Interview

Volleys-Boss Kaweh Niroomand – „Der Sport ist politisch“

| Lesedauer: 10 Minuten
Dietmar Wenck

Foto: nph / Kurth / picture alliance / nordphoto

Kaweh Niroomand spricht im Morgenpost-Interview über den Rechtsruck in Deutschland und die Verantwortung der Sportvereine

Berlin.  Kaweh Niroomand (65) lebt seit 1973 in Berlin. Er ist Geschäftsführer des deutschen Volleyball-Meisters BR Volleys und Sprecher der Berliner Profiklubs. Der gebürtige Iraner hat in Deutschland Bauingenieurwesen studiert und wollte danach zurück in seine Heimat. Doch dort war Revolution, deshalb blieb er hier, gründete eine Familie und hat zwei erwachsene Söhne. In Berlin wurde er einer der Geschäftsführer eines großen internationalen Software-Unternehmens mit weltweit über 7000 Mitarbeitern. Ende 2014 wurde die Firma verkauft, seitdem ist Niroomand in verschiedenen Funktionen ehrenamtlich tätig. Und ein Verfechter der These, dass der Spitzensport sich gesellschaftlich noch mehr engagieren muss.

Herr Niroomand,bei den BR Volleys spielen seit Jahren Akteure aus vielen verschiedenen Ländern, Franzosen, Tschechen, Serben, Holländer, Amerikaner, Australier und Deutsche. Gibt es in dieser Multikulti-Mannschaft deshalb manchmal Probleme?

Kaweh Niroomand: Überhaupt nicht. Wie immer im Sport, wenn man aus der Kabine rausgeht aufs Feld, verfolgt man ein gemeinsames Ziel: zu gewinnen. Da zieht man an einem Strang. Ich bin seit fast 45 Jahren im Sport aktiv in verschiedenen Funktionen. Ich habe noch nie erlebt, dass die Frage der Herkunft ein Konfliktpotenzial hatte. Gerade die jüngere Generation, die übers Internet sowieso viel offener ist, hat am wenigsten Probleme damit.

Durch die Affäre Mesut Özil ist das Thema verschiedene Nationalitäten, Kulturen, Religionen in einer Mannschaft sehr stark in den Vordergrund gerückt. Wie beurteilen Sie den Fall?

Die Özil-Geschichte hat viele Facetten. Am schlechtesten hat es der Deutsche Fußball-Bund gemanagt. Am Anfang hat er versucht, das Thema unter den Tisch zu kehren. Am Ende hat man versucht, einen Sündenbock zu finden. Beides ist opportunistisch. Der DFB hätte von Anfang an klarstellen müssen, was die eigene Position ist. Dann wäre auch vieles, was hinterher gekommen ist, gar nicht so groß geworden. Der zweite Aspekt ist Özil selbst. Er ist sicher ein verdienter Sportler und guter Fußballer. Aber er hat überhaupt keinen Grund, sich hinzustellen als derjenige, der verfolgt worden ist, als angegriffener Migrant. Dadurch gibt er vielen jüngeren Migranten Futter, die gern mal damit kokettieren, wenn sie hier über die Stränge schlagen. Wenn man ihnen dann zum Beispiel sagt: Pass mal auf, bis dahin und nicht weiter! Dann kommt sofort die Antwort: Bist du gegen Ausländer? Denen gibt Özil Munition, und das stellt die Geschichte völlig auf den Kopf.

Er sagt, er sei beleidigt worden. Dagegen muss er sich doch wehren dürfen.

Dagegen darf er sich wehren, natürlich. Aber er hat eine Sache gemacht, dazu muss er auch stehen und dazu hätte der DFB auch Stellung beziehen müssen: Er hat Wahlkampf gemacht, vier Wochen vor den türkischen Wahlen. Das geht nicht.

Sollen Sportler nicht politisch sein?

Doch, aber sich parteipolitisch nicht missbrauchen lassen. Der Sport ist politisch, bei Fragen des Respekts, der Anerkennung, der Zusammenarbeit, der Gleichbehandlung et cetera. Das sind ja auch alles politische Fragen, soziale Werte, die wir leben müssen. Aber als Sportpersönlichkeiten oder als Vereine darf man sich nicht instrumentalisieren lassen. Das hat Özil getan. Dazu noch von einem Politiker, der nicht in dem Ruf steht, die Demokratie in der Türkei zu fördern.

Die Bilder von Chemnitz scheinen zu dokumentieren, dass auch Deutschland gerade ein Problem mit seiner Demokratie bekommt.

Das ist der nächste Aspekt. In der Tat gibt es generell aktuell einen Ruck in Richtung rechten Populismus weltweit, auch in Deutschland, wo das Thema Flüchtlinge und Migration als Aufhänger genommen wird und viele Leute Angst haben, dass ihnen etwas weggenommen wird oder dass vieles zerstört wird, das sie über Jahre aufgebaut haben. Erstaunlicherweise ist diese Angst dort am größten, wo die Begegnung mit den Ausländern am wenigsten stattfindet. Das Fatale ist, dass man ein doch gewaltiges Problem mit sehr einfachen Lösungen zu beantworten versucht. Was gar nicht geht. So etwas kennt man aus der Geschichte, und man weiß auch, wo es enden kann. Von daher finde ich, dass jeder in diesem Moment sehr wachsam sein muss. Und an seiner Stelle versuchen muss, dagegenzusteuern. Da ist auch die Zivilgesellschaft gefragt. Man darf das nicht der Politik allein überlassen.

Wie schätzen Sie das Verhalten der politischen Parteien ein?

