Leichtathletik-EM

Der Sport erobert den Breitscheidplatz

Die Leichtathletik-EM beginnt stimmungsvoll im prall gefüllten Ministadion – und gibt dem Ort der Trauer viel Lebensfreude zurück

David Storl brauchte nur einen Stoß, um sich mit Bestweite für das Finale am Dienstag zu qualifizieren

David Storl brauchte nur einen Stoß, um sich mit Bestweite für das Finale am Dienstag zu qualifizieren

Foto: KAI PFAFFENBACH / REUTERS

Berlin.  Ein kleines Mädchen zeigt auf den goldenen Riss. „Was ist das?“, fragt sie. „Das erinnert an alles, was hier passiert ist“, erklärt die Oma. An alles und vor allem an die zwölf Menschen, die hier am 19. Dezember 2016 aus dem Leben gerissen wurden. An die mehr als 50 Verletzten, die noch heute mit den Folgen zu kämpfen haben. An ein Stück Berliner Geschichte, das seit eineinhalb Jahren unauslöschlich mit dem Breitscheidplatz verbunden ist. Der Riss, ein Mahnmal für den Terroranschlag, bei dem Anis Amri mit einem LKW auf den Weihnachtsmarkt raste und dem Ort alle Lebensfreude raubte.

Und nun steht das kleine Mädchen da, schaut skeptisch und zieht seine Oma weiter. Es gibt noch viel zu entdecken. Denn an diesem Montag ist von der gedrückten Stimmung rund um die Gedächtniskirche wenig zu spüren. Die Leichtathletik-EM hat ihre Zelte aufgeschlagen, eine „Europäische Meile“ in die City West gebaut. Eine blaue Laufbahn schlängelt sich um den Platz, der Glockenturm ist eingehüllt in ein orangefarbenes Werbeplakat, das Speerwerfer Thomas Röhler und Sprinter Julian Reus zeigt. Sie machen Werbung für die EM im Olympiastadion und dafür, dem Breitscheidplatz, dem zerrissenen Ort, ein wenig Lebensfreude zurückzugeben.

Das ist an diesem Abend überall zu spüren. Mehr als 3000 Menschen sind in die kleine Arena geströmt, die hier eigens für die Europameisterschaft aufgebaut wurde. Haben schon eine Stunde lang auf den Einlass zur Qualifikation der Kugelstoßer gewartet. Das Interesse ist riesig, die Hitze stört niemanden. Und es stört auch niemanden, dass an einem Ort, der so viel Leid erfahren hat, eine Veranstaltung stattfindet, die Euphorie verbreitet.

Mehr als 3000 Zuschauer feiern die Kugelstoßer

„Die Menschen hätten sicher auch nicht gewollt, dass das Leben hier stillsteht. Man darf nicht vergessen, aber man muss auch wieder weitermachen“, sagte eine Zuschauerin aus Köln. Ihre Tochter wohnt in Berlin. Gemeinsam wollten sie das Mahnmal besuchen. Nun sitzen sie auch auf der kleinen Tribüne und feuern die Athleten frenetisch an – egal ob der Spanier mit dem Vollbart, der Weißrusse mit dem markigen Schrei oder Lokalmatador David Storl den Ring betreten.

Am oberen Ende der Tribüne steht Frank Kowalski. Und dem Chef-Organisator der EM gefällt, was er sieht. Er war es doch, der hier eine Meile für Europa erschaffen hat. Ein Projekt, mit dem man sich für die Austragung der EM in der Hauptstadt beworben hatte. Nur kurz flammte nach dem Anschlag der Gedanke auf, die Idee wieder fallen zu lassen. Gemeinsam mit der Stadt Berlin entschied man sich aber, den ursprünglichen Plan durchzuziehen. „Es ist gut, dass dieser Platz bei der EM ein friedlicher Ort sein wird. Ein Zeichen für Völkerverständigung und die europäische Einheit“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, der die EM am Abend offiziell eröffnete

Ein Zeichen setzen auch die vielen Besucher. Sie alle stemmen sich hier gegen die Tragödie. Wollen nicht zulassen, dass der Terror die Regie des Lebens übernimmt. Es ist der eine Satz, den man auf dem Breitscheidplatz aus allen Ecken hört. „Das Leben geht weiter!“ Der Satz ist abgegriffen, aber hier verkörpern ihn alle. Besucher, freiwillige Helfer, Sportler und Organisatoren.

