Hockenheim

Die glorreichen Sieben

Halbzeit in der Formel 1: Die Morgenpost nennt die wichtigsten Faktoren, die das Titelrennen entscheiden

Hockenheim.  Hockenheim, das ist Halbzeit einer Saison, in der sich die die Machtverhältnisse der Formel 1 zwar noch nicht endgültig verschoben, aber zumindest angeglichen haben. Den Ausschlag im knappen Duell zwischen dem britischen Titelverteidiger Lewis Hamilton (33) im Mercedes und seinem hessischen Ferrari-Gegenspieler Sebastian Vettel (31) wird vor allem der Ausgang des auf Hochtouren laufenden Entwicklungsrennen geben. Ein Wettrüsten für den jeweils fünften Fahrer-Titel. Der vorerst vielleicht letzte Große Preis von Deutschland (Sonntag, 15.10 Uhr, RTL) soll für die Silberpfeil-Fraktion das überall groß beworbene Hocken-Heimspiel werden. Die italienischen Herausforderer registrieren den vermeintlichen Vorteil sogar mit Genugtuung. Denn häufig, wenn die Sternfahrer vom Papier favorisiert waren, entpuppte sich Ferrari auf dem Asphalt als die stärkere Kraft. Auf sieben Faktoren kommt es in dem noch längst nicht entschiedenen Kampf Rot gegen Silber besonders an.

Faktor Fahrer: Sebastian Vettel hat acht Zähler Vorsprung in der Fahrerwertung, führt nach Siegen mit 4:3 gegen Hamilton. Der Heppenheimer hält seine Emotionen in dieser Saison stärker im Zaum, fährt taktischere Rennen, wirkt insgesamt überlegter. Hamilton sucht wie gehabt sein Heil im bedingungslosen Angriff, verbucht so auch einen zweiten Platz beim Heim-Grand-Prix als Erfolg, weil er von ganz hinten noch so weit nach vorn kam. Nachdem Hamilton seinen Vertrag um zwei weitere Jahre verlängert hat, bleibt das prägende Duell des Jahrzehnts noch ein Weilchen erhalten.

Faktor Team: Ferrari steht immer noch unter dem großen Druck, endlich den ersten Titel seit 2007 einzufahren. Das setzt aber erstaunlicherweise neue Kräfte frei, zudem schweißt es zusammen. Selbst die Rivalität zwischen Teamchef Maurizio Arrivabene und dem Schweizer Technikchef Mattia Binotto wird dem großen Ziel untergeordnet. Die „Scuderia“ gibt sich in sich gekehrt. Fiat-Chef Sergio Marchionne, der ehrgeizige Antreiber des Rennstalls, ist schwer erkrankt und wird seinen Manager-Posten aufgeben, damit ruhen zunächst auch zukunftsweisende Entscheidungen für das Rennteam.

Mercedes verwaltet die Titelvergabe seit vier Jahren unter sich, muss sich neu ausrichten im Kampf gegen das erstarkte Ferrari-Team. Intern findet ein großer Generationswechsel bei den Ingenieuren statt. Statt neuem Schwung ist aber größere Anspannung spürbar.

Faktor Motor: Mit der neuesten Ausbaustufe des Antriebsstrangs ist Maranello am Mercedes-Turbo vorbeigezogen, der als Benchmark der Hybrid-Ära galt. An die 1000 PS erreicht das Triebwerk, deshalb muss sich Ferrari auch nicht mehr auf Strecken mit langen Geraden fürchten. Der große technische Sprung ist auch an den gesteigerten Leistungen des Leasingkunden Sauber abzulesen. Mercedes musste mit dem ersten Update nachlegen, ohne großen Erfolg. Entscheidend: Wer wann seine zweite Leistungsstufe zündet. „Geheimwaffen, die drei oder vier Zehntel bringen, gibt es nicht mehr“, sagt Mercedes-Teamchef Christian Wolff. Ferraris Leistungsplus kommt auch durch die stärkere Mobilisierung der elektrischen Leistung.

Faktor Aerodynamik: Jener Bereich, in dem Ferrari als Nummer drei hinter Red Bull und Mercedes galt. Auch hier haben sich die Italiener emanzipiert. Und haben Nachteile durch bedingungslosen Fleiß wettgemacht, bei jedem Rennen wird das rote Rennauto en detail optimiert. In Silverstone wurde der SF71H beispielsweise mit einem komplett neuen Unterboden und einer veränderten Motorenabdeckung ausgestattet, prompt gelang der Sieg auf Mercedes-Territorium. An direkten Erfolgen lässt sich die Qualität der technischen Maßschneiderei am besten belegen, was für eine hervorragende Arbeit im Windkanal spricht. Für Hockenheim wurde eine neue Auspufflösung erdacht.

Faktor Reifen: Das Maß der Dinge, aber nach neuen Gesetzmäßigkeiten. „In dieser Saison gibt es einen ständigen Lernprozess, was die Reifen angeht – und dieser Faktor beeinflusst die Leistung am meisten“, weiß Wolff. Ferrari scheint bislang je nach Temperatur und Asphalt die passenderen Abstimmungen zu finden, mit dem Reifenschongang ergeben sich automatisch größere taktische Varianten.

Faktor Zuverlässigkeit: Mercedes hat bei seinen jüngsten Aufholmaßnahmen zugelegt, das ging aber erstmals innerhalb von vier Jahren auf Kosten der Zuverlässigkeit, in Spielberg gab es einen – höchst seltenen – technischen Doppelausfall. Ferrari, im den Vorjahren häufig durch Pech und Pannen um die Titelchance gebracht, operiert bislang mit einer höheren Standfestigkeit. Den Ausschlag im Duell gibt auch die Konstanz der Fahrer, auffällig ist dabei die Startschwäche der Mercedes-Piloten.

Faktor Taktik: Mercedes-Stratege James Vowles hat seine vermeintliche Unfehlbarkeit eingebüßt, mehrfach unterliefen ihm und seinem Team entscheidende Fehler. Auch das spricht dafür, dass Ferrari den Druck erhöht hat, mit einem sehr aggressiven strategischen Ansatz. Nichts anderes ist für den Großen Preis von Deutschland zu erwarten. Es geht schließlich um die nächste große Etappe auf dem Weg zum Titel: Die Halbzeit-Meisterschaft.