WM-Kommentar

Die Lehre der WM: Es gibt keine Großen mehr

Nur europäische Mannschaften stehen im WM-Halbfinale. Nur Frankreich und Belgien wurde eine Favoritenrolle zugetraut. Ein Kommentar.

Einer der Besten bei der WM: Luka Modric.

Einer der Besten bei der WM: Luka Modric.

Foto: imago

Essen.. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren stehen nur europäische Mannschaften im WM-Halbfinale. Und seien wir ehrlich: Von diesen vier Nationen wurden allein Frankreich und mit Abstrichen Belgien eine Favoritenrolle zugetraut. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 bietet nicht nur aus deutscher Sicht Überraschungen. Nur zwei Beispiele.

Nehmen wir die Kroaten. Als Luka Modric sein Team durch die Verlängerung gegen Russland führte, erwischte man sich bei dem Gedanken: Warum hat sein Vereinskollege Toni Kroos nicht so hingebungsvoll gegen Südkorea gerackert? Modric hat, obwohl er bei Real Madrid spielt, nicht den Glamour Cristiano Ronaldos. Aber er steht im Halbfinale.

Argentinien, Portugal, Spanien und Deutschland sind ausgeschieden

Oder Belgien. Als die Mannschaft gegen Japan schwächelte, leitete Kevin De Bruyne den Konter zum Siegtreffer ein. Und er schoss das zweite Tor gegen Brasilien. Er wird bei Manchester City nicht so verehrt wie Lionel Messi in Barcelona, obwohl er der Kopf im Guardiola-Team ist. Aber er steht im Halbfinale. Brasilien hatte seinem Sturm und Drang nichts entgegenzusetzen.

Die WM gehört denen, die neu lenken. Es ist an der Zeit, dass der alte Vogts-Spruch, es gebe keine Kleinen mehr, revidiert wird. Es muss heißen: Es gibt keine Großen mehr. Argentinien und Portugal, Spanien und Deutschland – alle vorzeitig raus. Italien und Holland — in Russland nicht einmal dabei. Neymar, Messi, Ronaldo — alle weg.

Bleibt die Frage: Wie konnte die Entwicklung passieren? Die vier Halbfinalisten haben zwei Dinge gemeinsam. Erstens: Ihre besten Spieler haben in den besten Ligen ihren Feinschliff erfahren, in Spanien und England. Durch die tägliche Forderung im Training wird der Unterschied zu Nationalmannschaften, die in 20 Jahren Weltmeister wurden, per Export geringer.

Zweitens: Aus diesem Gemisch von Talenten ist jeweils ein Team mit überzeugender Spielidee geworden. Die spielen, was unübersehbar ist, Fußball aus einem Guss. Das kann man lernen. Sogar das Elfmeterschießen, siehe England. Da braucht man keinen Superstar, der die Dinge im Alleingang regelt. Keinen Ronaldo, keinen Messi, keinen Neymar. Und keinen Kroos.

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