Leichathletik

Berlin wird zur hohen Hürde

Julia Harting verpasst im Diskus die Qualifikation für die Europameisterschaften, Speerwerfer Andreas Hofmann bezwingt den Weltmeister.

Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz (r.) sichert sich ihren zweiten Meistertitel in Folge

Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz (r.) sichert sich ihren zweiten Meistertitel in Folge

Foto: Sven Hoppe / dpa

Nürnberg.  Das fehlte gerade noch. Am Sonnabend kurz vor Mitternacht erreichte Idriss Gonschinska die Nachricht, Christina Schwanitz habe einen Autounfall gehabt. „Ein Schock“, gab der Leitende Direktor Sport des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) zu. Die Kugelstoßerin ist nicht nur eine der beliebtesten deutschen Sportlerinnen, sondern auch eine der größten Gold-Hoffnungen für die Europameisterschaften vom 7. bis 12. August in Berlin. So herrschte riesige Erleichterung, als die 32-Jährige am nächsten Morgen Entwarnung gab: „Nur ein paar Prellungen und Schleudertrauma. Ich hatte viele Schutzengel.“

Verband schickt 130 Athleten zum Saison-Höhepunkt

Es passte irgendwie zu diesen deutschen Meisterschaften, die der letzte Zwischenschritt sein sollen zu den kontinentalen Wettkämpfen in zwei Wochen. In Nürnberg wurde ungewöhnlich viel Drama geboten. Der Diskus-Krimi um den 33-jährigen Robert Harting etwa, der im entscheidenden Wettkampf noch einmal die jüngere Konkurrenz in Schach hielt (siehe Text unten). Sieger war sein Bruder Christoph mit sehr starken 66,98 Metern. Am Sonntag sank die Stimmung in der Familie dagegen wieder, denn Roberts Ehefrau Julia wird in ihrer Heimatstadt nicht dabei sein, sie verpasste die EM als Fünfte im Diskus-Wettbewerb der Frauen klar. Oder die Disqualifikation von Hürden-Europameisterin Cindy Roleder im Vorlauf: Pamela Dutkiewicz nutzte den Freiraum zu ihrem zweiten Titelgewinn in Folge in der europäischen Topzeit von 12,69 Sekunden.

Während die neue Stabhochsprung-Meisterin Jacqueline Ovtchere (4,45 Meter) bei ihrem letzten Versuch so unglücklich landete, dass sie aus der Arena geführt werden musste, kehrte Speerwurf-Weltmeister Johannes Vetter nach seiner Oberschenkelverletzung zurück. Von seiner WM-Form ist er nach seinen Oberschenkelproblemen noch eine Kleinigkeit entfernt, wurde Dritter mit starken 87,83 Metern. „Ein super Comeback“, lobte Gonschinska. Dabei hatte Vetter fünf Wochen unter Schmerzen trainiert, erst seit zwei Wochen geht es besser. Jetzt ist er wieder optimistisch und peilt eine Medaille an. Außerdem gibt es ja auch mit Olympiasieger Thomas Röhler und Andreas Hofmann zwei weitere 90-Meter-Werfer. Hofmann wurde mit 89,55 Metern erstmals Meister vor Röhler (88,09) und ist jetzt auch in Berlin Favorit.

Größtes deutsches EM-Aufgebot der Geschichte

Dort werden rund 1600 Athleten am Start sein. Gonschinska hat angekündigt, dass bis zu 130 davon Deutsche sein werden. Es wird das größte DLV-Aufgebot bei einer EM aller Zeiten. „Wir wollen möglichst vielen die Gelegenheit geben, sich vor dem eigenen Publikum zu präsentieren“, sagt DLV-Präsident Jürgen Kessing, „und dann möglichst Topleistungen zu bringen, viele Finalplatzierungen, möglichst viele Medaillen.“ Mit einer großen, aber auch leistungsstarken Mannschaft wolle man antreten, ergänzte Gonschinska. Eine Medaillenprognose verweigert er aber. Vor zwei Jahren in Amsterdam waren es 16, davon fünf goldene. „Das wünscht man sich, aber das kann man im Sport nicht verordnen. Wir haben jedenfalls einige sehr hoffnungsvolle junge Typen, die in ihrer Entwicklung noch am Anfang stehen“, sagte Kessing.

Der Dreispringer Max Heß, in Amsterdam noch Europameister, macht nicht den Eindruck, als könne er erneut zu Medaillengewinnen beitragen. Er gab am Sonntag wegen einer Verletzung nach vier Versuchen auf – als Fünfter, mit der für ihn schwachen Weite von 15,72 Metern, eineinhalb Meter unter seiner Bestweite. Einer der jungen neuen Typen könnte dagegen Kevin Kranz werden. Die Siegeszeit von 10,25 Sekunden über 100 Meter war bei den schlechten äußeren Bedingungen gut, vor allem, weil er sie in einem Finale zeigte. „Er ist eine der Überraschungen, die wir uns wünschen bei einer DM“, lobte Gonschinska. Und die schnellste Sprinterin Gina Lückenkemper ist ohnehin schon eines der Gesichter des DLV.

Klosterhalfen holt über 1500 Meter den Titel

Nach einer bisher komplizierten Saison lief Gesa Krause ihr einsames Rennen von der ersten Runde an nur gegen die Uhr, siegte unangefochten in 9:34,60 Minuten. „Ich bin sehr glücklich über den Meistertitel, aber die Zeit ist noch nicht zufriedenstellend“, sagte sie trotz Saisonbestleistung. Vergangenes Jahr ist sie fast 23 Sekunden schneller gelaufen. „Ich träume davon, in Berlin meinen Titel zu verteidigen, da habe ich noch viel Arbeit vor mir.“ Das gilt ebenso für die monatelang verletzte Konstanze Klosterhalfen, die sich bei ihrem Comeback über 1500 Meter in 4:06,34 Minuten den Titel knapp vor Diana Sujew erkämpfte. Es geht aber auch bei ihr wieder sichtbar aufwärts.

Die größte Gold-Anwärterin aus deutscher Sicht ist allerdings neben den Speerwerfern immer noch Christina Schwanitz. Sie soll an diesem Montag noch einmal ganz genau medizinisch untersucht werden. Das hat ihr der DLV verordnet. Weitere Dramen kämen so kurz vor der Europameisterschaft zur Unzeit.

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