Chicago

Götzes Neustart

Der Dortmunder hat den Frust über die verpasste WM verdaut und trifft in Chicago gegen Manchester City

Chicago. Mario Götze wirkte selbst ein wenig überrascht, als er zum letzten Mal vor eine Fernseh-Kamera gebeten wurde. Borussia Dortmund hatte seine erste Partie im Rahmen des Testspiel-Turniers International Champions Cup gegen Manchester City mit 1:0 gewonnen, und weil die Organisatoren ihrer Veranstaltung möglichst viel Grandezza geben wollen, küren sie nach jeder Partie einen Spieler des Spiels. Und der hieß in diesem Fall Mario Götze.

Die entscheidende Szene dafür spielte sich im Soldier-Field-Stadion in der 28. Minute ab: Nachdem Christian Pulisic im Strafraum zu Fall gebracht worden war, schnappte sich Götze den Ball und schoss den fälligen Elfmeter wuchtig ins Tor – der einzige und damit entscheidende Treffer des Tages durch den Mann, der Dortmund als ­Kapitän aufs Feld geführt hatte.

Dass der Mittelfeldspieler dennoch keinen überglücklichen Eindruck machte, als er das Stadion verließ, dürfte zwei Gründe gehabt haben: Erstens war er abgesehen von seinem Treffer eher unauffällig geblieben gegen eine C-Elf des englischen Meisters. Pulisic, Jadon Sancho oder der für Götze ein­gewechselte Sergio Gomez etwa ­sorgten für deutlich mehr Wirbel. Außerdem wird Götze in Zukunft wohl ohne seinen besten Kumpel im Team auskommen müssen: André Schürrle war freigestellt für Vertragsgespräche mit einem anderen Klub, er ist bereits nach Deutschland zurückgekehrt. „Wir haben mit ihm offen die Situation besprochen“, erklärte Sportdirektor Michael Zorc. „Wir haben auf seinen Positionen sehr viele Optionen und die Planungen gehen in eine andere Richtung.“ Schürrle (27), 2016 als Dortmunder Rekordeinkauf für 30 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg gekommen, steht also vor dem Abschied.

Seine Meinung zu all dem behielt Götze für sich. Er hatte ja tags zuvor schon gesprochen über sich und seine Situation: „Ich fühle mich sehr gut“, hatte er gesagt. „Ich hatte endlich mal eine längere Pause, die ich intensiv genutzt habe, um abzuschalten und mich auf diese Saison vorzubereiten.“

Das allerdings war maximal die halbe Wahrheit. Wären Götzes Pläne für den Sommer aufgegangen, wäre er jetzt nicht mit dem BVB auf achttägiger Marketingreise, sondern im Urlaub, um sich von der Titelverteidigung bei der WM in Russland erholen. Für den 18. Juli war die kirchliche Trauung mit seiner Frau Ann-Kathrin angesetzt. Stattdessen bestieg der BVB-Profi an diesem Tag mit seinen Mitspielern in Düsseldorf ein Charterflugzeug in Richtung Chicago. Denn Bundestrainer Joachim Löw hatte Götze, der 2014 in Rio das entscheidende Tor zum Titelgewinn gegen Argentinien geschossen hatte, nicht einmal für den vorläufigen Kader nominiert.

Der 26-Jährige sei aus allen Wolken gefallen, berichten Menschen, die ihn näher kennen. Bis zuletzt hatte er gehofft, dass er die Chance bekäme, sich im Trainingslager zu beweisen – trotz zwei schwieriger Spielzeiten in Dortmund, in denen er wegen vieler Verletzungen und gesundheitlicher Probleme zu selten sein großes Potenzial abrufen konnte. „Jeder, der schon mal für die Nationalmannschaft ­gespielt hat, möchte bei einer WM ­dabei sein“, sagt Götze nun. „Das ist ein besonderer Wettbewerb.“

Es folgten das WM-Aus und ein langes Schweigen – dass Götze in Chicago gebrochen hat. Er bemüht sich, den Blick nach vorne zu richten: „Ich bin ein Typ, der versucht, das Beste aus jeder Situation zu machen und so habe ich es dann auch gesehen“, erklärt er. „Ich hatte dadurch eine längere Pause und kann mich jetzt gut vorbereiten.“

Tiefere Einblicke in sein Seelenleben erlaubt er nicht. Götze agiert öffentlich schon länger zurückhaltend, will sich schützen. Vor oft unfairen Kritikern einerseits, die ihn als übergewichtig und trainingsfaul beschimpften, als er in Wahrheit verbissen ackerte, während eine Krankheit seinem Körper zusetzte. Und andererseits vor den überbordenden Erwartungen, die er schon als hochtalentierter Teenager weckte und mit seinem WM-Finaltor in Brasilien in kaum noch zu bewältigende Höhen trieb.

„Spätestens jetzt, da er nicht für die WM nominiert wurde, sollte damit endlich mal Schluss sein“, hofft ­Sportdirektor Michael Zorc auf etwas Normalität. „Er soll Fußball spielen, das tun, was er am besten kann. Und dann sehen wir mal, was dabei ­herauskommt.“

Ganz so einfach wird es nicht gehen: Nach zwei für seine Verhältnisse mäßigen Spielzeiten gilt es für Götze, die Karriere wieder in die richtige Richtung zu drehen. Dafür will sich Götze beim neuen BVB-Trainer Lucien Favre empfehlen. Er will ein entscheidender Faktor im Dortmunder Spiel sein – und das nicht nur in Testspielen.