Leichtathletik

Einmal noch fast der alte Harting sein

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Dietmar Wenck
Robert Harting und sein Arbeitsgerät: Zweimal schleuderte der Olympiasieger den Diskus in seiner Karriere weiter als 70 Meter

Robert Harting und sein Arbeitsgerät: Zweimal schleuderte der Olympiasieger den Diskus in seiner Karriere weiter als 70 Meter

Foto: Berlin Leichtathletik-EM 2018 Gm / obs

Rückkehr an den magischen Ort: Diskusstar Robert Harting hat den Traum vom großen Auftritt bei der EM im Olympiastadion nicht aufgegeben.

Berlin.  Ein gestandenes Mannsbild. Wer sich so jemanden vorstellen will, kommt leicht auf Robert Harting. 2,01 Meter großer Athlet, 120 Kilogramm schwer, Rauschebart, ein etwas roh wirkender Mensch, der Ur-Kraft ausstrahlt. Dazu ein rastloser Erfolgstyp, ein Diskuswerfer, der dreimal Deutschlands „Sportler des Jahres“ wurde. Das wird man nicht nur, weil man eine Scheibe an die 70 Meter weit oder zweimal in seinem Leben sogar darüber hinaus wirft.

Und dieser Berg von einem Mann kauft sich im Trainingslager ein bisschen Gips, um daraus mit seinen großen Händen eine kleine Medaille zu formen.

Warum? Das Kind im Mann? Oder glaubt der fast 34-Jährige tatsächlich, am 8. August bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin auf dem Podium zu landen? „Ich habe mich eigentlich gelöst davon, noch der Robert Harting zu sein“, antwortet er und dehnt das „der“ dabei, „trotzdem ist die Hoffnung da, dass mir was gelingt.“ Wie so oft in seinem Sportlerleben ist er hin- und hergerissen zwischen Sensibilität gegenüber sich selbst und Abteilung Attacke. Er hat sich die echten Plaketten angeschaut und dann in Pausen vor sich hingebastelt. Einen „positiven Motivationsprozess“ nennt Harting das.

Andere hätten aufgegeben. Harting nicht

Einige Zeit musste er solche Gedanken weit weg schieben. Vor der Saison hatte er zwar gesagt, er wolle bei der EM eine Medaille holen. Doch dann kam die niederschmetternde Diagnose von der angerissenen Quadrizepssehne im rechten Knie. Extreme Einschränkung der Bewegungsfähigkeit in einer Disziplin, die sich aus ein paar tausend kleinsten Einzelbewegungen zusammensetzt. Aus und vorbei, für normale Menschen. Auch Harting war verzweifelt.

Nur normal ist er nicht. Wäre er es, wäre er nicht dort, wo er ist. Er weigerte sich aufzugeben, selbst als zum Saisonstart vier Deutsche die EM-Norm von 64 Metern übertrafen, nur er nicht. Vor einer Woche bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg wurde er Dritter hinter seinem Bruder Christoph und Daniel Jasinski. Vier Tage darauf waren alle Zweifel beseitigt, nominierte der deutsche Verband diese Drei für Berlin. Zum Teil Anerkennung für Hartings große Erfolge. Vor allem verdienter Lohn für den großen Wettkämpfer.

WM 2009: Im Rausch der Ur-Kraft und der Emotionen

Es gibt sie also, die Rückkehr an den magischen Ort seines ersten Triumphes. Weltmeisterschaft 2009, letzter Versuch. Robert Harting ist wütend, weil er nicht vorn liegt im Olympiastadion seiner Heimatstadt. 30.000 Zuschauer brüllen, darunter seine heutige Ehefrau Julia, damals noch Teenager und Fan. „Ich habe mir kein Video öfter angeguckt als das vom sechsten Versuch“, sagt er, „wie ich den angesprungen habe, wie ich dagestanden habe, das war ehrlich gesagt alles so halboptimal von der Optik her.“ Aber der Diskus flog und flog. 69,43 Meter weit, weiter hat er nie in einem geschlossenen Stadion geworfen. „Das Gerät hatte die Geschwindigkeit, es hatte Druck, es hatte Risiko.“

Kurze Pause. „Es hatte alles, was ich damals hatte.“ Harting war entfesselt, im Rausch der Ur-Kraft und der Emotionen. Das ist weit weg, körperlich wie emotional. „Robert ist nicht mehr der Alte“, sagt sein Trainer Marko Badura, „aber er liebt es immer noch zu werfen, trotz aller Rückschläge.“ Der Körper lässt sich nicht mehr in die gute alte Form bringen. Stattdessen hofft Har­ting, „von dieser Energie wieder etwas mitnehmen zu können“.

