Stuttgart

Die Entdeckung der Zufriedenheit

Angelique Kerber gibt sich nach dem Wimbledonsieg gelassen wie nie. Das zeigt: Sie hat aus Fehlern gelernt

Stuttgart.  Der Rausch ist noch nicht ganz verflogen, der Rausch nach diesem Aufstieg in die Tennis-Unsterblichkeit. Und so hat Angelique Kerber (30) auch drei Tage nach ihrem Wimbledon-Triumph nicht ihr strahlendes Lächeln verloren, nicht die tiefe Zufriedenheit und auch nicht die Gelassenheit, um die nicht ganz neuen Fragen mit den nicht ganz neuen Antworten zu versehen. In Stuttgart stellte sie sich am Dienstag erneut ins Blitzlichtgewitter und den Fragen der Journalisten. „Ich begreife so langsam, was passiert ist. Und ich weiß, dass dieser Moment auf dem Center-Court für ewig in mir sein wird“, sagt Kerber.

Sie ist ein bisschen zu spät gekommen zu diesem gediegenen Pressetreff, denn Kerber kann zwar hin und wieder selbst die titanische Serena Williams bezwingen, aber gegen den Stuttgarter Verkehr ist auch sie machtlos, die zuvor mit dem Privatjet aus Posen eingeschwebt ist. Hier dann noch schnell ein Interview, da noch eine Fotosession – dann kann Kerber noch mal berichten, wie das so war in Wimbledon.

Natürlich müssen ein paar wichtige Dinge geklärt werden, etwa die Sache mit dem roten Kleid vom Champions Dinner: Durfte sie das denn behalten, als Königin von Wimbledon? Sie durfte in der Tat, berichtet Kerber und ist froh über die Großzügigkeit des All England Club. Kann allerdings auch sein, dass das Haus der Geschichte mal anfragt und nach dem roten Dress fragt, so wie einst nach Schuhen und Schlägern bei Boris Becker. Nächste Frage: Wurde auf der Stippvisite bei den Großeltern schon etwas Deftiges aufgetischt, als Belohnung für die Enkelin? Nein, dafür sei es zu spät geworden am Montag, es habe nur ein kleines Essen gegeben, dafür einen umso herzlicheren Empfang. Aber am Dienstag wird nun endlich gegrillt, draußen an der frischen, warmen Luft, wenn Kerber wieder zurückgeflogen ist nach Posen: „Das habe ich mir so gewünscht, ein Essen im Freien.“

Und sonst, welche Wünsche sind denn jetzt noch offen, nachdem der Hauptpreis verteilt worden ist, der Sieg, über den Kerber sagt, sie habe 30 Jahre darauf warten müssen? „Eigentlich gibt es keine Rechnungen mehr, die zu begleichen sind“, sagt Kerber, „ich kann für mich sagen, dass meine Karriere komplett ist.“ Andererseits gebe dieser Lebenstraum auch Motivation und Antrieb: „Ich weiß, dass ich noch vieles gewinnen kann. Aber ich setze mich da nicht mehr großartig unter Druck“, so Kerber, „es wird nicht so sein, dass ich in ein großes, schwarzes Loch falle. Auch Roger Federer gewinnt ja immer noch. Und ist auch immer noch da.“

Ein Grand-Slam-Titel fehlt Kerber in der exklusiven Sammlung, der von Paris, bei den French Open. Gilt dem nun alle Aufmerksamkeit und Konzentration? Das wehrt Kerber ab, schließlich gibt es nicht gerade eine große Liebesbeziehung zwischen den Sand-Festspielen und ihr selbst: „Aber wer weiß. Vielleicht kommt der Sieg noch mal dazu. Ich gehe es jedenfalls gelassen an.“

Vorerst aber freut sie sich auf die Sommerferien („Ich weiß noch nicht, wie lang“), wenngleich sie den Rummel schon ein wenig genießt. Gut 60 Journalisten sind aufmarschiert, das Interesse ist gewaltig. „Am wichtigsten für mich ist nun, dass ich Zeit für mich habe“, sagt sie dann noch, „denn Zeit ist kostbar, das habe ich gelernt.“ Lernen müssen, will sie damit auch sagen, damals nach der ersten Euphoriewelle 2016, als sie zwei Grand-Slam-Turniere gewann, die Nummer eins wurde, danach aber abstürzte, weil sie sich auch in der Terminhatz verlor, sich zu sehr aufrieb an den Pflichten neben dem Court. Diesmal soll es anders laufen.