Berliner Champions

Marie Grüneberg - die Prinzessin von Bel-Air

Als eine der weltbesten Wakeboarderinnen greift die Berlinerin Marie Grüneberg bei der WM in Italien im August nach einer Medaille.

Tolle Flugshow von Wakeboarderin Marie Elenie Grüneberg

Tolle Flugshow von Wakeboarderin Marie Elenie Grüneberg

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Irgendwie hatte Marie Grüneberg das mit „Findet Nemo“ wohl falsch verstanden. Eigentlich sollte der Animationsfilm seine kleinen Zuschauer ja für die bunte Unterwasserwelt begeistern, doch bei ihr hatte der Besuch im Kino genau die gegenteilige Wirkung. Seit sie den Film als kleines Kind gesehen hatte, traute sie sich kaum noch ins Wasser, weil sie Angst hatte, dass dort ein Fisch herumschwimmen könnte, der sie beißt.

Grüneberg hatte deshalb auch zunächst gezögert, als sie ihr Vater im Alter von neun Jahren erstmals zum Wakeboarden mitnahm. Bei diesem Sport stehen die Fahrer auf einem Brett und werden an einem Seil von einem Boot oder Lift über das Wasser gezogen, wobei sie spektakuläre Tricks vollführen. Ihr Vater betrieb die Sportart damals hobbymäßig und konnte seine Tochter irgendwann doch überzeugen, es trotz der Fische ebenfalls einmal auszuprobieren.

Ein Jahr später absolvierte sie auf der Anlage in Großbeeren ihren ersten Wettkampf, bei dem sie beinahe das einzige Mädchen war und auf Anhieb in zwei Kategorien gewann. Als ihre Eltern sie vor die Wahl stellten, ob sie weiter Wakeboarden wollte oder doch tanzen, was sie anfangs noch parallel betrieben hatte, entschied sich die Lankwitzerin für den Wassersport.

„Als würde man fliegen“

Anders als beim Wasserskifahren stehen die Fahrer auf dem Wakeboard seitlich zur Fahrtrichtung. Sie lenken auch nicht durch Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere, sondern indem sie ihre Füße vor und zurück bewegen – ähnlich wie beim Snowboardfahren. Tatsächlich sei es so, dass jemand, der bereits Snowboard oder Skateboard fahren kann, auch schneller mit dem Wakeboard klarkommt, sagt Marie Grüneberg.

Ein weiterer Unterschied zum Wasserski liegt darin, dass dort keine Rampen oder ähnliche Hilfsmittel genutzt werden. Beim Wakeboard sind diese dagegen ein fester Bestandteil, um darüber zu springen oder andere Tricks vorzuführen. Es kann aber auch direkt aus dem Wasser gesprungen werden: Dafür baut der Fahrer gezielt Druck auf und nutzt den Zug der Anlage, um sich mehrere Meter hoch in die Luft zu katapultieren.

„Das fühlt sich jedes Mal an, als würde man fliegen“, sagt Grüneberg. Zu ihren Lieblingssprüngen zählen der sogenannte Bel-Air, ein Rückwärtssalto, und der S-Bend, bei dem sie sich einmal um die eigene Achse dreht. Mit solchen Tricks hat es die 16-Jährige zu einer der weltbesten Wakeboarderinnen gebracht. 2016 wurde sie bei den Weltmeisterschaften Dritte in ihrer Altersklasse; bei der EM holte sie 2016 (Girls) und 2017 (Junior Ladies) ebenfalls jeweils Bronze.

In Deutschland weltweit die meisten Wasserskilifts

Auch bei der WM im August in Italien hofft sie wieder auf eine Medaille. Die Favoriten kommen zwar aus dem Gastgeberland sowie aus Russland, doch auch die Deutschen zählen mit dem Wakeboard zu den stärksten Nationen. Julia Rick war 2016 Weltmeisterin bei den Frauen, Vanessa Weinhauer bei den Juniorinnen. Es fehlt jedoch gerade im weiblichen Bereich an der Breite. An fehlenden Trainingsmöglichkeiten liegt es nicht: Mit über 70 Anlagen – rund um Berlin zum Beispiel in Großbeeren, Zossen, Velten oder Potsdam – hat Deutschland weltweit die höchste Dichte an Wasserskilifts.

Weil es aber kaum Trainer und Vereine gibt, tut man sich schwer damit, neue Talente für den Leistungssport zu gewinnen. Auch Marie Grüneberg hatte nie einen richtigen Trainer. Die Grundlagen lernte sie von ihrem Vater, doch ansonsten hat sie sich die meisten Tricks selbst beigebracht oder von anderen Fahrern abgeschaut.

„Man sieht sich deren Tricks an und probiert sie danach einfach aus“, sagt sie. Neben Kraft, Ausdauer und der richtigen Technik ist beim Wakeboarden vor allem Mut gefragt. Eigentlich sollte das für Grüneberg kein Problem sein: Im Rutschenpark stürmt sie immer gleich auf die höchste Wasserrutsche, beim Kartfahren gibt sie stets Vollgas und wenn ihre Eltern es erlauben würden, dann würde sie am liebsten Fallschirmspringen. Doch auch sie packt beim Wakeboarden manchmal die Angst.

Punkte für saubere Ausführung und Sprunghöhe

Erst kürzlich wollte sie beim Training von einem Hindernis zum nächsten springen, doch der Abstand zwischen den beiden war doch ziemlich groß. „Ich bin erst fünf Mal daran vorbeigefahren, ehe ich mich dann endlich getraut habe“, erzählt sie. Im Wettkampf darf so etwas nicht passieren, wenngleich es immer zwei Läufe gibt, von denen nur der bessere gewertet wird. Punkte gibt es für eine saubere Ausführung und für die Höhe der Sprünge, doch es wird auch bewertet, ob man verschiedene Arten von Tricks zeigt oder immer nur dasselbe.

Weil die Bewertung immer relativ zum ersten Fahrer erfolgt und auch davon abhängt, wie hoch die Wertungsrichter dort ansetzen, lassen sich die Ergebnisse verschiedener Wettkämpfe nur schwer miteinander vergleichen. Das und die Tatsache, dass sich ein Wettkampftag oft über viele Stunden hinzieht, lassen Marie Grüneberg daran zweifeln, dass Wakeboard in näherer Zukunft olympisch werden könnte. Für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio stand die Sportart zwar schon auf der Liste möglicher neuer Disziplinen, wurde letztendlich aber doch nicht berücksichtigt.

„Ich glaube, dass viele Fahrer das ohnehin nicht wollen“, sagt Grüneberg. Viele würden befürchten, dass dadurch die entspannte Atmosphäre verloren geht, die den Sport bislang auszeichnet.