Eine schöne Sache, etwas mit Stil zu beenden

Wozu? Er ist doch Olympiasieger geworden, dreimal Weltmeister, zweimal Europameister, zehn Mal deutscher Meister. Und bekommt beim Istaf am
2. September seinen großen Abschied zum Karriereende. Warum die Quälerei? So denkt Robert Harting nicht. Weil sein Ehrgeiz unkaputtbar ist. Und weil der Kreis seines Sportlerlebens sich so schön schließen wird.

„Stell dir vor“, sagt er, „du sitzt mit 80 Jahren auf der Couch und denkst nach, was du verpasst hast. Du denkst vielleicht, warum hast du mit 18 dieser Frau nicht deine Liebe gestanden?“ Und er? Würde er etwa denken: Warum habe ich mich damals nicht für diese EM qualifiziert? „Genau!“ Harting lacht, und einen Moment bleibt unklar: Ist er jetzt komplett irre oder einfach ehrlich? „Es ist eine schöne Sache, etwas mit Stil zu beenden“, erklärt er, „es ist mir wichtig, das im Nationaltrikot zu tun.“ Und er ist wild darauf, es in diesem Stadion zu tun. Obwohl die WM neun Jahre her ist – „ich weiß noch, wie sich der Ring unter den Füßen angefühlt hat“.

Leistungsanspruch bis zur letzten Minute

Ein, zwei sportliche Auftritte, dann war’s das. Im nächsten Jahr macht er seinen Master in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Angst vor dem Loch? „Klar, ich habe eine Identität gewonnen, die durch den Sport geprägt ist, und jetzt ist es auf einmal weg.“ Er hat das Produkt Leichtathletik weiterentwickelt, versucht, „es mit Idealen zu prägen, die ich für richtig halte. Letzten Endes liegt mir die Produktentwicklung. Ich finde Haltung cool, und so würde ich auch jedes weitere Produkt entwickeln, was mir vor die Füße kommt. Wenn es eine Uhr ist, dann ist es eben eine Uhr.“ So tickt der Mann.

Teamarbeit will er lernen, sich auf andere verlassen, das fällt ihm schwer. Er weiß, dass Neues auf ihn zukommt, ganz Neues, dass es neben der Welt des Leistungssports noch eine ganz andere Welt gibt. EM noch, das Istaf, dann reicht es. „Meine Karriere läuft noch nicht an mir vorbei. Ich werde bis zur letzten Minute den Leistungsanspruch haben“, sagt Harting zwar. Aber auch: „Ich freue mich auf den Moment, wo man morgens aufsteht und sich nicht fragt, wie soll ich das heute nur hinkriegen? Ich freue mich drauf, wenn das mal vorbei ist.“

Vielleicht wäre es anders, wenn er sich nicht durch seine zerschlissene Sehne so limitiert fühlen würde. „Du kannst dich nur bis zu einem gewissen Grad wehren, du fährst einfach nicht mehr mit dem vollen Arsenal hin. Ich muss das akzeptieren“, fordert Harting etwas von sich, das er eh nicht hinkriegt. Er wird kämpfen, Gedanken an ein Scheitern in der Qualifikation am 7. August „existieren nicht in meinem Kopf. Ich muss das irgendwie hinkriegen. Ich will das ja auch nicht herschenken.“

Er wünscht sich einen harten Wettkampf ohne Geschenke

Die 63,92 Meter von Nürnberg sollen nicht sein letztes sportliches Wort gewesen sein. „Ich habe noch Potenzial und ein bisschen Zeit bis zur EM. Wenn alles passt, müssten 66,50 Meter drin sein.“ Und wer weiß, was die anderen in seinem Olympiastadion zu Werke bringen? Alte Sportlerweisheit: Es kommt ja nicht darauf an, wer am weitesten wirft, sondern wer wann weit wirft. „Andere müssen einen schlechten, ich einen guten Tag haben, damit das Leistungsgefälle sich zu meinen Gunsten verändert“, weiß der alte Wettkämpfer. Er weiß auch, die ersten Plätze sind eigentlich unrealistisch. „Ehrlich gesagt, will ich einen harten, fairen Wettkampf ohne Geschenke, das habe ich verdient.“

Seine Gipsmedaille ist übrigens immer noch nicht ganz fertig. Har­ting hat sich Farbe dazu gekauft. Kupfer. Sieht aus wie Bronze.