Wasserball

Bundestrainer Stamm: „Wir sind auf dem Weg nach oben“

Bundestrainer Hagen Stamm über den Weltcup in Berlin und Nachwuchssorgen im deutschen Wasserball.

Hagen Stamm ist in Personalunion Bundestrainer und Präsident der Wasserfreunde Spandau 04

Hagen Stamm ist in Personalunion Bundestrainer und Präsident der Wasserfreunde Spandau 04

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / Thomas Eisenhuth/dpa-Zentralbild/ZB

Berlin.  Am Dienstag beginnt im Europasportpark an der Landsberger Allee der Wasserball-Weltcup. Acht Nationen spielen um vier Tickets für die Weltmeisterschaft 2019. Für das deutsche Team, das am Dienstag gegen den WM-Zweiten Ungarn startet (20.30 Uhr), wäre die Qualifikation der erste große internationale Erfolg seit Jahren. Genau den will Hagen Stamm schaffen, der Präsident der Wasserfreunde Spandau ist in Personalunion auch Bundestrainer.

Herr Stamm, vor gut eineinhalb Jahren bei Ihrem Amtsantritt sprachen Sie davon, dass Wasserball in Deutschland am Tiefpunkt angelangt sei. Wo steht er jetzt?

Hagen Stamm: Würden wir ein Hochhaus erklimmen wollen, hätten wir jetzt die erste Etage geschafft. Die Tendenz ist also steigend. Wir haben die Mannschaft erheblich verjüngt. Bei der EM in Barcelona im Juli hatten wir keinen 30-Jährigen dabei, haben fünf neue Leute integriert. Mit Platz neun war die EM ein Erfolg für uns. Zwei Jahre zuvor in Belgrad waren wir Elfter. Wir haben alle Spiele gewonnen, die wir gewinnen konnten. Und wir haben mit dem 4:4 gegen Vizeweltmeister Ungarn die Überraschung des Turniers geliefert. Darauf kann man aufbauen.

Was macht Sie optimistisch, dass es weiter aufwärts geht? Was dämpft diesen Optimismus?

Wir haben Spieler dabei, die noch viel Potenzial haben, das ist das Wichtigste. Die sind noch lange nicht am Zenit ihrer Leistungsfähigkeit, sondern erst am Anfang ihrer Karriere. Generell können wir noch viel konstanter spielen, weniger Fehler machen und dann auch Mannschaften ärgern, die heute noch gar nicht ahnen, dass wir sie ärgern könnten.

„Zu wenig Konkurrenz für die Etablierten“

Das war der optimistische Teil.

Pessimistisch macht mich, dass zu wenig Druck von unten kommt. Unsere Nachwuchs-Mannschaften produzieren zu wenig Konkurrenz für die Etablierten. Bei der U19 haben wir uns erstmals seit Jahrzehnten nicht für die EM mit 16 Teams qualifiziert. Das ist eine Katastrophe. Die Rechnung ist so: Du musst pro Jahr einen neuen guten Spieler hochbekommen, das würde für die Nationalmannschaft reichen. Dort beträgt die durchschnittliche Verweildauer 13 Jahre, 13 Spieler gehören dazu. Arithmetisch würde also ein Spieler pro Jahrgang genügen. Es müssen drei von unten drücken, damit einer durchkommt. Das hat in den letzten Jahren nicht funktioniert.

Wie wichtig ist jetzt der Weltcup in Berlin für die finanziell chronisch klamme Sparte Wasserball?

Sehr wichtig. Mit Platz neun bei der EM haben wir DOSB, Innenministerium und auch dem Deutschen Schwimmverband gezeigt, dass wir auf dem Weg nach oben sind. Qualifizieren wir uns in Berlin für die WM, wäre es ein weiterer Nachweis, dass wir wieder da sind.

Was müssen Sie dafür erreichen?

Einen der ersten vier Plätze, also das Halbfinale. Oder, falls Ungarn ins Halbfinale kommt, genügt uns auch Platz fünf, weil die Ungarn über die Weltliga schon für die WM qualifiziert sind.

Wie schätzen Sie Ihre Gruppengegner Ungarn (Dienstag), Japan (Mittwoch) und Australien (Donnerstag) ein?

Japan ist WM-Zehnter, Australien WM-Siebter und Ungarn Vizeweltmeister. Japan müssen wir schlagen. Australien sehe ich mit uns auf Augenhöhe, so gut müssen wir sein, wenn wir unter die Top Acht der Welt zurückkehren wollen. Ungarn ist natürlich der Favorit. Aber nach dem 4:4 bei der EM haben meine Jungs keine Angst vor denen. Außerdem haben wir vergangene Saison in der Champions League mit Spandau hier in Berlin beide ungarischen Topteams geschlagen. Die wissen also, dass sie vorsichtig sein müssen. Mein Traum ist, Gruppenerster zu werden, dann hätte man im Viertelfinale mit Südafrika den vermeintlich leichtesten Gegner. Nur ist Platz eins nicht realistisch. Das wäre, Zweiter zu werden und dann vielleicht gegen die USA eine gute Halbfinal-Chance zu haben. Wenn nicht, bleibt die Hintertür durch die Ungarn, sodass es für uns am Sonntag ein echtes Endspiel um Platz fünf geben kann.

„Seidensticker schadet dem deutschen Wasserball“

Ihr Vertrag endet am 31. Dezember. Wie geht es danach weiter?

Es gab noch keine Gespräche. Ich möchte erst mal mein Ziel erreichen, das Team zurück in die Weltspitze zu führen. Dazu wäre eine WM-Qualifikation ein großer Meilenstein.

Haben Sie da überhaupt noch Lust weiterzumachen? Aus Hannover, der Stadt des neuen deutschen Meisters, gibt es sehr viel Kritik an Ihnen. Charakterschwäche und schlechte Arbeit unterstellt Ihnen Waspo-Präsident Bernd Seidensticker.

Das nervt, er hört einfach nicht auf damit. Ich trainiere seine Leute, bereite sie damit auch gut vor auf die Saison, die danach beginnt, versuche, für die deutsche Nationalmannschaft das Beste herauszuholen. Aber das ist sein Charakter, darüber muss man sich nicht weiter aufregen. Mit den Hannoveraner Spielern macht es sehr viel Spaß zu arbeiten, das ist im Endeffekt wichtig für mich.

Schadet oder nützt die Rivalität zwischen Spandau und Hannover dem deutschen Wasserball?

Die Rivalität Hannover-Berlin nützt dem deutschen Wasserball. Die Person Seidensticker schadet dem deutschen Wasserball. Ich habe zu Trainer Karsten Seehafer, der ja auch der Geldgeber bei Waspo ist, ein sehr gesundes Verhältnis. Wir sind uns beide völlig einig, dass es eine Symbiose ist zwischen der Nationalmannschaft auf der einen und Waspo sowie Spandau auf der anderen Seite. Spandau braucht Waspo, um sich zu reiben, Waspo braucht Spandau, um sich zu reiben. Dieser gesunde Konkurrenzkampf ist völlig okay. Da muss man sich gegenseitig respektieren. Das machen nur nicht alle in Hannover.

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