Nationalmannschaft

Die Zukunft der Nationalmannschaft beginnt jetzt

Gegen Frankreich muss Bundestrainer Löw seine Elf verjüngen, um nicht alt auszusehen. Die neue Generation bringt sich bereits in Stellung.

Joachim Löw sucht nach Lösungen

Joachim Löw sucht nach Lösungen

Foto: Reuters

Paris. Joachim Löw schläft schlecht im Moment. Aber es sind nicht die Fragen zu seiner Zukunft nach dem 0:3 der deutschen Nationalelf in den Niederlanden, die den Bundestrainer wachhalten. Es ist die Nase. Sie ist verstopft. Eine Grippe. Er bekomme schlecht Luft, erzählte Löw am Montag in Paris, nachdem er und sein Team am Vormittag aus Amsterdam eingeflogen waren. Ach ja und die Fragen, ob er noch im Amt sein werde, wenn er auch das dritte und vorletzte Nations-League-Spiel gegen Frankreich an diesem Dienstag verlieren sollte (20.45 Uhr), die seien kein Problem. „Ich kann Kritik zwischen den Spielen gut ausblenden“, sagte der 58-Jährige. Nahezu alle deutschen Fachmedien hatten Löw nach dem Zusammenbruch von Amsterdam Fehler vorgeworfen und das bevorstehende Ende seiner Ära nach zwölf Jahren beschrieben. „Wenn das alles ist“, sagte der Bundestrainer, „dann halte ich das aus“.

Bundestrainer blendet Zustand der Weltmeister-Achse aus

Joachim Löw ist ein durchaus sympathischer Mensch. Immer freundlich und mittlerweile sogar zu Scherzen aufgelegt, wenn es die Lage eigentlich gar nicht zulässt wie am Montag. Doch man fragt sich, ob Löws Fähigkeit zum Ausblenden das eigentliche Problem des deutschen Fußballs ist. Löw blendete ja auch bei der WM aus, dass sich seine Weltmeister-Achse um Manuel Neuer, Mats Hummels, Jerome Boateng, Toni Kroos und Thomas Müller zunehmend in einem ungesunden Stadium der Überreife befindet. Er blendete es ebenso nach dem Debakel von Russland aus und setzte weiter auf sie, bis nun das keineswegs hochpreisige Holland am Sonnabend aufzeigte, das Deutschland mit Kroos und Co. nur noch Mittelmaß ist. Löws aufgebautes Imperium, es stürzte da ein.

Süle wird gegen Frankreich Boateng ersetzen

Nun wartet der neue Weltmarktführer Frankreich. Und Löw steht vor der Gretchenfrage: Hält er es mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft. Sollen es weiter Neuer, Kroos und Müller richten, oder lässt Löw endlich die Zukunft beginnen. Mit Julian Draxler (24), Leroy Sané (22), Julian Brandt (22) und Niklas Süle (23) stünden junge Alternativen bereit. Mit Leon Goretzka und Kai Havertz fehlen allerdings auch zwei verletzt. „Es wird taktisch und personell ein, zwei Änderungen geben“, verriet Löw, aber nicht, welche das sein werden. Wenn man 0:3 verliert, „dann muss man überlegen, was man wechseln kann“, so der 58-Jährige. Sicher ist nur, dass Boateng nicht spielen wird. Sein Klubkollege Süle dürfte den verletzt abgereisten Münchner ersetzen: Süle wurde schon beim FC Bayern in der Liga öfter eingesetzt in dieser Saison (540 Minuten) als Boateng (360). Es ist zudem denkbar, dass der Leverkusener Brandt Müller ersetzen wird. Der Münchner Torjäger agierte in Amsterdam so unglücklich wie seit vielen Monaten.

Am Sonntagabend hatte Löw seine Mannschaft um sich versammelt, um die heftige Niederlage gegen die Niederlande aufzuarbeiten. Das 0:3 haben ihn aber gar nicht so sehr überrascht, sagte Löw, was dann wiederum die Zuhörer überraschte: „Ich wusste, dass unser Weg nicht wieder sofort auf einem allerhöchsten Niveau ablaufen wird. Es war klar, dass es ein Prozess ist“, sagte Löw. Doch er stand diesem Erneuerungsprozess auch selbst im Weg, weil er sich einer Verjüngung verweigerte. Einerseits, weil Löw glaubte, dass die Heranwachsenden wie Sané, Brandt und Süle noch nicht reif genug seien. Andererseits, weil er den Ergebnisdruck spürte. Wie ein gewöhnlicher Ligatrainer musste Löw in der Nations League den Abstieg vermeiden – und er stellte daher die Gegenwart über die Zukunft.

Kimmich: Immer Pech ist kein Zufall

Die aber hat sich nun selbst in Stellung gebracht. Und sie ist nicht mehr gewillt, die Deutungshoheit allein der Vergangenheit zu überlassen. Während Hummels, Neuer und Kroos in Amsterdam ausschließlich als Bewahrer der alten Ordnung auftraten, formulierten Joshua Kimmich (23) und Draxler (24) die Notwendigkeit zum Umdenken. „Schönreden bringt jetzt nichts mehr. Es ist auch nicht so, dass das jetzt irgendwie Zufall ist. Immer Pech ist kein Zufall“, sagte Kimmich. Draxler wurde noch deutlicher: „Wir haben jetzt viele Spiele von solchen aneinander gereiht. Irgendwann müssen wir mal endlich eine Lösung finden“, sagte der Mittelfeldspieler von Paris St. Germain und prophezeite der deutschen Elf einen komplizierten Abend gegen seine Wahlheimat: „Die haben richtig Bock, gegen uns zu zocken. Das wird keinen Deut leichter als gegen Holland.“

Löw sagte am Montag, er wolle auch gegen Frankreich, die beste Kontermannschaft der Welt, „mutig und mit Dynamik nach vorn spielen“. „Wir haben im Moment nichts zu verlieren.“ Das ist natürlich nicht wahr. Löw hat seinen Job zu verlieren, sollte sein Team gegen Frankreich und im Rückspiel gegen die Niederlande zwei weitere schlechte Spiele abliefern. Und dann wäre da noch der deutsche Fußball. Er droht, weiter Zeit zu verlieren.

Verloren ist noch nichts in der Nations League. Löws Elf kann mit zwei Siegen gegen Frankreich und die Niederlande sogar noch Platz eins erreichen. Doch solange die Zukunft nicht begonnen hat in der deutschen Nationalmannschaft, ist das schwer vorstellbar.