Nationalmannschaft

Nationaltorwart Manuel Neuer: Plötzlich irdisch

Manuel Neuer wirkt derzeit nicht souverän. Ein Formtief erkennt der Torwart bei sich nicht. Löw stellt ihn auch gegen Frankreich auf.

Manuel Neuer

Manuel Neuer

Foto: dpa

Paris.. Bei aller Pariser Schönheit lässt sich eindeutig sagen, dass dieser schwarze Teppichboden im Untergeschoss des großen Hauptstadt-Stadions Stade de France keine Besonderheit ist. Und wie es sich für einen durchschnittlichen textilen Bodenbelag gehört, gab er ein wenig nach unter den Schuhen, die Manuel Neuer an den Füßen trug, nachdem er das Stadion einen Tag vor dem Nations-League-Spiel beim Weltmeister Frankreich (Dienstag, 20.45 Uhr/ARD live) betreten hatte. Für den Fall, dass es Zweifel darüber gegeben hatte, ließ sich so durchaus amtlich feststellen, dass auch der deutsche Vorzeigetorhüter banalen Kräften wie zum Beispiel der Schwerkraft durchaus unterworfen ist.

So klar war das ja nicht immer. Neuer ist schließlich Neuer und macht schon seit vielen Jahren Sachen, die nur Neuer kann: das Spiel elegant eröffnen; gegnerischen Stürmern fern des eigenen Tors den Ball vom Fuß grätschen; und auch sonst jeden Ball mit verstörender Selbstverständlichkeit halten. Bis jetzt zumindest.

Neuer muss die eigene Fehlbarkeit erkennen

Neuer, Kapitän der Nationalelf und des FC Bayern München, ist 32 Jahre alt, aber erst jetzt – so wirkt das zumindest – muss sich der Hochbegabte mit den Problemen des irdischen Lebens befassen: mit der eigenen Fehlbarkeit zum Beispiel.

„Im letzten Spiel sah es etwas unglücklich aus“, räumt Neuer ein. Die 0:3-Niederlage in den Niederlanden hatte er mit einem Fehler beim ersten Tor auf den Weg gebracht. Weil das nicht irgendein Spiel war, sondern es derzeit um die Wiederherstellung deutscher Fußball-Reputation geht, wird alles infrage gestellt. Nun auch Neuer.

Schlechte Noten für Manuel Neuer

Hatte er nicht zuletzt in der Bundesliga schon defizitäre Leistungen gegen Augsburg (1:1) und Mönchengladbach (0:3) erbracht? Weist ihn nicht die mit heiligem Ernst geführte Noten-Rangliste des Fachmagazins Kicker als derzeit drittschlechtesten Torhüter der Bundesliga aus? Nur Fabian Bredlow (Nürnberg) und Fabian Giefer (FC Augsburg) stehen bislang schlechter da.

Ist das noch der Manuel Neuer?

Lothar Matthäus, Rekordnationalspieler und Sky-Experte, hat die Antwort schon gefunden. Neuer habe aktuell „nicht die Form und die Sicherheit". Es sei daher so, dass Marc-Andre ter Stegen, Neuers sechs Jahre jüngerer Widersacher vom FC Barcelona, „langsam die Chance verdient hätte, ein wichtiges Spiel von Anfang an zu bestreiten".

Löw vertraut dem WM-Torhüter Neuer

Das Spiel am Dienstag ist wichtig. Für den bei der WM abgestürzten Weltmeister geht es gegen den Abstieg aus der Gruppe A der Nations League. Und überhaupt darum, verloren gegangenes Vertrauen wieder zu gewinnen. Das gilt mittlerweile auch für Neuer persönlich. Aber trotz der Krise vertraut Löw dem Ältesten in seinem Kader. „Er wird morgen im Tor stehen“, sagt der Bundestrainer.

Löw handelte in all den Jahren immer lieber nach grundsätzlichen Überzeugungen als nach Eindrücken des Moments. Vielleicht müsste er sich ansonsten tatsächlich anders entscheiden. Neuer war fast ein Jahr lang am Fuß verletzt, kehrte gerade rechtzeitig zur WM, aber ohne Spielpraxis ins Tor zurück. Leistungsprinzip? Ausgesetzt. Bitter ist das vor allem für ter Stegen. Tatsächlich gibt es im deutschen Fußball keinen Reservisten, der so sehr in eine nationale Startelf gehört wie er. Möglich, dass er jetzt seine Chance wittert. Neuer wirkt gerade nicht wie ein Souverän.

Der frühere Schalker teilt diesen Eindruck indes nicht. „Abgesehen von der Situation vor dem ersten Tor bin ich zufrieden mit mir gewesen“, sagt Neuer und beklagt seinerseits mangelndes Spielglück gegen die Niederländer. Tatsächlich hätte er das zweite Tor beinahe verhindert. Aber eben nur beinahe. So fängt das Ende ja manchmal an: schleichend, als eine Frage von Zentimetern. „Ich bin topfit und in guter Form“, sagt Neuer in einer wortreichen Verteidigungsrede auf dem schwarzen Teppich. Er mache nun einmal seriös seinen Job und „kein Showfliegen“ damit „man sehen kann: Manuel Neuer ist da“.

Am Dienstag könnte es so sein, dass die Franzosen ihre Show abziehen. Es wäre ein guter Augenblick für Manuel Neuer zu zeigen, dass er da ist.