Leider ist es so, dass sich auch die Parteien häufig sehr opportunistisch verhalten. Sie zeigen nicht die richtigen Lösungen, sondern tragen mehr dazu bei, dass die Leute noch verdrossener werden, als sie ohnehin schon sind. Die Ereignisse um den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen sind das beste Beispiel dafür. Seit zweieinhalb Jahren hält der Bundesinnenminister Horst Seehofer die ganze Republik im Würgegriff, indem er eine weltweit hoch angesehene Kanzlerin diskreditiert. Das Schlimme daran ist: Die Autorität des Staates wird damit in Frage gestellt. Das darf nicht passieren. Es ist die Parole der Rechten, dass der Staat nicht mehr Herr der Lage sei. Aber das ist Unsinn. Und wir dürfen nicht vergessen, trotz aller Probleme, die wir haben, trotz aller Herausforderungen: Deutschland ist ein sehr liberales, auf einer sehr demokratischen Verfassung basierendes Land. Wir alle müssen froh und glücklich sein, hier leben zu können.

Sie fühlen sich also wohl in Deutschland? Wurden Sie wegen Ihrer Herkunft nicht auch schon attackiert, angepöbelt?

Wenn man im Berliner Straßenverkehr unterwegs ist, muss man manchmal ein dickes Fell haben. Da fallen schon Kraftausdrücke wie Scheiß-Kanake, geh dahin, wo du herkommst. Das ist viel mehr geworden, und das finde ich unglaublich schade. Als ich in Deutschland groß geworden bin, hatte das öffentliche, höfliche Verhalten noch einen Wert. Sich bedanken, jemandem die Tür aufhalten, seinen Platz freimachen, wenn eine ältere Person kommt – das geht leider alles verloren. Und das hat auch Konsequenzen. Diese Respektlosigkeit setzt sich in anderen Bereichen fort. Und trotzdem: Ich fühle mich hier zu Hause und wohl. Im normalen Geschäfts- und Privatleben erlebe ich solche Beschimpfungen natürlich nicht.

Wann und warum sind Sie überhaupt nach Deutschland gekommen?

Ich bin seit 1965 in Deutschland, da war ich zwölf Jahre alt. Geboren bin ich in Teheran. Ich bin in einem westfälischen Dorf im Münsterland zur Schule gegangen, habe dort 1971 mein Abitur gemacht. Meine Eltern hatten mich nach Deutschland geschickt, Deutschland hat ein hohes Ansehen in unseren Kulturen, was das Thema Bildung angeht. Jedenfalls 1965 hatte das einen hohen Wert. Deshalb war es meinen Eltern wichtig, mich schon vor dem Studium hierher zu schicken. Ich konnte kein Wort deutsch und landete bei einer sehr konservativen Familie, in einer sehr katholisch geprägten Umgebung.

Zurück zum Sport: Was kann er für eine bessere Integration tun?

Er lebt das Thema ja täglich vor. Die Bedeutung des Sports in der Gesellschaft bei der Bewältigung dieser Aufgaben kommt allerdings viel zu kurz. Er wird immer nur am Rande erwähnt. Dabei kann er in vielen Bereichen eine Klammerwirkung ausüben. Als Bindeglied dienen für vieles, was jetzt auseinderzulaufen droht. Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften müssten viel mehr die Nähe des Sports suchen, um gemeinsam zu überlegen, was wir noch mehr machen können. Aber jeder Sportverein, besonders die Profivereine mit ihrer großen Strahlkraft stehen aus meiner Sicht selbst in der Pflicht.

Was tun denn die BR Volleys?

Wir haben und hatten einige soziale Projekte. Die Herzstiftung, die Suchtklinik der Vivantes, mit der wir seit Jahren eine Kooperation haben. Als neustes Projekt werden wir mit der Bahnhofsmission eine Kooperation abschließen und so versuchen, das Thema Obdachlose mehr den Menschen nahezubringen. Über materielle Hilfen, aber auch, indem wir Bewusstsein für die Problematik schaffen. Das gehört dazu, dass man solche Gruppen nicht aus der Gesellschaft herausfallen lässt, sondern zur Integration beiträgt.

Haben Sie die Trikot-Aktion der deutschen Basketball-Nationalmannschaft wahrgenommen? „Wir sind mehr“ vor dem Spiel in Leipzig gegen Israel?

Das fand ich super. Eine ganz klare Positionierung – das genaue Gegenteil zum DFB...

... es war allerdings eine Aktion der Nationalmannschaft, nicht des Basketball-Verbandes...

Vielleicht war sie deswegen so gut. Beim DFB hat man bei solchen Aktionen immer das Gefühl, als wäre es nur ein Teil von Marketing-Aktivitäten. Hier wirkt es so, als hätten sich die Spieler zusammengesetzt und beraten, wie sie sich dieser Sache stellen können. Und haben aus dem Bauch heraus beschlossen: Wir machen das jetzt. Ähnliche Aktionen mit Trikots haben wir auch vor in Bezug auf unsere sozialen Projekte, zum Beispiel mit einem Logo der Bahnhofsmission.

Warum nicht auch Trikots mit „Wir sind mehr“?

Das ist auch denkbar, aber noch nicht geplant.

Hätte es nicht eine größere Wucht, wenn die Vereinigung der Berliner Profivereine mit Hertha, Union, Alba, den Füchsen, Eisbären und BR Volleys gemeinsam eine derartige Aktion starten würde?

Wir haben das schon diskutiert. Wenn wir etwa gemeinsam ein Motto entwickeln, das wir über eine Saison durchziehen und auf unterschiedlichen Wegen in die Öffentlichkeit bringen. Aber, ganz wichtig: Wir wollen als Sport nicht Leute abschrecken, wir wollen Leute zusammenführen. Und dabei trotzdem eine klare Position beziehen.