Vergessen soll an diesem Ort niemand

Trotzdem bleibt ein kleines mulmiges Gefühl. Gerade, wenn man die acht Polizeiautos und den quergestellten Kleintransporter sieht. Sie versperren jene Straße, die der LKW auf seinem zerstörerischen Weg im Dezember 2016 nahm. „Es ist einerseits beklemmend, andererseits aber gut, dass so eine Veranstaltung gerade hier stattfindet“, sagt Helena. Sie ist mit ihrer Mutter extra für die EM aus Würzburg angereist.

Und sie hat recht. Die Organisatoren haben es geschafft, dass die vielen bewaffneten Polizisten weniger bedrohlich und die Betonblöcke rund um den Platz weniger massiv wirken. Sie präsentieren die Leichtathletik als Sport zum Anfassen, schüren eine Euphorie, die über allem flimmert wie die Berliner Sommerhitze und geben dem Breitscheidplatz ein neues, fröhliches Gesicht. Lassen die hässliche Fratze, die der Terroranschlag hinterlassen hat, weniger präsent erscheinen.

Vergessen nicht, nein. Vergessen soll an diesem Ort niemand. Dafür stehen der Riss, die Namen auf den Stufen, die Kerzen und die Blumen, die dort aufgestellt wurden. Dafür gibt es einen Raum der Stille in der Gedächtniskirche nebenan, einen ökumenischen Gottesdienst. Es ist eine Symbiose aus Euphorie und Respekt, aus einem Blick in die Zukunft und dem Wahren der Vergangenheit.

Mehr als ein reiner Stadionsport

Die feierliche Eröffnungszeremonie mit großem Feuerwerk, bei der die Mannschaftskapitäne aller 49 Teilnehmerländer – für das deutsche Team war 200-Meter-Sprinter Robert Hering dabei – begrüßt wurden, ein allabendliches Bühnenprogramm bis 24 Uhr, Mitmachstände des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, ein sportlicher Dreikampf aus Laufen, Springen, Werfen und 38 Siegerehrungen – das Programm auf dem Breitscheidplatz ist bunt und lebhaft. Auf der Rückseite der Tribüne hat sich sogar eine kleine Fanmeile gebildet. Die, die keinen Platz mehr in der Arena bekommen haben, haben sich hier versammelt, verfolgen den Wettkampf auf einer Leinwand und sind nicht weniger begeistert.

Die Organisatoren haben sich hier einiges einfallen lassen, um die Leute anzulocken. Sie darauf aufmerksam zu machen, dass die Leichtathletik mehr zu bieten hat als reinen Stadionsport. Auch ein Ehepaar aus der Nähe von Hamburg ist nur zufällig vorbeigekommen. „Es ist eine tolle Sache, hier zusammenzukommen“, sagen sie.

Von den Berlinern sind noch nicht viele auf der Meile anzutreffen. Scheuen sie den Ort, der den Terror in ihre Stadt brachte? Man weiß es nicht. Aber vielleicht lassen sie sich im Laufe der Woche anstecken, wenn sie sehen, wie sich Europa hier feiert. Denn das tun sie hier alle, wenn sie Storl und Musiker Michael Schulte zujubeln. Europa feiern, um dem Terror nicht die Chance zu geben, nachhaltigen Einfluss auf das Leben auf dem Breitscheidplatz zu haben. Nachhaltig soll nur der Eindruck sein, den die Leichtathletik hier hinterlässt. Eines ist sicher: Der Sport kann den Riss des Terrors und der Trauer nicht flicken, aber er schafft es für wenige Tage, dass er ein kleines bisschen weniger schmerzhaft erscheint.