Nürnberg

Mit dem Mut einer Zwillingsmutter

Ein Jahr nach Geburt ihrer Kinder ist Kugelstoßerin Christina Schwanitz in Topform

Nürnberg.  Der jungen Mutter müssen die Ohren geklungen haben. „Überragend“, schwärmte Idriss Gonschinska, der Leitende Direktor Sport im Deutschen Leichtathletik-Verband. „Man darf nicht vergessen, dass sie erst seit Jahresbeginn wieder trainiert“, ergänzte ihr Trainer Sven Lang. Mittendrin im ganzen Jubel und Trubel um ihre Leistung stand Christina Schwanitz. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Und immer wieder sagte sie: „Ich bin sehr stolz.“

Vor gut einem Jahr hat die Kugelstoß-Weltmeisterin von 2015 ein Zwillingspärchen zur Welt gebracht. Nun wuchtete sie das vier Kilo schwere Gerät bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg im fünften Versuch auf die Weltklasseweite von 20,06 Meter und gewann ihren sechsten nationalen Titel. Angefeuert von 4000 Zuschauern auf dem Hauptmarkt in der Innenstadt. „Das war ein wunderschöner Wettkampf“, freute sich die 32-Jährige, „und für mich ein ganz besonderer Sieg, weil ich jetzt seit über einem Jahr die zwei Krümel zu Hause habe. Die halten uns ganz schön auf Trab.“

Was offenbar ihrer Leistungsfähigkeit keinen Abbruch tut. Manchmal scheint es fast, je stressiger umso besser. Am Mittwoch früh war sie hundemüde zum Diamond-League-Meeting nach Monaco gereist, nach einer nicht ganz unkomplizierten Nacht mit den Zwillingen. Im Fürstentum hatte sie am Donnerstagabend mit 19,51 Metern Platz drei belegt, es siegte Weltmeisterin Lijiao Gong aus China, die Weltjahresbeste, mit 20,31 Metern. Freitag in Nürnberg angekommen, stieß sie dann auf Rang zwei der Weltjahresbestenliste vor. „Ich habe nicht daran geglaubt, dass ich jetzt über 20 Meter komme, vielleicht davon geträumt“, sagte Schwanitz, die als Topfavoritin zur EM vom 7. bis 12. August in Berlin reist. Was sie noch nicht so sehen will: „Wir halten mal den Ball flach. Wenn es dann klappt, ist es um so schöner.“ 2014 in Zürich und 2016 in Amsterdam holte sie EM-Gold – den Hattrick hat noch keine Kugelstoßerin geschafft.

Schwanitz ist nun die Parade-Mutti, die es schafft, Familie, den Beruf als Bundespolizistin und Leistungssport unter einen Hut zu bringen. Aber so sehr sie das freut, weist sie doch stets darauf hin, wie schwierig das sei. Selbst für sie, „dabei bin ich privilegiert, habe meinen Mann, der oft zu Hause arbeiten kann, gute Freunde, die immer helfen, einen Kindergarten, der flexibel reagiert und eine Trainingsgruppe, die auch auf meine Wünsche eingeht, meinen Arbeitgeber, die Sporthilfe“. Aber was sei mit der ganz normalen Mutter, die bis 17 Uhr im Büro sitzt und nicht diese Vorzugsbehandlung erfährt? „Darüber muss man sich in Deutschland mehr Gedanken machen, wenn man will, dass die Frauen auch arbeiten.“

Schwanitz ist mit solchen Statements noch offensiver geworden, auch zielstrebiger im Leben, wie ihr Trainer Sven Lang beobachtet. „Sie ist viel reifer. Und wenn sie die Halle betritt, ist sie nicht mehr Mutter, sondern Sportlerin.“ Manchmal stößt allerdings sogar sie an Grenzen. „Wenn ich abends um zehn vom Krafttraining nach Hause komme und weiß, ich habe noch Schreibkram zu erledigen, etwas im Haushalt zu tun, dann frage ich mich: Warum tue ich mir das an?“ Doch diese Frage beantwortet sie sich gleich selbst: „Dann gehe ich ins Kinderzimmer, schaue, ob alles in Ordnung ist und denke: Dafür machst du das.“​