Berliner Champions

Die sanfte Kunst der Samurai

Der Berliner Uwe Steinmetz ist Europameister im Ju-Jutsu. Ein Kampfsport, der seine Wurzeln in Japan hat.

Ju-Jutsu-Kämpfer Uwe Steinmetz vermittelt sein Kampfsportwissen als Sportlehrer auch bei der Berliner Polizei.

Ju-Jutsu-Kämpfer Uwe Steinmetz vermittelt sein Kampfsportwissen als Sportlehrer auch bei der Berliner Polizei.

Foto: David Heerde

Berlin.  Eigentlich findet es die Mutter von Uwe Steinmetz ja ganz gut, dass ihr Sohn Sport treibt, noch dazu ziemlich erfolgreich. Aber musste es unbedingt ein Kampfsport wie Ju-Jutsu sein? Als die beiden neulich kurz nach dem Gewinn des Europameistertitels telefonierten, war das Erste, was die ältere Dame sagte, nicht etwa „Herzlichen Glückwunsch“. Stattdessen erkundigte sie sich besorgt: „Junge, hast du dir wehgetan?“

Man sollte sich nicht täuschen lassen vom Namen Ju-Jutsu, was übersetzt so viel bedeutet wie: die sanfte Kunst. In Wirklichkeit geht es in dieser Sportart ziemlich zur Sache. Ju-Jutsu ist eine Mischung aus verschiedenen asiatischen Kampfsportarten wie Judo, Karate, Aikido oder Kickboxen. Im Bodenkampf werden außerdem Praktiken verwendet, wie man sie vom klassischen Ringen her kennt. „Es ist sozusagen der Zehnkampf unter den Kampfsportarten“, sagt Uwe Steinmetz, der dem Ersten Berliner Judo-Club 1922 e.V. angehört. Sämtliche Techniken würden allerdings auf die Bedürfnisse des Ju-Jutsu abgestimmt und deshalb nicht zwingend genauso ausgeführt wie in der Sportart, der sie ursprünglich entstammen.

2004 gelang ihm mit dem Weltmeistertitel sein größter Erfolg

Das Regelwerk ist dabei so gestaltet, dass während des dreiminütigen Kampfes sämtliche Elemente gezeigt werden müssen. Es ist nicht möglich, sich nur auf die Techniken zu beschränken, die man am besten beherrscht, denn ansonsten droht eine Verwarnung. Die Kunst liegt also darin, den Kampf so zu gestalten, dass trotzdem die eigenen Stärken besonders zur Geltung kommen. Neben der Fighting-Variante gibt es als weitere Disziplin das Duo, bei dem ein Kämpferpaar gemeinsam einstudierte Selbstverteidigungskombinationen präsentiert – ähnlich wie bei einer Kür beim Eiskunstlauf –, die dann von den Kampfrichtern bewertet werden. „Das ist ebenfalls sehr anstrengend, weil man dabei sehr präzise sein muss“, erklärt Uwe Steinmetz.

Ein Nachbar hatte ihm einst vom Ju-Jutsu erzählt. Steinmetz gefiel die Sportart auf Anhieb, doch das Training sollte in Neukölln stattfinden – die Fahrt dorthin aus Tempelhof mit dem Bus war für den damals Elfjährigen zu weit. Stattdessen machte er zunächst weiter Judo, bis ihn eines Tages Dieter Rast ansprach, ein Urgestein der hiesigen Kampfsportszene. Sie würden bald eine kleine Meisterschaft austragen, sagte Rast – ob er nicht Lust hätte, daran teilzunehmen. Ohne vorher speziell trainiert zu haben, wurde Uwe Steinmetz auf Anhieb Dritter. Inzwischen ist er vielfacher deutscher Meister. 2004 gelang ihm als Weltmeister sein bislang größter Erfolg. Im Sommer 2018 holte der 43-Jährige bei der Europameisterschaft in Polen Gold in der Masters-Klasse.

Weglaufen ist immer noch die beste Lösung

Als Landestrainer des Berliner Ju-Jutsu-Verbands gibt Steinmetz sein Wissen inzwischen an die nächste Generation weiter. Die Technik stammt ursprünglich von den japanischen Samurai, die sich damit auch dann noch wehren konnten, wenn sie ihr Schwert verloren hatten. Das moderne Ju-Jutsu wurde in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland im Auftrag des Bundesinnenministeriums entwickelt, das für Polizei, Zoll, Justiz und Streitkräfte ein effektives System der waffenlosen Selbstverteidigung suchte. Mit der Zeit wurde daraus ein richtiger Sport, bei dem es jedoch genau wie früher bei den Samurai immer noch darum geht, so viel von der Kraft des Angreifers wie möglich gegen ihn selbst zu verwenden.

Dieses Können vermittelt Steinmetz als Sportlehrer bei der Berliner Polizei auch heute noch angehenden Rekruten. „Man wird durch Ju-Jutsu nicht zum Draufgänger, bloß weil man die Kunst der Selbstverteidigung beherrscht“, sagt er. Auf der Straße sei Weglaufen im Zweifel immer noch die beste Wahl. Steinmetz sagt: „Wer andere besiegt, ist stark. Noch stärker ist, wer sich selbst besiegt.“