Synchronschwimmen

Wassertanz mit Gelatine

Synchronschwimmerin Michelle Zimmer hat auch international Erfolg und träumt von Olympia. In der Königsdisziplin ist sie am stärksten.

Synchronschwimmerin Michelle Zimmer

Synchronschwimmerin Michelle Zimmer

Foto: David Heerde

Berlin.  Als vor einigen Wochen das Lollapalooza-Musikfestival in Berlin gastierte, war Michelle Zimmer einer der Publikumslieblinge. Die 21-Jährige singt zwar gar nicht und spielt auch in keiner Band. Zimmer ist Synchronschwimmenerin. Beim Festival trat sie als Teil einer Akrobatikshow zusammen mit ihrer Gruppe vom SC Wedding 1929 auf, Berlins einzigem Sportverein mit einer Synchronschwimm-Abteilung.

Dreimal täglich ging es ins Wasser, jeweils vor weit über tausend begeisterten Zuschauern. Eine große Kulisse für diese Sportart, die sonst häufig belächelt wird. Dabei stellt das Synchronschwimmen hohe Ansprüche an die Athleten, weil die Disziplin Einflüsse aus so vielen verschiedenen Sportarten vereint: Turnen, Tanzen, Eiskunstlauf, Schwimmen und Wasserball. „Das ist so anstrengend wie ein 400-Meter-Lauf, bei dem man die ganze Zeit die Luft anhalten und dabei trotzdem noch lächeln muss“, sagt Michelle Zimmer.

Die Klischees, mit denen das Synchronschwimmen zu kämpfen hat, stammen zum Teil noch aus den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts. Damals produzierte Esther Williams in Hollywood eine ganze Reihe kitschiger „Aqua-Musicals“, die mit dem modernen Synchronschwimmen nicht viel gemein hatten. „Unsere Disziplin ist über die Jahre immer sportlicher und dynamischer geworden“, sagt Zimmer. Auch müssten mittlerweile längst nicht mehr alle Schwimmerinnen zu jeder Zeit synchron sein; vielmehr sei es inzwischen sogar durchaus gewollt, dass einige Schwimmerinnen etwas anderes machen als der Rest der Gruppe. Auch der Anteil der Hebefiguren habe deutlich zugenommen, so die Berlinerin.

Die Sportart heißt jetzt offiziell anders

Der Weltverband hat bereits reagiert und das Synchronschwimmen im vergangenen Jahr in Artistic Swimming umbenannt, in Kunstschwimmen also. „Es ist wie Tanzen im Wasser“, meint Michelle Zimmer. Vier Disziplinen gibt es: Solo, Duett, die Gruppe mit bis zu acht und die Kombination mit bis zu zehn Teilnehmerinnen. Ein Durchgang dauert je nach Disziplin zwischen zweieinhalb und viereinhalb Minuten, in denen die Synchronschwimmerinnen meist Nasenklammer tragen und nur durch den Mund atmen.

Zimmer hat ihre stärksten Auftritte im Solo – in der Königsdisziplin. Zwar fällt dort die Schwierigkeit weg, mit den anderen Schwimmerinnen synchron zu sein, doch dafür muss das Becken ganz allein mit Präsenz ausgefüllt werden. „Wir erzählen im Wasser eine Geschichte“, erklärt sie. Nur die Besten gehen im Solo an den Start. Michelle Zimmer zählt in Deutschland definitiv dazu. Auch international hat sich die junge Frau aus Wedding bereits einen Namen gemacht. In diesem Jahr belegte sie beim World Cup in Usbekistan Platz zwei in der freien Kür und Platz drei in der technischen Kür; bei den stärker besetzten Japan Open, wo auch die Weltspitze am Start war, erreichte sie in der freien Kür Rang sieben.

Erst seit drei Jahren werden die beiden Teildisziplinen als separate Wettkämpfe ausgetragen. Für die WM 2019 in Südkorea will sich Zimmer gleich in beiden Küren qualifizieren. Dafür nimmt sie einiges in Kauf: die Doppelbelastung aus Sport und Studium der Biotechnologie und auch die Gelatine, mit der sich die Synchronschwimmerinnen den Dutt einschmieren, damit die Haare besser halten. „Nach dem Wettkampf stehen wir eine halbe Stunde unter der Dusche, um das Zeug wieder herauszuwaschen“, sagt sie, was manchmal aber immer noch nicht ausreichen würde: „Es kommt vor, dass ich mir abends noch die letzten Brocken aus den Haaren pule.“

Leistungssportreform könnte zum größten Gegner werden

Bei den Olympischen Spielen gehören die Solo-Wettbewerbe bislang nicht zum Programm, lediglich das Duett sowie die Gruppe. Weil ihre Weddinger Duett-Partnerin Lara Lanninger mit dem Sport aufgehört hat, musste sich Michelle Zimmer deshalb zwei Synchronschwimmerinnen aus München anschließen, Marlene Bojer und Daniela Reinhardt, um ihren Traum von Olympia zu wahren. Momentan ist sie in dem Trio allerdings nur Reserve. Schlechter als die beiden anderen ist sie sicher nicht, doch sie hat den Nachteil, dass sie nicht ständig mit ihnen trainiert. Die Qualifikation für die Spiele 2020 in Tokio würde allerdings ohnehin schwierig werden, weil die internationale Konkurrenz noch deutlich stärker ist.

Zwar ist das Synchronschwimmen in Deutschland durchaus im Aufwind. Michelle Zimmer hat jedoch die Befürchtung, dass das zarte Pflänzchen durch die Leistungssportreform wieder zerstört wird, in dessen Zuge die Zuschüsse für weniger medaillenträchtige Sportarten gekürzt werden. „Wir haben schon jetzt deutlich weniger Wasserzeiten für das gemeinsame Training“, berichtet sie. Ihre Sorge lautet daher: „In einem Jahr könnte es vorbei sein mit dem Nationalteam.“ Dafür würden selbst solche Auftritte wie unlängst beim Lollapalooza nicht entschädigen.