Nationalmannschaft

Joshua Kimmich – Der Statiker des Neuanfangs

Der Münchener überzeugt in neuer Rolle vor Abwehr

Mittendrin statt nur dabei: Joshua Kimmich (M.) gegen die Franzosen Olivier Giroud (l.) und Kylian Mbappé

Mittendrin statt nur dabei: Joshua Kimmich (M.) gegen die Franzosen Olivier Giroud (l.) und Kylian Mbappé

Foto: WOLFGANG RATTAY / REUTERS

München.  Die WM hat Joshua Kimmich nicht einfach so abstreifen können. Er hat sie nicht ausgezogen wie einen Mantel und in die dunkelste Schrankecke gehängt. Der Untergang in Russland steckte dem Münchner weiter in den Kleidern. Er ist nach dem Aus deshalb nicht direkt in den Urlaub entschwunden, sondern hat sich daheim bewusst mit dem Scheitern auseinandergesetzt. Dabei ist dem 23 Jahre alten Rechtsverteidiger aufgefallen, dass darin auch sein eigenes Scheitern steckte.

An keinem Spieler ließ sich die deutsche Schiefstellung besser erkennen als an Kimmich. Weil er von Bundestrainer Joachim Löw angewiesen wurde, vorn zu stürmen wie ein Flügelstürmer, konnte er hinten nicht mehr verteidigen wie ein Außenverteidiger. Das führte zu schweren Haltungsschäden im Team. Deutschland war eine Elf ohne Statik und brach zusammen.

Löw: „Kimmich auf der Sechs? Eine gute Lösung!“

Nun hat die Zeit des Wiederaufbaus begonnen. Das 0:0 gegen Weltmeister Frankreich am Donnerstag war ein Achtungserfolg. Und an keinem Spieler ließ sich besser erkennen, wie Deutschland die eigene Standfestigkeit wiedergefunden hat als an Kimmich. Löw hatte ihn diesmal als Sechser vor der Abwehr aufgeboten und machte ihn so zum Statiker des Neuanfangs. Als Löw das in der Teamsitzung bekanntgab, wusste Thomas Müller gleich, „dass das für Josh ein Tag ist, als wenn Ostern und Weihnachten zusammenfallen.“

Denn Kimmich war mal ein defensiver Mittelfeldspieler und wollte es bleiben. Ausgezogen in die Rechtsverteidiger-Diaspora ist er nur, weil es dort kein Überangebot im deutschen wie im bayrischen Team gab. Doch nun, da Löw die Sechser ausgegangen sind, war es für Kimmich eine erfreuliche Heimkehr. „Jo hat diese Position schon in der Jugend gespielt. Und ich finde, er hat dort jetzt ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht“, lobte Löw. „Er war sehr präsent, passsicher und zweikampfstark.“

Der 58-Jährige hatte dieses Umpflanzen erdacht und damit ja erst einmal ein Paradoxon erzeugt: Um bei der Fortentwicklung des modernen Fußballs mithalten zu können, griff er auf ein Mittel der Vergangenheit zurück: den Auskehrer vor der Abwehr. Das freilich war der besonderen Situation geschuldet, dass diese erste Partie nach der WM-Blamage keinesfalls verloren gehen durfte, und dass mit Frankreich die beste Kontermannschaft der Welt wartete. Dennoch hat Löws Hinwendung zu vergangenen Erfolgsmodellen durchaus Zukunft, wenn der Gegner es verlangt: „Kimmich auf der Sechs“, sagte er zufrieden, „ist sicherlich eine gute Lösung.“

Überschwängliches Lob von Müller und Hummels

Kimmich selbst entschwand schnell in die Nacht. Es gab ja diesmal auch nichts Negatives aufzuarbeiten. Dafür sprachen andere über ihn: „Er hat mir sehr gut auf der Sechs gefallen – fehlerlos“, sagte Müller. Und Innenverteidiger Mats Hummels, der ansonsten in der Viererkette mit Kimmich zu tun hat, schwärmte fast: „Er hat alles für diese Position. Den kannst du aber eh gefühlt überall hinstellen. Es kommt immer etwas Gutes dabei heraus.“

Ob Löw auch beim Testspiel gegen Peru am Sonntag in Sinsheim (20.45 Uhr, RTL) auf den Sechser Kimmich setzen wird, ist eher fraglich. Es dürfte eine Maßnahme für besondere Umstände bleiben. Denn dem Bundestrainer fehlen nicht nur gelernte Statiker vor der Abwehr, sondern auch brauchbare Rechtsverteidiger. Matthias Ginter, der das gegen Frankreich gut spielte, bleibt eine Aushilfslösung. Hier hat Löw das Problem, das er schon mit einem Spieler hatte, mit dem Kimmich oft verglichen wurde. Wie bei Rechtsverteidiger Philipp Lahm, der bei der WM 2014 als Sechser begann, hat Kimmich den unverzeihlichen Makel, dass es nur einen von ihm gibt.