Berliner Champions

Ringer Martin Obst: Abspecken für Olympia

Der Berliner brachte den deutschen Ringern eine ersehnte Medaille. Trotzdem muss er nun die Gewichtsklasse wechseln.

Martin Obst lebt im Norden Berlins und führt dort einen Pferdefuhrbetrieb. Die Arbeit mit den Tieren hält ihn fit.

Martin Obst lebt im Norden Berlins und führt dort einen Pferdefuhrbetrieb. Die Arbeit mit den Tieren hält ihn fit.

Foto: Krauthöfer

Berlin.  Die besten Trainingskollegen von Martin Obst haben vier Beine und sind mehr als einen Kopf größer als er. Obst ist einer der besten Ringer des Landes, doch nebenbei betreibt er zusammen mit seinem Vater Dieter und seiner Schwester Stefanie auch noch einen Pferdefuhrbetrieb in Französisch-Buchholz. Die Fuhrwerke werden gern für Hochzeitsfeiern, Junggesellenabschiede oder andere Feste gebucht. Obst steht dann meist schon frühmorgens auf dem Hof, um die Tiere zu füttern, den Stall auszumisten und die Gespanne vorzubereiten. Von den anderen Ringern hat er deshalb den Spitznamen „der Kutscher“ bekommen. Viele seiner Konkurrenten wundern sich, wie er Sport und Beruf unter einen Hut bekommt, doch Martin Obst sieht in der Doppelbelastung sogar einen Vorteil: „Die Arbeit mit den Pferden hält mich fit“, sagt er. „Zusätzliches Krafttraining brauche ich eigentlich nicht mehr.“

Bei den diesjährigen Europameisterschaften in Russland gelang Obst mit dem Gewinn der Silbermedaille sein bislang bestes internationales Ergebnis. In der Gewichtsklasse bis 79 Kilogramm hatte er im Halbfinale zunächst überraschend den Ungarn Mihaly Nagy bezwungen. Erst Achmed Gadschimagomedow aus Russland war im Finale zu stark für den Pankower.

Erst mit 28 Jahren feiert der Berliner sein internationales Debüt

Seine Medaille war die erste für die deutschen Freistil-Ringer seit elf Jahren. Vor ihm stand zuletzt 2007 der Karlsruher Marcel Ewald in einem Endkampf. „Es war ein perfekter Tag“, sagt Martin Obst. Für die EM hatte er extra die Gewichtsklasse gewechselt, nachdem er bislang in der Klasse bis 74 Kilogramm angetreten war. „In der schwereren Klasse fühle ich mich einfach wohler“, erklärt er. Allerdings ist die Klasse bis 79 Kilogramm nicht olympisch, so dass Obst bald wieder abspecken muss, um die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio zu schaffen.

Das nötige Selbstbewusstsein hat er mittlerweile. Martin Obst ist in der erweiterten Weltspitze angekommen. Schon im EM-Finale „wäre mehr drin gewesen“, sagt er, wenn er in der ersten Hälfte des Kampfes nicht so passiv gewesen wäre. „Vielleicht war ich da noch ein bisschen zu nervös“, meint er. Schließlich habe er ja noch nicht allzu viele große Wettkämpfe erlebt. Der 31-Jährige ist ein echter Spätstarter. Als Jugendlicher war er nur mäßig erfolgreich – aufs Treppchen schaffte er es bei deutschen Jugendmeisterschaften nie. Die Trainer, die ja Medaillen nachweisen mussten, setzten deshalb auf andere Sportler. Zumal gerade im Ringen lange Zeit die Regel galt, dass wer in der Jugend nicht vorn landet, es auch im Erwachsenenalter nicht mehr schafft.

Weil die Erfolge im Sport zunächst ausblieben, begann Martin Obst nach der zehnten Klasse erst einmal eine Tischlerlehre. Bis 2014 verblieb er noch im Bundeskader, dann wurde er aussortiert. Ein Jahr später folgte das Comeback: 2015 wurde Obst erstmals deutscher Meister und qualifizierte sich damit auch für die Weltmeisterschaften in Las Vegas. Erst mit 28 Jahren feierte er also sein Debüt auf internationaler Bühne. „Ich wollte es allen noch einmal beweisen, die schon nicht mehr an mich geglaubt haben“, sagt er. 2016 verpasste er nur knapp die Olympischen Spiele. In der Europa-Qualifikation unterlag er im Viertelfinale nur um einen Punkt einem Kämpfer aus Georgien, der sich letztlich das Rio-Ticket sichern konnte.

Bei seinen Kämpfen trägt der Ringer kein Berliner Trikot

Von 2015 bis 2017 war Martin Obst dreimal hintereinander deutscher Meister. Bei den Titelkämpfen tritt der Berliner im Trikot des Luckenwalder SC an, weil er einst das dortige Ringer-Internat besuchte. Die Stadt in Brandenburg ist zudem Bundesstützpunkt. In der Bundesliga wiederum, die an diesem Wochenende in die neue Saison beginnt, startet Obst für den RSV Rotation Greiz aus Thüringen. Doch seine große Liebe gilt immer noch Berlin und dem SV Luftfahrt, wo er einst als Jugendlicher gekämpft hatte. „Der Verein liegt mir am Herzen“, sagt Obst, der bis heute die meiste Zeit in Berlin bei Swen Lieberamm in Treptow trainiert. Es wäre auch zeitlich gar nicht möglich, jeden Tag bis nach Luckenwalde oder gar bis nach Greiz zu fahren.

Bei seinen EM-Kämpfen trug er Socken mit dem Logo des SV Luftfahrt. Ende Oktober bei den Weltmeisterschaften in Budapest würde er die Strümpfe gern wieder tragen. Nachdem er in diesem Jahr bei den deutschen Meisterschaften nur Platz drei belegte, ist seine Nominierung allerdings noch nicht sicher. Mit guten Leistungen in den ersten Bundesligakämpfen will sich Martin Obst aber noch für das Team empfehlen. Mit Unterstützung seiner vierbeinigen Trainingskollegen sollte das möglich sein.

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