm sein Leben in den vergangenen Monaten vorkommt wie ein Traum. "Manchmal denke ich mir: Was erlebst du denn eigentlich gerade?" Der junge Mann, geboren in Landsberg am Lech in Bayern, befindet sich im Steigflug. In der vergangenen Saison war er nach Düsseldorf ausgeliehen, schaffte den Aufstieg in die Bundesliga. Bei der Borussia startete er gleich durch in die erste Elf. Vier Vorlagen in sieben Spielen sind das Ergebnis bisher. Darüber freut sich dann auch der Papa.

Auch Kehrer, Anton und Arp machen Hoffnung

Doch es gibt nicht nur brauchbare Mittelfeldspieler im deutschen Nachwuchs. In der Abwehr schaffte der ehemalige Schalker Innenverteidiger Thilo Kehrer (22) von Paris St. Germain bereits den Sprung zu Löw und hatte gegen Peru einen ersten Kurzeinsatz. Auch Waldemar Anton von Hannover 96, mit 22 Jahren der jüngste Kapitän der Bundesliga, ist begabt. Im Sturm, wo Löw seit längerer Zeit nach Alternativen sucht, gilt der Hamburger Fiete Arp als Verheißung, auch wenn er mit dem HSV nun vorerst in der Zweiten Liga spielt. Der deutsche Fußball verfügt zwar nicht mehr über einen unermesslicher Reichtum an Talenten. Aber es gibt schon noch welche.

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