Leichtathletik

Sprinter vollziehen Generationswechsel im Eiltempo

Aufstrebende Talente wie die Berlinerin Lisa Marie Kwayie toppen bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg die Etablierten

Foto: Daniel Karmann / dpa

Nürnberg.  Die kommen sicher noch, dachte Kevin Kranz. Im 100-Meter-Finale der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Nürnberg lag der 20-Jährige aus Wetzlar in Front, doch genau wie die meisten Zuschauer im Frankenstadion erwartete er, dass die etablierte Konkurrenz schon noch vorbeiziehen würde. Allen voran Julian Reus, der deutsche Rekordhalter und Champion der vergangenen fünf Jahre. Aber da kam niemand mehr. Kranz blieb der Schnellste und sicherte sich in 10,28 Sekunden seinen ersten Titel bei den Erwachsenen.

Seit 2001, als Tim Goebel als 19-Jähriger siegte, war auf der schnellsten Strecke der Leichtathletik kein so junger Athlet mehr deutscher Meister geworden. Der Generationenwechsel ist damit auch im Männersprint eingeleitet. In den Vorjahren hatten immer die gleichen Athleten den Titel unter sich ausgemacht: Julian Reus und der Berliner Lucas Jakubczyk (SCC) dominierten das Geschehen, mussten sich nun aber mit Platz zwei und drei begnügen.

Youngster Kevin Kranz rennt der Konkurrenz davon

So ganz konnte es Kranz selbst nicht begreifen. „Ich war eigentlich nur mit dem Ziel hierhergekommen, Dritter zu werden“, sagt er. Jetzt stattdessen sogar Meister zu sein, fühle sich „komisch“ an. Erst vor drei Wochen war er als Juniorenmeister mit EM-Norm ins Rampenlicht gelaufen – da war er mit 10,24 Sekunden sogar noch ein wenig schneller gewesen. Vor ein paar Jahren stand seine Karriere indes vor dem Aus, monatelang plagte er sich mit Verletzungen herum. Lediglich vier Sprinteinheiten absolviert er pro Woche, dazu ein wenig Stabilisation. Andere trainieren bedeutend mehr.

Dafür kann sich Kranz auf den Punkt fokussieren. „Vom Kopf her ist er ein Tier“, sagt Trainer David Corell. Auch Idriss Gonschinska, Leitender Direktor Sport beim Deutschen Leichtathletik-Verband, war begeistert: „Das war fantastisch. Er ist locker gelaufen und mit den schwierigen Bedingungen auf der nassen Bahn am besten klargekommen. Solche Überraschungen wünschen wir uns für die Deutsche Meisterschaft.“

Kranz stehe ähnlich wie die vielen jungen Sprinterinnen für eine neue Generation, sagte Gonschinska. Denn auch die 100-Meter-Siegerin bei den Frauen, die Leverkusenerin Gina Lückenkemper, ist gerade einmal 21 Jahre alt. Sie gewann mit 11,15 Sekunden vor der Berlinerin Lisa Marie Kwayie (21/Neuköllner Sportfreunde). Mit Jennifer Montag (Leverkusen), Sina Mayer (Zweibrücken) und Keshia Kwadwo (Wattenscheid), der Jugendeuropameisterin von 2016, stehen weitere talentierte Sprinterinnen bereit. Hinzu kommt noch Lisa Mayer (Wetzlar), die momentan jedoch verletzt ist.

Jetzt will die 21-Jährige im Olympiastadion angreifen

„Wir sind zurzeit ein extrem junges Staffelteam“, sagt Lückenkemper, die im Vorjahr in 10,95 Sekunden als erste Deutsche seit 1991 wieder unter elf Sekunden gelaufen war. Eine Leistung, die Erwartungen geschürt hat. In Nürnberg war sie allerdings mit ihrer ersten Rennhälfte nicht ganz zufrieden: „Man kann von so jungen Läuferinnen nicht erwarten, dass sie immer Bestzeit laufen. Wir sind Menschen und keine Maschinen. Ich stehe immer noch ganz am Anfang meiner Karriere.“

Gleiches gilt für die Berlinerin Kwayie, die mit 11,33 Sekunden erneut die EM-Norm bestätigte und sich damit neben dem Staffelplatz wohl auch den Start im Einzel gesichert hat. „Hätte mir das jemand vor einem Jahr gesagt, hätte ich ihn ausgelacht“, meint sie. Immer wieder war sie verletzt, doch ausgerechnet im EM-Jahr läuft es. Ein wenig trauert sie sogar dem verpassten Titel hinterher: „Ich rede mich jetzt nicht mehr klein“, sagt sie. „In den nächsten Jahren kann ich es den anderen noch richtig schwer machen.“