Nachwuchssportler

Wenn der Sport sich nach Freiheit anfühlt

Para-Leichtathlet Krüsemann will bei WM 2019 durchstarten

Felix Krüsemann: Mann des Monats Oktober

Felix Krüsemann: Mann des Monats Oktober

Foto: Tilo Wiedensohler / camera4

Berlin.  Phil Grolla hatte vorgelegt – und Felix Krüsemann wollte unbedingt nachziehen. Grolla, sein bester Kumpel im deutschen Team, mit dem er bei der Para-Leichtathletik-EM in Berlin auch das Zimmer teilte, hatte tags zuvor bereits Bronze gewonnen. Nun meinte er zu Felix: „Du weißt also, was zu tun ist.“ Krüsemann ließ sich nicht zweimal bitten. Über 1500 Meter sicherte sich der 17-Jährige ebenfalls die Bronzemedaille. „Es hat sich sehr entspannt angefühlt“, sagt er. Die kluge Renneinteilung zählt ohnehin zu seinen Stärken. Dennoch war es beeindruckend, mit welcher Gelassenheit Krüsemann seine erste internationale Meisterschaft bei den Erwachsenen absolvierte.

Heimspiel in Berlin mit EM-Platz drei

Unterstützung bekam er von den Rängen, von seinem rund 80-köpfigen Fanklub aus seinem Verein RSV Eintracht Berlin und seinem Stahnsdorfer Gymnasium. „Das war schon extrem geil“, sagt er. Insgesamt war Felix Krüsemann allerdings ein wenig enttäuscht, wie wenige Zuschauer den Weg zur Para-EM im Jahn-Sportpark gefunden hatten. Damit wurde ihm wieder einmal vor Augen geführt, wie weit der Weg bis zur vollständigen Gleichberechtigung von Behinderten und Nichtbehinderten im Sport immer noch ist. Ganz anders bei der Wahl zu Berlins Nachwuchssportler des Monats: Dort landete Felix im Oktober in der Gunst des Publikums ganz oben.

Der junge Leichtathlet tritt in der Startklasse T38 für Sportler mit einer leichten Spastik an. Seine Koordination und Balance sind schwach reduziert. Die Spastik ist die Folge eines Sauerstoffmangels während der Geburt und bereitet ihm im Alltag gelegentlich Probleme beim Schreiben oder, wenn er etwas einschütten will. Beim Sport merkt er sie kaum. Der Sport hilft Krüsemann, mit seiner Behinderung umzugehen: „Das bedeutet für mich ein Stück Freiheit. Ich bin der festen Überzeugung, dass es ohne den Sport viel schlimmer wäre.“

Als Kleinkind auf Skiern angefangen

Er war eigentlich immer schon aktiv. Seine Mutter ist Skilehrerin, und so stand Felix bereits im Alter von einem Jahr das erste Mal auf Skiern. Später spielte er Fußball. Bald zeigte sich, dass er besonders ausdauernd ist, weshalb er als Siebenjähriger anfing, nebenbei Leichtathletik zu machen. Noch bis 2017 betrieb er beide Sportarten parallel. Ein Jahr zuvor hatte er sich mit drei Medaillen bei der U23-EM, darunter einmal Gold, seine ersten internationalen Meriten erworben. Auch bei der Junioren-WM 2017 kam er als Erster im Ziel, wurde aber nur als Dritter gewertet, weil zwei andere Läufer hinter ihm einen höheren Behinderungsgrad aufwiesen.

Nach seiner Bronzemedaille bei der EM will er bei der WM 2019 in Doha und bei den Paralympics 2020 in Tokio nun auch weltweit durchstarten. „Meine Motivation ist riesig. Ich denke in jedem Training daran, dass ich noch viel besser werden kann“, sagt er.

Jeden zweiten Dienstag im Monat stellen wir Berlins Nachwuchssportler des Monats vor. Alles zur Wahl und Stimmabgabe unter www.morgenpost.de/nachwuchssportler

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