Essen

Nie wieder für Deutschland

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Daniel Berg

Özil begründet seinen Rücktritt mit Rassismus und rechnet mit Sponsoren, Medien sowie besonders DFB-Präsident Reinhard Grindel ab

Essen. So unorthodox, wie Mesut Özil Spielzüge auf den Rasen bringen kann, so spektakulär war sein Rückzug aus dem deutschen Nationaltrikot, den der Weltmeister von 2014 am Sonntag inszenierte. Über mehr als sieben Stunden bereitete Özil die Situation vor, ehe er um 20.03 Uhr in seiner dritten Erklärung den finalen Pass spielte. „Ich werde nicht länger für Deutschland spielen, solange ich das Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit habe.“ Özil attackierte Reinhard Grindel, den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), scharf. Er erinnerte an die Aussage von Grindel 2004, damals als Mitglied des Bundestages: „Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel.“ Es handle sich „um eine Lebenslüge“, Grindel hatte sich damals gegen die Einführung einer doppelten Staatsbürgerschaft ausgesprochen. Özil wandte sich direkt an den DFB-Präsidenten: „An Dich, Reinhard Grindel, ich bin enttäuscht, aber nicht überrascht.“

So wie Özil ist noch nie ein Nationalspieler zurückgetreten. Drei englischsprachige Mitteilungen ließ der 29-Jährige auf seinen Social-Media-Plattformen verfassen: Teil 1 zum Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan wurde um 12.52 Uhr veröffentlicht. Teil 2, in dem Özil Medien und Sponsoren angriff, um 15.03 Uhr. Fünf Stunden später folgte Teil 3.

Özil war da dem irdischen Geschehen längst enthoben. Er befand sich auf einem Interkontinental-Flug mit dem FC Arsenal von London nach Singapur – eine Marketing-Reise. Weit, weit weg.

An diesem Sonntag eskalierte, was am 13. Mai mit einem Treffen samt Fotos zwischen Özil und Erdogan in einem Londoner Kulturzentrum begonnen hatte. Die Schäden, die sich seither durch ungeschicktes und unkluges Verhalten aller Beteiligten ergeben haben, gehen weit hinaus über das historische WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Russland und nun den Rücktritt des 92-maligen Nationalspielers Özil. Die Folgen für die deutsche Gesellschaft, für die Integration von Migranten werden aber wohl noch lange nachwirken.

Özils Argumentation, die er vorbringt, hat an vielen Stellen vieles für sich. Sie ist moralisch, sie ist konkret. Aber sie krankt an einem entscheidenden Punkt: Die Moral, die Özil hier in Deutschland einfordert, von der nimmt er Erdogan komplett aus. Erdogan ist der blinde Fleck seiner Argumentation.

Kein Wort der Kritik dazu, dass Özil sich mit einem Staatslenker fotografieren lässt, der seinen Machtbereich in der Türkei ausbaut und missbraucht. Kein Wort dazu, dass dort Kritiker in Gefängnisse gesteckt werden. Kein Wort dazu, dass die Freiheit in der Türkei schwer leidet. Da hält sich Özil in seiner Erklärung raus: „Ich bin Fußballprofi, kein ­Politiker.“ Seine Mutter habe ihn ­gelehrt, ­seine türkischen Wurzeln zu ehren, seine Herkunft nicht zu vergessen. „Ich ­habe zwei Herzen, ein ­deutsches und ein türkisches.“

Deshalb habe er sich in London mit dem Präsidenten Erdogan getroffen, dem höchsten Repräsentanten der Türkei. Im Übrigen: Man habe gar nicht über Politik geredet, sondern nur über Fußball. Özil entgegnet all jenen, die finden, dass er mit dem Foto einen Fehler gemacht habe: „Was auch immer das Ergebnis der letzten Wahlen gewesen ­wäre oder der Wahlen davor: Ich hätte das Bild trotzdem gemacht.“

Özil bereut das Foto nicht. Er versucht, das Foto zu erklären. Über die politischen Verhältnisse in der Türkei deckt Özil aber den Mantel des Schweigens. Wird dafür sehr direkt zu dem, was er in Deutschland erlebt. Özil sieht sich einer Kampagne ausgesetzt. „Diverse deutsche Zeitungen“, schrieb er, „nutzen meinen Hintergrund und das Foto mit Präsident Erdogan als rechte Propaganda. (...) Warum sonst nutzen sie Bilder und Überschriften mit meinem Namen als direkte Erklärung für die Niederlagen in Russland?“ Bestimmte Medien kritisierten „nicht meine Leistung, sie kritisieren nicht die Leistung des Teams, sie kritisieren nur meine türkische Abstammung und meinen Respekt davor.“

Özil hat sehr wohl registriert, dass Grindel (im „Kicker“) und zuvor auch Oliver Bierhoff, Manager der Nationalmannschaft, in der „Welt“ den Spielmacher als potenziellen Sündenbock für die missratene WM darstellen wollten.

Das findet Özil nicht korrekt, wie er im zweiten Teil seiner Erklärung ausführt. Schließlich durfte sich Lothar Matthäus, Rekordnationalspieler und Ehrenspielführer beim DFB, während des Turniers mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin treffen. Ebenfalls ein höchst umstrittener Machthaber. Empörung gab es jedoch keine. Warum aber bei Özil? „Macht meine türkische Abstammung mich zu einem wertvolleren Ziel“, fragt er.

Nach dem Erdogan-Treffen seien Sponsoren abgerückt. Er hatte mit einer ehemaligen Schule in Gelsenkirchen ein Wohltätigkeitsprojekt zugunsten vernachlässigter Kinder mit Migrationshintergrund verabredet. Kurzfristig wären Partner ausgestiegen, die Schule habe ihm mitgeteilt, dass sie ihn nach diesem Foto nicht sehen wollten. „Um ehrlich zu sein, schmerzt das. Obwohl ich einer ihrer Schüler war, habe ich mich unerwünscht gefühlt“, schrieb Özil. Dann griff der Profi einen DFB-Partner an. Özil nennt Mercedes nicht beim Namen, konkretisiert aber so, dass keine Zweifel bleiben. Er sei aus einer fertig produzierten Kampagne wieder herausgenommen worden, weil das Unternehmen nicht mehr mit ihm in Verbindung ­gebracht werden wollte.

„Ironisch“ nennt Özil das. Handele es sich doch um jene Firma, die „unautorisierte Software“ gebrauche, „die das Risiko für den Kunden erhöhe. (...) Während ich kritisiert und vom DFB aufgefordert wurde, meine Handlungen zu erklären, gab es keine solche offizielle und öffentliche Aufforderung an den DFB-Sponsor.“

Özil sagte, als er Grindel seine Lage schildern wollte, sei der DFB-Präsident „viel mehr daran interessiert gewesen, seine Sicht zu erklären.“ Während Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier ernsthaft interessiert gewesen sei, wäre es Grindel vor allem darum gegangen, der Erste bei der Kommunikation zu sein. „Für Grindel und seine Unterstützer bin ich ein Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren.“ Özil, der nichts Schlechtes über Präsident Erdogan sagen mag, formuliert über den DFB-Präsidenten: „Ich werde nicht länger der Sündenbock für Grindels Inkompetenz und Unfähigkeit sein.“ Özil, ein Gelsenkirchener Junge, schreibt: „Ich bin in Deutschland ­geboren und erzogen worden. Warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?“